Stiller Abschied von Arabellissima

Sie war einer der grössten Opernstars der Welt. Sopranistin Lisa Della Casa ist am Montag im Alter von 93 Jahren gestorben. Bis zu ihrem Tod lebte sie – fast unbemerkt – mit ihrem Mann und ihrer Tochter im Schloss Gottlieben.

Donat Beerli
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Lisa Della Casa bei einem Auftritt im Zürcher Opernhaus 1973. (Bild: ky)

Lisa Della Casa bei einem Auftritt im Zürcher Opernhaus 1973. (Bild: ky)

GOTTLIEBEN. Bekannt in der Welt – unbekannt zu Hause. «Mir ist Lisa Della Casa noch nie begegnet», sagt Martin Bächer, der seit 30 Jahren nur wenige hundert Meter vom Schloss entfernt wohnt. Seit dem Ende ihrer schillernden Opernkarriere mied Lisa Della Casa die Öffentlichkeit konsequent und lebte mit ihrer Tochter Vesna und ihrem Mann, dem jugoslawischen Journalisten und Kunsthistoriker Dragan Debeljevic, ein ruhiges und zurückgezogenes Leben im Schloss Gottlieben. Dieses hatte das Paar ein paar Jahre nach der Geburt der Tochter in den 1950er-Jahren gekauft.

In der Welt zu Hause

Als Tochter eines theaterbegeisterten Augenarztes mit Tessiner Wurzeln in Burgdorf geboren, wuchs Lisa Della Casa mit Dialektstücken und Laienbühnen auf. Die renommierte Gesangspädagogin Margarethe Haeser war dann während acht Jahren für die Ausbildung der Stimme zuständig. Mit 21 debütierte Lisa Della Casa als Cho-Cho-San in Puccinis «Butterfly» auf den Bühnen von Solothurn und Biel.

Nur drei Jahre später holte sie Karl Schmid-Bloss ans Zürcher Opernhaus. Die Strauss-Oper «Arabella» verhalf der jungen Sopranistin 1947 zum Durchbruch. War sie zuerst für die Titelrolle vorgesehen, musste sie dann Maria Cebotari von der Staatsoper Wien weichen und übernahm dafür den Part der Zdenka. Der Premiere wohnte auch Richard Strauss bei. Er soll damals nach der Aufführung gesagt haben, dass sie «die ganz grosse Arabella» werde. Und so kam es dann auch. Lisa Della Casa avancierte zur «Arabellissima» und eroberte als gefeierte Primadonna die grossen Opernhäuser der Welt.

Als Tochter Vesna erkrankte, entschied sich Lisa Della Casa, ihre Karriere zu beenden und fortan ihre ganze Energie der Familie zu widmen. «Diese Entscheidung war für die ganze Opernwelt ein Schock», sagt Gunna Wendt, die mit Monika Faltermeier das Leben der Sängerin in einem Buch nachgezeichnet hat und dafür zum ersten Mal seit ihrem Karrierenende mit der Sängerin gesprochen hatte. Sie habe sich nicht darum geschert, was die Öffentlichkeit von ihr dachte, sagt Gunna Wendt. Sie habe Prioritäten gesetzt und sei dazu gestanden. «Diese Konsequenz ist bewundernswert.» In Gottlieben blieb die berühmte Sängerin eine grosse Unbekannte. «Ich habe sie in dreissig Jahren vielleicht zwanzigmal gesehen», sagt eine Nachbarin, die ungenannt bleiben möchte. Die Familie wollte ihre Privatsphäre, das habe man respektiert. Es gibt nur wenige Menschen in Gottlieben, welche die Kammersängerin einmal gesehen haben. Zu ihnen zählt der ehemalige Gemeindeammann Erich Bühlmann, der ihr an ihrem 90. Geburtstag in ihrem Schloss gratulierte. Sie habe eine ruhige und angenehme Art gehabt, sagt Bühlmann.

«Sie war eine Persönlichkeit»

Warum die Sopranistin den Kontakt mit den Gemeindemitgliedern nicht gesucht hat, kann Gunna Wendt nur vermuten. Sie sei ihr ganzes Leben abgeschottet gewesen, das präge einen Menschen. Ursula Inderkum hatte als Treuhänderin der Familie vor allem mit ihrem Mann zu tun. Trotz ihres schlechter werdenden Gesundheitszustandes habe Lisa Della Casa bis zuletzt eine einzigartige Ausstrahlung gehabt. «Eine Persönlichkeit eben.»