Stirbt die Seeforelle wieder aus?

Nur dank eines Rettungsprogramms wurde die im 19. Jahrhundert vom Aussterben bedrohte Seeforelle gerettet. Mit dem Ausbau der Wasserkraftnutzung droht ihr dieses Schicksal erneut.

Oliver Müller
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Dank des Ende 1970 ins Leben gerufenen Bodensee-Seeforellen-Schutzprogramms, das verschärfte Schonbestimmungen brachte, sowie Nachzuchten, Besatz und beseitigten Wanderhindernissen erhöhte sich der Bestand der Seeforellen wieder – der Fisch ist auch heute noch im Gewässersystem Alpenrhein/Bodensee zu finden.

Erfolg des Programms gefährdet

Der Erfolg dieses Programms ist nun mit dem weiteren Ausbau der Wasserkraft im und am Alpenrhein in Frage gestellt. Jedes neue Kraftwerk verstärkt die unnatürlichen Wasserschwankungen noch, führt zu grossen, strömungsarmen Staustufen mit verschlammter Gewässersohle, produziert weitere Wanderhindernisse und kann zur potenziell tödlichen Fischfalle werden.

Die bei uns heimische Bodensee-Seeforelle gehört zu den Fischen, welche in ihrem Lebenszyklus verschiedene Lebensräume beansprucht. Die Fortpflanzung findet in den Zuflüssen des Bodensees auf kiesigen und schlammfreien Laichgründen statt. Dort verbringen die Jungfische ihren ersten Lebensabschnitt, bevor sie in den Bodensee schwimmen, wo sie genügend Nahrung für das Wachstum finden. Kurz vor Erreichen der Geschlechtsreife ziehen die erwachsenen Fische zur Fortpflanzung in ihre Herkunftsgewässer zurück.

Wenn die erwachsenen Bodensee-Seeforellen zu ihren Laichwanderungen in den Alpenrhein einsteigen, wartet ein beschwerlicher Weg auf sie. Im stark getrübten Alpenrhein ist das Vorwärtskommen gegen den Strom ohnehin kräfteraubend.

Starke Pegelschwankungen

Hinzu kommt, dass zahlreiche Kraftwerke zu Stromverbrauchsspitzenzeiten ihre Schleusen öffnen und Wasser turbinieren, was zu unnatürlich starken Pegelschwankungen (Sunk/Schwall) im Gewässer führt. Die fehlenden Strukturen im Rhein verschärfen die Strömungsverhältnisse für die Wanderfische zusätzlich. Schwellen und Kraftwerke stellen ebenfalls Hindernisse dar, die oft nur durch sogenannte Fischaufstiegshilfen wie Fischtreppen überwunden werden können. Doch nicht alle Fische finden diese Umgehungsmöglichkeiten. Das markanteste Hindernis im Alpenrhein ist das Kraftwerk Reichenau.

Rückweg durch die Turbinen

Hat die Seeforelle diese Hindernisse gemeistert und erfolgreich abgelaicht, schwimmt ein Teil der Elterntiere wieder in den Bodensee zurück. Dabei müssen sie, wie auch die erstmals wandernden Jungfische, die ihnen im Weg stehenden Kraftwerke passieren.

Dieses Mal geht es aber nicht über die Fischtreppe, da der Einstieg von oben kaum gefunden werden kann, sondern – geleitet von der Hauptströmung – schwimmen die Fische meistens direkt durch die Turbinen. Dabei werden die Fische oftmals durch die Schaufelräder der Turbinen tödlich verletzt.

Noch elf Fischarten

Eine fischökologische Bestandesaufnahme im Jahre 2005 der Fischereifachstellen am Alpenrhein zeigt ein katastrophales Ergebnis: Von den ursprünglich 31 im Alpenrhein vorkommenden Fischarten konnten lediglich noch elf Arten nachgewiesen werden und auch die Fischbestände sind extrem tief.

Die Fischereiverbände Liechtenstein, Graubünden, St. Gallen und Vorarlberg haben sich zur Arbeitsgemeinschaft ProFisch Alpenrhein zusammengeschlossen, um den Alpenrhein und seine Zuflüsse als Lebensraum zu erhalten.

Oliver Müller ist Koordinator von «Pro Fisch Alpenrhein», Zusammenschluss der Fischereiverbände im Rheintal. (Bild: Quelle)

Oliver Müller ist Koordinator von «Pro Fisch Alpenrhein», Zusammenschluss der Fischereiverbände im Rheintal. (Bild: Quelle)