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Interview

St.Galler Oberförster: «Der Druck auf den Wald nimmt zu»

Die St.Galler Waldfläche beträgt rund 60'000 Hektaren. Zehn Prozent davon sollen dereinst als Waldreservate ausgeschieden sein. Kantonsoberförster August Ammann hält das Ziel für erreichbar.
Silvan Lüchinger
Das Waldreservat Murgtal zeigt sich als vielfältiger Lebensraum mit Wald und Offenflächen, Alt- und Totholz. (Bild: PD)

Das Waldreservat Murgtal zeigt sich als vielfältiger Lebensraum mit Wald und Offenflächen, Alt- und Totholz. (Bild: PD)

Dies ist ein Interview der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Die ältesten Waldreservate der Schweiz sind der Nationalpark (1914) und der Aletschwald (1933). Das erste St.Galler Waldreservat ist bedeutend jünger: 1976 schloss die ETH Zürich für den Joosenwald bei Walenstadt einen Pachtvertrag über 50 Jahre ab. Inzwischen sind im Kanton St.Gallen 19 Waldreservate unterschiedlicher Grösse ausgeschieden (siehe Grafik weiter unten). Weitere sollen folgen.

Das St.Galler Reservatskonzept datiert von 2003. Gilt es noch unverändert?

August Ammann: Das Konzept gilt nach wie vor. Verändert haben sich die Flächenziele. Ursprünglich waren 5'200 Hektaren vorgesehen. Neu sollen es insgesamt 6'000 Hektaren sein: 3'000 Hektaren Naturwaldreservate und 3'000 Hektaren Sonderwaldreservate.

Wie viel Zeit bleibt noch, dieses Ziel zu erreichen?

Wie im Konzept festgehalten, wollen wir bis 2030 das Ziel erreichen.

Was ist der Unterschied zwischen einem Sonder- und einem Naturwaldreservat?

Im Naturwaldreservat wird vollständig auf waldbauliche Massnahmen verzichtet. Hier sollen natürliche Entwicklungsprozesse und die natürliche Dynamik Regie führen. Naturwaldreservate entwickeln sich sozusagen zurück in Richtung Urwald. Die Sonderwaldreservate dienen dazu, Lebensräume seltener und bedrohter Arten gezielt aufzuwerten und in einem guten Zustand zu erhalten. Das gilt für Tiere wie für Pflanzen und Biotope oder bestimmte Waldformen.

Bis da etwas zu sehen ist, braucht es Zeit.

Wird ein Waldreservat ausgeschieden, schliessen Waldeigentümer und Kanton einen Vertrag über 50 Jahre ab. Über diesen Zeitraum sind die Reservate den Schutzzielen gewidmet.

Luchse und Wölfe brauchen offensichtlich keine Reservate, um sich halten zu können.

Nein, aber beispielsweise das Auerhuhn. Der grösste Flächenanteil der Waldreservate dient dessen Förderung. Heute können wir sagen, dass der Bestand sich stabilisiert hat und tendenziell zunimmt.

Geschützter Lebensraum des Auerhuhns im Gebiet Altstafel, Gemeinde Amden. (Bild: PD)

Geschützter Lebensraum des Auerhuhns im Gebiet Altstafel, Gemeinde Amden. (Bild: PD)

Welche Baumarten brauchen speziellen Schutz?

Was die Pflanzen generell angeht, sind die Zielarten noch nicht vollständig definiert. Ein Beispiel ist die Arve, wie sie etwa im Murgtal noch häufig vorkommt. Die St.Galler Arvenwälder sind die nördlichsten der Schweiz.

August Ammann, Kantonsoberförster St.Gallen. (Bild: Stefan Beusch)

August Ammann, Kantonsoberförster St.Gallen. (Bild: Stefan Beusch)

Förster, Biker, Turner

August Ammann, allgemein «Güst» gerufen, ist gebürtiger Engelburger und wohnt heute in Waldkirch. Nach seinem ETH-Studium mit Abschluss als Forstingenieur trat er 1985 in den Dienst des Kantons St.Gallen. Ab 1999 war er Regionalförster, seit 2012 ist er Kantonsoberförster und damit verantwortlich für die Umsetzung des Konzepts «Waldreservate».

Ammann ist 62, verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. In der Freizeit betätigt er sich vor allem sportlich: Auf dem Bike, auf den Ski und mit dem TV Engelburg in der Turnhalle.

Im Konzept sind Etappenziele definiert – wo stehen wir heute?

Ende 2018 waren 935 Hektaren Naturwaldreservate ausgeschieden. Das entspricht einer Zielerreichung von 31 Prozent oder 1,6 Prozent der St.Galler Waldfläche.

Sieht es bei den Sonderwaldreservaten besser aus?

In der Tat. Mit 2'635 Hektaren haben wir das Ziel in Sichtweite. Sie entsprechen 4,4 Prozent der St.Galler Waldfläche.

Aufgesplittert in eine Vielzahl kleiner Flächen.

Die Karte der Reservate wird immer einen Flickenteppich zeigen. Der Grossteil des Waldes wird multifunktionaler Wald bleiben. Aber es gibt auch Subziele: Zwei Reservate sollen grösser als 500 Hektaren sein, zwei weitere grösser als 450 Hektaren. Das ist noch nicht in vollem Umfang realisiert.

Gibt es Bundesvorgaben? Wo steht der Kanton St.Gallen im Vergleich mit den Nachbarn?

