Analyse

St.Galler Regierungsratswahlen: Nun spricht alles für die SVP und die Frauen

Die CVP kann ihren Niedergang stoppen, SVP und FDP verlieren ihre gemeinsame Mehrheit, die Frauen bleiben untervertreten: Die wichtigsten Erkenntnisse aus den St.Galler Wahlen und was sie für den zweiten Wahlgang bedeuten.

Andri Rostetter
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Andri Rostetter

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Bild: Ralph Ribi

Für Susanne Hartmann hat es gereicht. Die Wiler Stadtpräsidentin schafft im ersten Wahlgang den Sprung in die St.Galler Pfalz. Überraschend ist das nicht, die Zeichen sprachen für Hartmann: Sie ist eine Frau mit Exekutiverfahrung, sie vertritt die bürgerliche Mitte. Und sie kommt aus einer Region, die nicht richtig ländlich, aber auch nicht urban ist. Damit kann man in einem heterogenen Kanton wie St. Gallen fast in allen Milieus Stimmen holen.

Dass Hartmann im ersten Anlauf durchmarschieren konnte, ist auch Ausdruck eines eklatanten Missverhältnisses. 48 Jahre nach Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts sind die Frauen in der St.Galler Exekutive noch immer massiv unterrepräsentiert. Dass Hartmann die einzige Frau in der Regierung bleibt, ist nicht komplett unwahrscheinlich. Mit Michael Götte (SVP) und Beat Tinner (FDP) sind noch zwei Männer im Rennen um die verbleibenden zwei Sitze. Beide haben im ersten Wahlgang mehr Stimmen geholt als die linken Frauen Laura Bucher (SP) und Rahel Würmli (Grüne). Und beide haben einen politischen Leistungsausweis, der sicher nicht gegen ein Regierungsamt spricht.

Götte und Tinner werden sich aber hüten, vor dem zweiten Wahlgang allzu offensichtlich als bürgerliches Zweiergespann aufzutreten. Es würde ihnen weniger als Angriff auf die Linke, sondern auf die Frau ausgelegt werden. Das linke Lager dürfte dagegen die Kräfte bündeln und sich auf eine Kandidatin einigen. Mit zwei Sitzen ist die Linke in der Regierung adäquat vertreten, ein dritter ist nicht realistisch. Das nackte Resultat des ersten Wahlgangs spricht für Bucher. Mit einem Vorsprung von 6000 Stimmen auf Würmli hat sie eindeutig die besseren Chancen.

Damit tritt am 19. April aller Voraussicht nach eine 35-jährige Linke gegen zwei bürgerliche Männer an, die sich in vielen Punkten gleichen. Beide sind in ihren Vierzigern, beide präsidieren eine Landgemeinde, beide politisieren klar rechts der Mitte. Angesichts dieser Überschneidungen spricht zumindest die parteipolitische Arithmetik für Michael Götte. Als wählerstärkste Partei im Kanton ist die SVP in der Regierung nach wie vor klar untervertreten. Daran ändern auch die jüngsten Sitzverluste nichts.

Gleichzeitig haben SVP und FDP im Parlament ihre gemeinsame Mehrheit verloren, der Freisinn ist nur noch drittstärkste Partei. Es widerspräche den Gepflogenheiten der Konkordanz, würden die beiden Parteien in der Regierung die Mehrheit stellen. Auch insgesamt ist das Parlament leicht nach links gerutscht. Grüne und Grünliberale legen je vier Sitze zu, die CVP kann den jahrzehntelangen Niedergang stoppen.

Dennoch bleibt der St.Galler Kantonsrat durch und durch bürgerlich. Das linke Lager kommt auf knapp ein Viertel der Sitze im Parlament – was nicht ganz zwei Regierungssitzen entspricht. Daraus lässt sich ableiten, wer fairerweise Anspruch auf die verbleibenden zwei Sitze in der Regierung hat: Die SVP und die Frauen. Zumindest für die Akzeptanz der Regierung wäre dies nicht die schlechteste aller Möglichkeiten.

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