Kommentar

St.Galler Ständeratswahl: Im Zweifel ist das Volk weder links noch rechts, sondern für das Bekannte und Bewährte

Bei der St.Galler Ständeratswahl können die Bisherigen Benedikt Würth (CVP) und Paul Rechsteiner (SP) einen Start-Ziel-Sieg feiern. Nicht nur der SVP muss das Resultat zu denken geben. 

Andri Rostetter
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Andri Rostetter, Leiter Ressort Ostschweiz. (Bild: Ralph Ribi)

Andri Rostetter, Leiter Ressort Ostschweiz. (Bild: Ralph Ribi)

So sieht ein Start-Ziel-Sieg aus. Paul Rechsteiner (SP) und Benedikt Würth (CVP) konnten ihre Sitze im Ständerat im zweiten Wahlgang mühelos verteidigen. Verliererin ist einmal mehr die SVP. Ihr Kandidat Roland Rino Büchel konnte den beiden Bisherigen nie gefährlich werden. Sogar in den SVP-Stammlanden im Rheintal und im Toggenburg blieb Büchel teils hinter Gewerkschafter Rechsteiner zurück. Gegen den querbeet beliebten Würth hatte der SVP-Mann ohnehin keine Chance.

Die SVP hatte es auf Rechsteiner abgesehen. Sie wusste aber auch, dass die Aufgabe praktisch unlösbar ist. Bei Personenwahlen ist das Volk im Zweifel weder links noch rechts, sondern für das Bekannte und Bewährte. Büchel sitzt zwar seit bald zehn Jahren im Nationalrat. Ein Mann des Volkes ist er in dieser Zeit aber nicht geworden. Der Rheintaler ist ein klassischer Parteivertreter geblieben, der ausserhalb der SVP-Basis kaum Stimmen holt.  

Das erklärt auch, warum die SVP vor diesem Wahlgang wieder einmal die Mär von der ungeteilten bürgerlichen Standesstimme bemühte. Mit den beiden Bürgerlichen Büchel und Würth, so die Behauptung, könne St.Gallen geeint im Stöckli auftreten. Diese Argumentation gehört ins Reich der politischen Fabeln.

Die ungeteilte Standesstimme ist nämlich nur dann ausschlaggebend, wenn es um Geschäfte geht, die dem Kanton unmittelbar nützen. Das sind naturgemäss Infrastrukturprojekte wie der Bahnausbau oder Rahmenbedingungen wie der Finanzausgleich. Bei diesen Geschäften spielt die Parteifarbe meist eine untergeordnete Rolle.

Spätestens seit den Erfolgen des Duos Rechsteiner/Keller-Sutter weiss das auch das Volk. Selten hat ein Ständeratsgespann besser harmoniert und mehr für den Kanton herausgeholt.  

Es ist dem neuen alten St.Galler Ständeratsduo zuzutrauen, ein ähnlich gutes Gespann zu werden. Denn auch Würth eilt der Ruf voraus, ein Konsenspolitiker zu sein, der Lösungen über die Ideologie zu stellen vermag. Ob er das Erbe von Keller-Sutter antreten will und kann, muss er aber noch unter Beweis stellen. Nichts mehr beweisen muss dagegen Rechsteiner. Es wird wohl seine letzte Legislatur in der Bundespolitik sein. Zurücklehnen wird er sich kaum. Rechsteiner ist ein politischer Missionar, ein Besessener. Das wird auch dem Kanton zugute kommen. 

Ganz nebenbei wurde dieser Wahlgang für die FDP zu einem historischen Wendepunkt. Es war nämlich die erste St.Galler Ständeratswahl ohne freisinnige Beteiligung seit der Kantonsgründung 1803 - und fast niemand hat's gemerkt.