Wegen mutmasslichen Kindesmissbrauchs: St.Galler Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Kunstturntrainer, der sich an Schützling vergangen haben soll

Der entlassene Cheftrainer des Regionalen Leistungszentrums für Kunstturnen in Wil soll eine minderjährige Turnerin missbraucht haben. Nach Abschluss der Strafuntersuchung erhebt die St.Galler Staatsanwaltschaft nun Anklage wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit einem Kind sowie Nötigung.

Linda Müntener und Odilia Hiller
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Der Fall am RLZO schlug national hohe Wellen.

Der Fall am RLZO schlug national hohe Wellen.

Bild: Benjamin Manser

Die Strafuntersuchung gegen den ehemaligen Cheftrainer des Regionalen Leistungszentrums Ostschweiz für Kunstturnen in Wil ist abgeschlossen. Der Mann muss sich vor Gericht verantworten.

Das geht aus einem internen Schreiben der St.Galler Staatsanwaltschaft hervor, das unserer Zeitung vorliegt. Gegen den Mann wird wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit einem Kind, mehrfacher Nötigung sowie versuchter Nötigung Anklage erhoben.

Die Medienstelle der Staatsanwaltschaft bestätigt am Dienstag, dass eine entsprechende Mitteilung an die Parteien erfolgt ist. Innert einer Frist von 10 Tagen könnten nun allerdings Beweisanträge geltend gemacht werden – was die Zeit bis zu definitiven Anklageerhebung allenfalls verzögern könnte.

Fall schlug hohe Wellen

Der mutmassliche Missbrauchsfall am Regionalen Leistungszentrum Ostschweiz (RLZO) schlug national hohe Wellen. Im August 2019 wurde der ungarische Cheftrainer der Frauen verhaftet und in Untersuchungshaft genommen. Er soll sexuelle Handlungen an einer minderjährigen Kunstturnerin vorgenommen haben.

Sein Opfer: einer seiner Schützlinge. Die Turnerin zeigte ihn an, weil er sie als 15-Jährige im Jahr 2017 bei sich zu Hause betrunken gemacht und mehrfach sexuell missbraucht haben soll.

Gegen Kaution frei gekommen

Mitte Oktober kam der mittlerweile gekündigte Cheftrainer gegen Kaution frei. Die Staatsanwaltschaft, die eine Verlängerung der Untersuchungshaft beantragt hatte, ermittelte weiter.

Der Vorstand des Leistungszentrums, das Kunstturntalente für eine nationale Sportkarriere ausbilden soll, ernannte daraufhin die Ehefrau des Beschuldigten zur neuen Cheftrainerin. Das mutmassliche Opfer des Ex-Cheftrainers gab wenig später den Spitzensport auf.

Die Kaderturnerin führte an, wegen mangelnder Unterstützung durch die Verantwortlichen des Zentrums am Ende ihrer Kräfte zu sein. Auch mit Eltern ihrer Mitturnerinnen und Mitturner war es zu Konflikten gekommen.

Mutmassliches Opfer erklärte sich

Das Mädchen ging im vergangenen August in die Offensive und erklärte gegenüber unserer Zeitung: «Ich habe meinen Trainer angezeigt, weil er mich sexuell missbraucht hat.» Weiter sagte sie, ein Teil der Eltern anderer Turnerinnen und Turner bezichtige sie mehr oder weniger offen der Lüge.

«Warum sollte ich so etwas Schlimmes erfinden? Das würde ich nie tun.»

Die Situation sei für sie sehr schwer, der Trainer für sie «wie ein zweiter Vater» gewesen. Er habe ihr gesagt, sie dürfe niemandem etwas erzählen, weil das ihm und ihr sehr schaden könnte. Sie habe sich eineinhalb Jahre daran gehalten. «Ich wollte die anderen Turnerinnen vor dem Skandal schützen. Und seine Frau.»

Seit kurzem ist am Leistungszentrum, das unter Aufsicht des St.Galler und Schweizer Turnverbandes als Verein organisiert ist, ein neuer, ausgewechselter Vorstand tätig.

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