Stipendiendschungel Ostschweiz

Ob und wie viel Stipendien ein Auszubildender erhält, hängt davon ab, in welchem Kanton er wohnt. Im Kanton St. Gallen hat er laut den Statistiken schlechte Karten.

Kaspar Enz
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Rund acht Prozent der Studierenden an den Schweizer Hochschulen erhalten Stipendien. Doch die Quoten unterscheiden sich je nach Kanton sehr stark. (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Rund acht Prozent der Studierenden an den Schweizer Hochschulen erhalten Stipendien. Doch die Quoten unterscheiden sich je nach Kanton sehr stark. (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Mehr als die Hälfte der Schweizer Studierenden sind Kinder von Eltern, die bereits einen Abschluss auf Hochschulstufe haben. Das zeigt der letzte Bericht über die soziale und wirtschaftliche Situation der Studierenden des Bundesamtes für Statistik. Aber auch die Kinder weniger begüterter Eltern sollen studieren können. Ermöglicht werden soll das unter anderem dank Stipendien. Ob jemand aber diese Unterstützung erhält, hängt in der Schweiz hauptsächlich davon ab, wo man lebt. Denn das Stipendienwesen ist in der Hoheit der Kantone. Die Spitzenreiter sind in der Westschweiz oder in Berggebieten zu finden: So zahlte der Kanton Waadt 2013 pro Kopf der Bevölkerung 78 Franken Stipendien. Und fast jeder vierte Bündner Studierende wird dabei von seinem Heimatkanton unterstützt.

Knausrige St. Galler?

Auch die Ostschweiz ist, was die Stipendien anbelangt, ein Flickenteppich. Während Innerrhoden über 15 Prozent seiner Studierenden an einer Universität oder Fachhochschule unterstützt, erhält rund jeder zehnte Studierende aus dem Thurgau oder aus Ausserrhoden Stipendien. Der Kanton St. Gallen liegt hingegen bei vielen dieser Statistiken weit hinten, auch im schweizweiten Vergleich. Nur knapp fünf Prozent der St. Galler Studierenden erhalten Stipendien. Nur in Zürich und Glarus ist diese Quote tiefer. Pro Kopf der Bevölkerung gab der Kanton im Jahr 2013 21 Franken für Stipendien aus. Knausriger war nur Schaffhausen.

Die nahen Hochschulen

Als knausrig würde Bernhard Thöny, Leiter des Dienstes für Finanzen und Informatik des kantonalen Bildungsdepartementes, den Kanton St. Gallen jedoch nicht bezeichnen. «Bei der durchschnittlich ausbezahlten Summe sind wir im Mittelfeld», sagt er. Und die tiefen Bezügerquoten lassen sich erklären. «Kantone mit gut ausgebautem Bildungssystem haben meist tiefere Quoten», sagt er. Wer seine Ausbildungsstätte gut erreichen kann, muss für Studium oder Lehre nicht von zu Hause ausziehen. Das senkt die Kosten der Ausbildung. Und nach diesen richten die Kantone die Ausrichtung von Stipendien. Deshalb wiesen gerade Bergkantone hohe Bezügerquoten auf. «Wer aus dem Puschlav stammt, muss wegziehen, wenn er studieren will.» Ein zweiter Grund: «Der Kanton St. Gallen hat eine tiefe Maturitätsquote», sagt Thöny. Das senkt die Zahl derer, die für eine Hochschulausbildung Stipendien beantragen. Gleichzeitig fliesst mehr als die Hälfte des Gesamtbetrags für Stipendien im Kanton St. Gallen an Auszubildende in der Berufsbildung oder an einer Maturitätsschule.

Allerdings sind die Stipendienwesen der Schweizer Kantone im Umbruch. 2013 trat das Stipendienkonkordat in Kraft. Bis 2018 müssen die Mitgliederkantone die Vorgaben umsetzen. Ausser Appenzell Innerrhoden sind alle Ostschweizer Kantone dem Konkordat beigetreten. Angeglichen werden vor allem Formalitäten. Das Konkordat klärt, wer in welchem Kanton Stipendien beantragen muss und für welche Ausbildungen sie gesprochen werden. «Eine Annäherung der heute sehr unterschiedlichen Systeme, keine vollständige Harmonisierung», sagt Thöny. Das Konkordat legt aber auch fest, dass der Höchstansatz für ein Stipendium der Tertiärstufe mindestens bei 16 000 Franken pro Jahr liegen müsse. Bis im letzten Jahr lagen alle Ostschweizer Kantone tiefer. Der Thurgau hat das Konkordat bereits letztes Jahr umgesetzt, St. Gallen erhöht diesen Sommer den Höchstansatz von 13 000 auf 16 000 Franken. Davon dürften im Kanton rund 100 Bezüger profitieren.

Vielfalt mit Vorteilen

Grosse Unterschiede bestehen aber weiterhin in der Art und Weise, wie die Kantone die Stipendien berechnen. Die Konferenz der Konkordatskantone arbeitet zwar an unverbindlichen Richtlinien. Wie konkret diese ausgestaltet werden, ist aber noch unklar. Das habe auch Vorteile, meint Bernhard Thöny. «In einem föderalistischen System herrscht ein Wettbewerb der Ideen. So ist eine gewisse Vielfalt nichts Schlechtes.»