St.Galler Regierung verlangt gestaffelte Aufhebung des Lockdowns in der Schweiz – ohne kantonale Alleingänge

Die Ansteckungswelle flacht ab, die Zahl der Coronapatienten in den St.Galler Spitälern ist konstant: Die Kantonsregierung fordert nun vom Bundesrat eine gut dosierte Lockerung der Einschränkungen. 

Adrian Vögele
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«Abstandhalten und Händewaschen werden uns noch lange begleiten»: Regierungspräsidentin Heidi Hanselmann.

«Abstandhalten und Händewaschen werden uns noch lange begleiten»: Regierungspräsidentin Heidi Hanselmann.

Michel Canonica

Das Schlimmste könnte vorbei sein: In Bundesbern herrscht vorsichtiger Optimismus, was die Coronazahlen betrifft. Dieselbe Stimmung war am Dienstagnachmittag an der wöchentlichen Medienkonferenz der St. Galler Regierung spürbar. «Wir sehen Licht am Ende des Tunnels», sagt Regierungspräsidentin und Gesundheitschefin Heidi Hanselmann. Die Ansteckungswelle flache ab, die Ausbreitung des Virus habe sich verlangsamt. «Der Peak, den wir befürchteten, wurde nicht erreicht.» Die Bevölkerung halte die Vorsichtsmassnahmen gut ein. «Das ist ein wichtiges Signal an den Bundesrat, der in den kommenden Tagen über die Lockerung des Lockdowns entscheiden wird.» Es gehe nun darum, «das Erreichte nicht auf aufs Spiel zu setzen.»

Fredy Fässler, St.Galler Justizdirektor

Fredy Fässler, St.Galler Justizdirektor

Urs Bucher

Laut Justizdirektor Fredy Fässler war die polizeiliche Lage im Kanton über die Ostertage sehr ruhig. «Die Leute haben die Bewährungsprobe mit Bravour bestanden. Das gibt mir Hoffnung, dass wir die Einschränkungen in der Schweiz lockern können, ohne dass eine zweite Pandemiewelle ausgelöst wird.»

Landesgrenze wird wohl nicht zuerst geöffnet

Die St.Galler Regierung hat dem Bundesrat ihre Vorstellungen mitgeteilt: Die Lockerung der Massnahmen müsse national koordiniert erfolgen. «Zwar ist es denkbar, dass Kantone, die stark vom Virus betroffen sind, einen leicht anderen Zeitplan verfolgen als weniger stark betroffene Kantone. Aber insgesamt braucht es ein gesamtschweizerisches Vorgehen», sagt Hanselmann. Zudem müsse die Lockerung schrittweise und dosiert erfolgen.

«Nach jedem Schritt sollte eine Zwischenphase stattfinden, in der man evaluieren kann, wie sich die Massnahme auf die Ansteckungszahlen auswirkt.»

Laut Fredy Fässler wird die Öffnung der Landesgrenze ziemlich sicher nicht zu den ersten Schritten gehören.
Die Zahl der Coronapatienten in der St.Galler Spitälern ist seit zwei Wochen stabil: Im Durchschnitt befinden sich 10 Fälle auf den Intensivstationen und 53 in normaler Isolation. «Wir erwarten, dass die verfügbaren Kapazitäten nicht ausgeschöpft werden», sagt Kantonsärztin Danuta Reinholz. Bislang sind 23 Personen im Kanton an Covid-19 gestorben, davon 9 in Alters- und Pflegeheimen – das Durchschnittsalter der Verstorbenen beträgt 80 Jahre. In drei Heimen haben sich manche Mitarbeiter und Bewohner mit Corona angesteckt. Zu den Örtlichkeiten macht der Kanton keine Angaben. Die Ausbrüche seien unter Kontrolle, sagt Reinholz.

Die drei kantonalen Corona-Konsultationszentren sind derzeit nicht ausgelastet. «Das ist auch gut so», sagt Hanselmann. Sie seien als Entlastungsmassnahme zugunsten des Gesundheitssystems eingerichtet worden. Möglich sei, dass die Konsultationszentren eine neue Aufgabe erhalten, wenn Antikörpertests verfügbar seien.

Streit um Kurzarbeit an den Spitälern

Die Spitäler befinden sich wegen der Pandemie in einer schwierigen Lage (Ausgabe vom Dienstag): Die Ostschweizer Spitalverbunde haben Kurzarbeit beantragt – doch es herrscht Uneinigkeit darüber, ob öffentliche Spitäler dafür rechtlich überhaupt in Frage kommen. Die Gesundheitsdirektoren-Konferenz akzeptiere es nicht, dass öffentliche und private Spitäler bezüglich Kurzarbeit ungleich behandelt würden, sagt Hanselmann.

«Wir fordern dazu einen Runden Tisch mit Bund, Kantonen und Krankenversicherern. Die Einnahmenausfälle bei den Spitälern aufgrund der aktuellen Situation sind massiv.»

Diskussionen hat auch ein Artikel von «20 Minuten» ausgelöst, wonach eine Mitarbeiterin des St. Galler Kantonsspitals, die sich mit dem Coronavirus angesteckt hatte, bereits nach zwei Tagen wieder zur Arbeit erscheinen musste, obwohl im Spital keine Personalknappheit geherrscht habe. «Wir haben das sofort abgeklärt», sagt Reinholz. Der Fall habe sich aber nicht verifizieren lassen. Auf einen entsprechenden Aufruf des Kantonsspitals habe sich niemand gemeldet. Die Darstellung, dass infizierte Mitarbeiter am Kantonsspital weiterarbeiten müssten, treffe aber nicht zu, sagt Reinholz. «Das Kantonsspital ist diesbezüglich sehr vorsichtig.»

Die Kantonsärztin appelliert an die Bevölkerung, die Vorsichts- und Hygienemassnahmen weiterhin einzuhalten. Auch Gesundheitschefin Hanselmann sagt: «Abstandhalten und Händewaschen – das wird uns noch lange begleiten».

Die St.Galler Regierung führt ab jetzt keine fixe, wöchentliche Corona-Medienkonferenz mehr durch. Das Informationsbedürfnis habe inzwischen wieder etwas abgenommen.

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