Der Bund hat für sich eine gesamtschweizerische Zielvorgabe von 10 Prozent der Waldfläche festgelegt. Davon ist knapp die Hälfte realisiert. Die Vorgaben je Kanton werden mit dem Bund alle vier Jahre ausgehandelt. St.Gallen liegt punkto Zielerreichung im Durchschnitt aller Kantone.

Falls Etappenziele nicht erreicht werden – warum ist das so?

Das kann sein, weil es bei Bund und Kanton an Geld mangelt. Es ist aber auch möglich, dass sich die Grundeigentümer nicht zu einem Reservatsvertrag durchringen können. Immerhin sind sie 50 Jahre daran gebunden.

Gibt es auch Reservate auf privatem Grund, oder scheidet nur die öffentliche Hand Reservate aus?

Grössere Waldreservate werden in der Regel von öffentlichen Waldeigentümern ausgeschieden.

Private beteiligen sich meist nur mit kleinen Waldflächen.

Kanton, Gemeinden und Korporationen sind die grössten Waldeigentümer. Können sie mit der Errichtung von Waldreservaten Geld sparen?

Was Naturwaldreservate angeht, ja. Auf diesen Waldflächen erfolgt keine forstliche Waldpflege und Waldbewirtschaftung mehr. Die entsprechenden Kosten fallen also nicht mehr an. Beim Sonderwald ist das anders. Für das Erreichen der Schutzziele braucht es Waldpflege und Waldbewirtschaftung. Diese Kosten tragen Bund und Kanton, auch wenn der Wald in Privatbesitz ist.

Werden in Naturwäldern auch die bestehenden Wege sich selber überlassen?

Grundsätzlich ja. Das geht aber nur dort, wo nicht dahinter liegende Gebiete erreichbar bleiben müssen, beispielsweise Alpen.

Wie sieht die finanzielle Unterstützung konkret aus?

Bund und Kanton unterstützen das Errichten von Waldreservaten mit einem Grundbeitrag. Beim Naturwald wird zusätzlich der Ertragsausfall entschädigt. Beim Sonderwald gibt es Unterstützung für die forstlichen Massnahmen.

Was könnte einen privaten Waldbesitzer zur Errichtung eines Reservates motivieren?

Einerseits natürlich die finanziellen Beiträge, anderseits die Erkenntnis, dass Waldreservate auch einen hohen immateriellen Wert haben. Sie leisten einen wichtigen Beitrag an den Erhalt der Biodiversität.

Gibt es in Waldreservaten auch Nutzungsbeschränkungen über den Verzicht auf Holzschlag hinaus?

Etwa bezüglich Pilze sammeln, Jagd, Feuerstellen oder Sport. Nutzungsbeschränkungen erfolgen im Rahmen der kommunalen Schutzverordnungen und bei der Bewilligung von Veranstaltungen.

Das heisst, der Kanton zahlt, aber die Gemeinden sind mehr oder weniger frei darin, was sie zulassen wollen?

Ganz so ist es nicht. Die freie Waldzugänglichkeit, wie sie im Zivilgesetzbuch festgehalten ist, bleibt. Jagen, Pilze und Beeren sammeln im ortsüblichen Umfang darf man auch in Waldreservaten. Es gibt aber auch Reservate, in denen zum Beispiel keine Orientierungsläufe mehr durchgeführt werden dürfen oder wo es für Feste keine Bewilligung gibt.

Ein Blick auf die Karte zeigt, dass nahezu alle Reservate im Hügel- oder Berggebiet liegen...

Das hat mit der Eigentümerstruktur zu tun. Im nördlichen Kantonsteil ist der Anteil an Privatwald hoch. Die Parzellen haben eine durchschnittliche Grösse von 1,5 Hektaren. Bis da ein Reservat von vernünftiger Grösse zusammenkäme, müsste mit einer Vielzahl von Besitzern aufwendig verhandelt werden – mit ungewissem Ausgang. Mit einzelnen wäre aber wohl zu reden. Im Privatwald arbeiten wir vor allem mit Altholzinseln. Das heisst, bei der Holznutzung bleiben alte und entsprechend mächtige Bäume stehen. Auch dafür gibt es Verträge; ihre Laufzeit ist aber kürzer als bei Reservaten.

Wer sich im Wald bewegt, stellt fest, dass er bei weitem nicht allein unterwegs ist.

Der Druck auf den Wald nimmt tatsächlich zu. Vor allem aus städtischen Gebieten zieht es mehr Leute in den Wald. Dahinter stecken gesundheitliche Überlegungen, ein wichtiger Faktor sind aber auch Trendsportarten. Ich bin überzeugt, dass zum Beispiel der Bikeboom bei uns erst am Anfang steht.

Wie lange hält der Wald das aus?

So lange sie vor der Natur Respekt zeigen, freue ich mich über Leute im Wald. Es ist richtig, dass er auch künftig allgemein zugänglich ist. Nur darf man nie vergessen, dass Wald auch einen Eigentümer hat und nicht einfach niemandem gehört.

Einschränkungen sind zu beachten, Schäden zu vermeiden. Einfach so, wie man es mit eigenem Besitztum hält.

Zum Schluss ein Tipp: Wo kann ich eine seltene Waldgesellschaft erkunden?

Drei Beispiele: Das Waldreservat Murgtal in der Gemeinde Quarten schützt einen Nordalpen-Arvenwald. Im Reservat Kreisalpen, Nesslau, finden sich Moorrand-Fichtenwälder sowie ein Torfmoos-Bergföhrenwald. Das Reservat Thurauen in der Region Wil ist ein Auenwaldgebiet von nationaler Bedeutung.

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