«Nicht jedes Bauernhaus ist schützenswert»: St.Galler Baubehörden weisen Kritik der Stiftung Landschaftsschutz zurück

Die Abteilung Bauen ausserhalb Bauzone im St.Galler Baudepartement hält die Vorwürfe von Chef-Landschaftsschützer Raimund Rodewald für «masslos übertrieben». Zwar bestätigt es den Bauboom im ländlichen Raum, doch bemühe man sich um eine gute Baukultur. Im Toggenburg hat ein entsprechender Leitfaden der Gemeinde Nesslau schon viel bewirkt.

Marcel Elsener
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Typische Obertoggenburger Streusiedlung, prächtiges Bildbeispiel aus dem Leitfaden Nesslaus.

Typische Obertoggenburger Streusiedlung, prächtiges Bildbeispiel aus dem Leitfaden Nesslaus.

Bild: René Güttinger/RG Blick

Anfang November schlug die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) Alarm: Der Abbruch der regionaltypischen Bauernhäuser im Kanton St.Gallen gehe «im Schnellzugstempo» weiter, die Qualität der Ersatzneubauten lasse «in den allermeisten Fällen völlig zu wünschen übrig, der Bauboom ausserhalb der Bauzone bedrohe das baukulturelle Erbe «massiv». In einem offenen Brief an den St.Galler Baudirektor Marc Mächler forderte SL-Geschäftsleiter Raimund Rodewald rasche Vorkehrungen, um «diese Entwicklung in normale Bahnen zu lenken». Dazu beklagte Rodewald in der zuständigen Abteilung im Amt für Raumentwicklung und Geoinformation (Areg) «massive Kapazitätsengpässe, um diese Abrissflut rechtlich zu bewältigen».

Die einspracheberechtigten regionalen Verbände von Heimatschutz und WWF teilen die Kritik der Stiftung. Seit Jahren fordern sie von der Abteilung Bauen ausserhalb Bauzone eine strengere Beurteilung von gestalterisch grenzwertigen Neubauten und den vermehrten Einbezug von Fachleuten aus der Denkmalpflege und der Architektur. Und sie weisen auf Mängel im Vollzug hin: Weil der Kanton seine Aufsichtspflicht über die Gemeinden nur sporadisch wahrnehme, blieben zahlreiche illegale Bauten geduldet. In der Folge sich der WWF jüngst auf Fälle konzentriert, in denen Gemeinden die gerichtlich beurteilte Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes umsetzen müssten.

Gesuche für Wohnhausabbrüche und Neubauten steigen weiter an

Im St.Galler Baudepartement nimmt man die Kritik ernst. Statt eines offenen Antwortbriefs, wie zunächst in Aussicht gestellt, will man die Vorwürfe in einer Aussprache mit SL-Chef Rodewald Anfang Februar 2020 klären. Die zunehmende Zahl der Baugesuche für Abbruch und Ersatz von Wohnhäusern bestätigt auch Jakob Ruckstuhl, Leiter Abteilung Bauen ausserhalb Bauzone im Areg. Tatsächlich sind es noch mehr als der genannte Durchschnitt von 30 Abrissen und Neubauten pro Jahr: 2018 gingen beim Kanton 81 entsprechende Baugesuche zur Behandlung ein, 2019 bis Ende November 65 Baugesuche, womit es bis Ende Jahr wieder gleich viel werden dürften. Anhand dieser Statistik liessen sich die Wohnhäuser indes nicht auf ehemalige Bauernhäuser eingrenzen, erklärt Ruckstuhl. Dazu müsste man jedes Dossier einzeln prüfen.

Den von Verbandsvertretern suggerierten Eindruck, die Behörden sässen im «Glasturm» und würden die Gesuche «durchwinken», weist Ruckstuhl entschieden zurück. Seine Abteilung behandle mit 780 Stellenprozenten jährlich 1500 Baugesuche, wovon 400 Bauermittlungen, von der Mistplatte bis zum Bergrestaurant. Dabei gebe es, erst recht bei Wohnbauten, «oft fünf, sechs Runden» und sei demnach das Mehraugenprinzip mehrfach erfüllt. Abgesehen davon, dass St.Gallen im Unterschied etwa zu beiden Appenzeller Kantonen keine einschränkenden Vorschriften zum Bauen ausserhalb Bauzone kenne, seien viele alte Bauten «weder schützens- noch erhaltenswert», so Ruckstuhl.

«Es ist keineswegs so, dass jedes Bauernhaus ein Schmuckstück und zu kopieren wäre. Manchmal handelt es sich um marode Hütten, um deren Abriss es nicht schade ist.»

