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St.Galler Politik will Mountainbiker bändigen

Sind Mountainbiker rücksichtslose Raser oder eine lukrative Zielgruppe für den Tourismus? Die Linke ist sich nicht einig. Das zeigen zwei Vorstösse aus dem St.Galler Kantonsrat.
Michael Genova

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Sie jagen wie die Teufel quer durch den Wald. Springen über Wurzeln, Büsche und selbstgebaute Rampen. Und in Haarnadelkurven bremsen sie, bis der Dreck spritzt. Mountainbiker haben die Ostschweiz längst für sich entdeckt. Häufig verlassen sie allerdings die Waldstrassen, denn nur schmale Singletrails verheissen Adrenalinschübe. Doch das sind oft Wanderwege.

Der grüne St.Galler Kantonsrat Meinrad Gschwend sieht diese Entwicklung mit Sorge. «Es gibt einen gewissen Wildwuchs.» Er beobachte, dass immer mehr Trails entstünden, die durch Schutzgebiete oder hoch gelegene Gebiete führten. Ausserdem würden künstliche Schanzen oft ohne Bewilligung mitten in den Wald gebaut. «Viele Biker haben von der Natur keine Ahnung.»

Kantonsrat fordert Planung für Bikerouten

Die Wälder rund um Gschwends Wohnort Altstätten sind ein beliebtes Ziel, denn vom Stoss oder vom St.Anton führen rasante Trails hinunter ins Rheintal. Schnell spricht sich in der Szene herum, wo die besten Strecken sind. Auch dank Internetportalen wie «Traildevils», das im Rheintal sieben Routen auflistet. «Ich will nicht das Biken verteufeln», sagt Gschwend. Es gehe ihm dar­um, den Sport in geordnete Bahnen zu lenken. In einer Interpellation fordert er deshalb eine «vorausschauende Mountainbike-Planung». Oft sei unklar, welche kantonalen Stellen für die Bewilligung neuer Strecken zuständig seien.

In eine ganz andere Richtung zeigt ein aktueller Vorstoss seines Fraktionskollegen Martin Sailer. Der Toggenburger SP-Kantonsrat fordert freie Fahrt für Mountainbiker auf allen St.Galler Wanderwegen. Als leuchtendes Vorbild dient ihm Graubünden, wo seit Jahren gilt: Praktisch jeder Wanderweg ist auch ein Biketrail. Der Kanton St.Gallen hingegen habe den Anschluss an den Mountainbike-Trend verschlafen, sagt Sailer.

«Die Toggenburger Velokarte ist ein Witz.»

In der Vergangenheit seien lokale Vorhaben für Mountainbike-Wege immer wieder an gegensätzlichen Interessen von Bodenbesitzern, Gemeinden und Naturschützern gescheitert. Sailer träumt deshalb vom grossen Wurf, von einer kantonalen Gesetzesänderung. «So würden wir auf einen Schlag zum Bikerparadies».

Dass sich Wanderwege deshalb in eine Kampfzone verwandeln könnten, glaubt er nicht. «Mit der nötigen Toleranz ist ein Nebeneinander möglich.» Zudem soll auch künftig eine wichtige Einschränkung gelten: Im Zweifelsfall haben Fussgänger Vortritt. «Wir müssen die Biker dazu bringen, diese Regel zu respektieren.» Das Beispiel Graubünden zeige, dass dies bis auf wenige Ausnahmen funktioniere. Sailer sieht seinen Vorstoss nicht im Gegensatz zur Forderung seines Fraktionskollegen. «Auch ich will nicht, dass Biker mitten in der Nacht durch den Wald herunterdonnern», sagt Sailer. «Mir geht es um eine Öffnung der Wanderwege.»

Biker und Wanderer auf Kollisionskurs

Bei Meinrad Gschwend stösst dieser Wunsch hingegen auf wenig Gegenliebe. «Als Fussgänger fände ich das eine Katastrophe.» Schon heute sei das Verhältnis zwischen Wanderern und Bikern konfliktgeladen. Bei einer Öffnung der Wanderwege könnte sich diese Auseinandersetzung weiter verschärfen, denn der Platz sei beschränkt.

