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St.Galler Feministinnen sprechen sich gegen das kantonale Burkaverbot aus

Die Burka als Symbol der Unterdrückung der Frauen ist ein gängiges feministisches Argument in der Debatte um das Verhüllungsverbot. St.Galler Feministinnen stellen sich aber mehrheitlich gegen die Vorlage, über die am 23. September abgestimmt wird.
Roman Hertler
In unseren Breiten ein Bild mit Seltenheitswert: bummelnde Burkaträgerinnen. (Bild: Adrian Wojcik/Getty)

In unseren Breiten ein Bild mit Seltenheitswert: bummelnde Burkaträgerinnen. (Bild: Adrian Wojcik/Getty)

Alice Schwarzer, Saïda Keller-Messahli, Julia Onken: Sie sind die drei prominentesten feministischen Verfechterinnen des ­Burkaverbots. Alice Schwarzer spricht vom «Leichentuch der Frau». Für Keller-Messahli, Muslima und Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, sind die Burka, aber auch das Kopftuch kein Bestandteil einer frei gewählten religiösen Praxis, sondern politisches Programm. Die Amriswiler Autorin Julia ­Onken ist Mitglied des nationalen Komitees «Ja zum Verhüllungsverbot», welches die Burka auf nationaler Ebene verbieten will. Sie schreibt auf ihrem Blog: «Hinter diesen Stoffmauern ist das, was Leben lebenswert macht, nicht mehr möglich, der Körper ist eingeschlossen und zum Schweigen verurteilt.» Und weiter: «Weil es Muslime gibt, die ausschliesslich nur Regeln folgen, sollte die Schweiz klipp und klar Regeln aufstellen, Verbote proklamieren, die jeder verstehen kann. So einfach ist das.»

So einfach sei das eben nicht, finden feministische Kreise im Kanton St.Gallen, wo am 23. September das vom Parlament gutgeheissene Verhüllungsverbot vors Volk kommt. Es sei «illusorisch, weltfremd und arrogant», wenn Feministinnen so argumentierten, meint Margrit Blaser, Präsidentin der SP-Frauen St.Gallen. «Für Frauen, die ­gezwungenermassen ihr Gesicht verhüllen, ändert sich mit einem Kleidungsverbot überhaupt nichts», sagt sie. «Vielmehr besteht die Gefahr, dass diese Frauen isoliert werden, weil sie bei einem Verbot ihre Wohnungen nicht mehr verlassen dürfen.» Die Rolle der Frau im Islam sei sehr komplex und vielschichtig. Der Gleichstellung der Geschlechter kommt man über ein simples Verbot nicht näher. «Die Forderung nach dem Burkaverbot kommt ursprünglich aus der gleichen Ecke wie seinerzeit das Minarettverbot», sagt Blaser. Ihrer Ansicht nach sind das rassistische und antiislamische Anliegen. «Es ist doch scheinheilig, wenn jene Kreise, die sich bis heute hartnäckig gegen gesetz­liche und strukturelle Bestrebungen zur Gleichstellung der Frauen hartnäckig wehren, sich plötzlich für die ‹Befreiung› der Frauen einsetzen.» Sich mit einer vollverschleierten Frau zu unterhalten, sei für sie zwar eine ­befremdliche Vorstellung, doch habe niemand das Recht, jemandem vorzuschreiben, was er oder sie zu tragen habe und was nicht, so Margrit Blaser.

Sozialarbeit statt Repression

Der 22-jährige Iran-Schweizer Sam Assir engagiert sich im St.Galler queerfeministischen Kollektiv «Die Leiden der jungen Bertha». Für ihn ist grundsätzlich irrelevant, ob jemand im Gespräch sein Gesicht verhüllt oder nicht. Seine persönliche Haltung ist klar: «Ich bin gegen das Verbot.» Die Debatte ums Verhüllungsverbot werde von rechten Kreisen instrumentalisiert. «Hier geht es herzlich wenig um Frauenrechte. Ich bin zwar gegen religiös oder sonst wie motivierte Kleidervorschriften. Aber ein Verbot führt in die Sackgasse.» Um den Frauen wirklich zu helfen, brauche es andere Lösungen, beispielsweise Sozialarbeit direkt bei jenen Frauen, die potenziell unterdrückt werden. Wenn Frauen behaupten, sie trügen ihren Gesichtsschleier aus freien Stücken, glaube er ihnen, so Assir.

«Es stört mich enorm, dass gerade SVP-Politiker, die gegen feministische und gleichstellungspolitische Anliegen kämpfen, sich so plötzlich auf Frauenrechte berufen. Das ist nicht ­redlich», sagt Marina Widmer, Leiterin des Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz. Sie vertritt die gleiche Position wie die feministische Basler Theologin Doris Strahm, die sagt: «Als Feministin wehre ich mich gegen einen solchen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht von Frauen. Frauen dürfen weder zur Verhüllung noch zur Enthüllung gezwungen werden – weder von ihren Männern, ihren Familien noch vom Staat.» Ein Verbot sei paternalistisch, da es allen Burkaträgerinnen unterstellt, sie seien fremdbestimmt, meint Widmer unter Berufung auf Strahm. Auf der Strasse begegne man kaum je einer Burkaträgerin. Und wenn, dann handle es sich meist um Touristinnen oder Konvertitinnen. Gerade Letztere trügen den Schleier aus Überzeugung und müssten nicht vom Staat «befreit» werden. «Abgesehen davon, dass Verbote unsinnig sind, trifft es die Frauen und nicht die Männer, welche unter Umständen das Tragen der Burka verlangen», so Widmer. Diese blieben bei einem Verbot unbestraft.

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