Die Behauptungen von Rodewald seien «masslos übertrieben», wehrt sich Abteilungsleiter Ruckstuhl und verweist dabei auf die verhältnismässig geringe Zahl der strittigen Fälle. Seit seinem Amtsantritt 2007 wurden folgende positive Teilverfügungen des Areg zu Ersatzbauten mit entsprechender Baubewilligung der Gemeinde angefochten: seitens SL vier Rekurse (drei zurückgezogen, einer hängig), seitens WWF fünf Rekurse (alle durch das Baudepartement zugunsten WWF gutgeheissen), seitens Heimatschutz ein Rekurs (zurückgezogen). Zudem kamen seit 2007 nur zwei St.Galler Fälle vor Bundesgericht, obwohl der Kanton aufgrund seiner Geografie schweizweit massgeblich sei. Die Fälle betrafen den Neubau eines Betriebsleiterwohnhauses in Jonschwil und den Ersatzbau eines Ferienhauses in Degersheim – beide mit negativem Bescheid.

Nesslau und das Toggenburg gehen mit gutem Beispiel voran

Entschärft hat sich die Situation jedenfalls im Toggenburg, das sich angesichts des Baubooms verstärkt um die historische Baukultur in der Streusiedlung bemüht. Aus der Not hat Nesslau im Verbund mit Ebnat-Kappel und Wildhaus-Alt St.Johann eine Tugend gemacht: Sein 2018 erschienener Leitfaden «Bauentwurf im ländlichen Raum», im Auftrag der Gemeinde erstellt von Gemeinderat und Architekt Bernhard Güttinger, erklärt Grundeigentümern, Architekten und Planern die regionale Baukultur und gibt Empfehlungen für die Projektierung von Bauten ausserhalb der Bauzone.

Rodewald habe mit seiner Kritik recht, sagt Gemeindepräsident und FDP-Kantonsrat Kilian Looser.

«Uns hat die Situation selber gestört, dass immer mehr Leute aufs Grüne hinaus Neubauten planten, die keine Rücksicht auf die Situation nahmen.»

Mit dem behördenverbindlichen Leitfaden habe man nun ein Mittel zur Hand, um die Bauherren quasi «zu ihrem Glück zu zwingen». Entscheidend sei der Planungsprozess, der jetzt gut funktioniere: «Wer sich mit dem Leitfaden befasst und sich von uns beraten lässt, merkt bald, dass es gar nicht so viel braucht.»

Der sorgfältige Umgang mit dem Thema hat Nesslau von vielen Seiten Lob eingebracht, auch von Kantons- und Bundesseite und speziell von den Toggenburger Heimatschutz-Vertretern Jörg Rüesch und Bruno Bossart, die zahlreiche Bauberatungen übernehmen. Bereits arbeiten andere Gemeinden in der Region, wie Wattwil, mit dem vorbildlichen Leitfaden. Und die zusätzlichen Ressourcen? Die brauche es nicht unbedingt, meint Looser: «Wer die strenge, aber interessante Aufgabe der Baukultur ernst nimmt, und das muss eine Gemeinde, der kann nicht nur Rosinen herauspicken und darf diese Aufgabe nicht scheuen.»

Ob ein solcher Leitfaden auch für den Kanton in Frage kommt, dürfte im Austausch des Baudirektors und seiner Amtsleiter mit Rodewald ebenso zur Sprache kommen wie die Beurteilungskriterien und eine allfällige architektonische Unterstützung. Fachliche Beratungen, ob von Amtes wegen oder durch den Heimatschutz, seien nicht zuletzt eine Frage der Ressourcen, meint Ruckstuhl. Was auch für den Vollzug gilt, der dem politischen Willen im Kantonsrat und der St.Galler Bevölkerung entspreche. Das Gezerre um das Planungs- und Baugesetz des Kantons hat jüngst wieder gezeigt, dass Privateigentum (zumal im Bauernstand) und Gemeindeautonomie hierzulande nur beschränkt antastbare Werte sind.

Zeitgemäss bauen und dabei Kulturlandschaft im Obertoggenburg erhalten

Die harmonische Einbettung von Bauten und Anlagen in die charakteristische Landschaft des Obertoggenburgs ist anspruchsvoll. Sie verlangt einen geschärften Blick für die ortsbaulichen Besonderheiten und einen sorgfältigen Bauentwurf. Der vorliegende Leitfaden «Bauentwurf im ländlichen Raum» soll Bauherren und Planer bei der Projektierung unterstützen.
Sabine Camedda