Auch Alfred Kuster, Förster aus Diepoldsau und Vorstandsmitglied des St.Gallischen Jägervereins Hubertus, wehrt sich gegen eine komplette Liberalisierung. «Das ist nicht fair gegenüber den Wanderern.» Doch auf Waldstrassen – mit Ausnahme von Wildschongebieten – würde Kuster die Biker weiterhin tolerieren. Ebenso auf Feld- und Flurwegen sowie auf Bergsträsschen.

Gegenüber Biketrails, die durch den Wald führen, ist Kuster hingegen sehr skeptisch eingestellt.

«Der Wald ist kein Tummelplatz, sondern ein Lebensraum»,

betont er. Im Gegensatz zu Wanderern seien Biker viel schneller unterwegs. «Das Wild hat kaum Zeit, um in Deckung zu gehen.» Deshalb flüchten die Tiere in ruhigere Waldstücke, wo sie bleiben. Die Nahrungsaufnahme konzentriert sich so auf immer kleinere Gebiete. Es kommt zu Wildverbiss: Schäden an Knospen, Blättern und Zweigen.

Biken auf ausgemusterten Wanderwegen

Barbara Germann, Präsidentin von Pro Velo St.Gallen Appenzell, kann beide politischen Vorstösse nachvollziehen. Sie will sich jedoch weder für ein generelles Verbot noch für eine komplette Öffnung aussprechen. «Das Ausweichen auf illegale Wege zeige, dass der Bedarf durch das aktuelle Angebot nicht gedeckt wird», sagt Germann. Sie fordert eine gemeinsame Planung, die alle Interessensgruppen einbindet. Zwar seien stimmige Lösungen nicht einfach zu finden. Doch könnten zum Beispiel nicht mehr genutzte Wanderwege als Bikerouten markiert werden, um die Wanderwege zu entlasten.

Mountainbiker sind umworbene Draufgänger

Mit Bescheidenheit lassen sich keine Mountainbiker anlocken. Deshalb haben die Bündner Touristiker für ihren aktuellen Werbespot den Schotten Danny MacAskill engagiert, den Superstar der Mountainbike-Szene. Gemeinsam mit dem Bündner Bike-Profi Claudio Caluori brettert er auf halsbrecherischen Pfaden durch die Bündner Berge. Dazu passt der hochtrabende Slogan: Home of Trails, Heimat der Trails. Über 950'000 Zuschauer haben das Video auf Youtube bislang abgerufen.

Der Mountainbike-Tourismus hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Massengeschäft entwickelt. Der Kanton Graubünden ist schon früh auf den Zug aufgesprungen und hat zwischen 2010 und 2015 knapp fünf Millionen Franken in Infrastruktur und Marketing investiert. Dazu liess man verkünden, dass Biker auf praktisch allen Wanderwegen freie Fahrt geniessen. Mittlerweile gibt es ein dichtes Angebot für die fahrenden Gäste: Vier grosse Bikeparks, spezialisierte Hotels, und Bergbahnen transportieren Velos kostenlos auf die Gipfel.

Flumserberg verkauft sich als Bikerberg

Auch Ostschweizer Tourismusorganisationen und Politiker haben die Biker als zahlungskräftige Kundschaft entdeckt. Der Toggenburger Kantonsrat Martin Sailer glaubt, dass sie den Tourismus in seinem Tal beleben könnten. Dabei hat er vor allem jene im Blick, die gleich eine Woche Veloferien buchen. «Biker lassen mehr Geld liegen als Wanderer», glaubt Sailer.

Zu den Vorreitern in der Ostschweiz gehören die Bergbahnen Flumserberg, die bereits 2013 ihr Projekt «Bikerberg Flumserberg» lancierten. Mittlerweile gibt es vier Trails, die für Mountainbiker reserviert sind. Im vergangenen Jahr doppelte die Tourismusregion Heidiland nach und gründete eine Firma, die den Bike-Tourismus im Gebiet um den Walensee weiter stärken soll. Eine restriktive Strategie verfolgt hingegen Appenzell Innerrhoden. Dort gibt es nur eine Handvoll offizieller Routen. Im gesamten Alpsteingebiet sind Wanderwege für Biker jedoch tabu. (mge)

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