St.Galler FDP warnt vor Strommangel im Winter – und kritisiert die Regierung

Wird der Strom im Winter bald knapp? Nein, sagt die St.Galler Regierung – und stösst mit ihren Aussagen bei der FDP auf Kritik. Die St.Gallisch-Appenzellische Kraftwerke AG (SAK) sieht mittel- bis langfristig die Gefahr eines Strommangels in der Schweiz.

Adrian Vögele
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Wie weiter ohne Atomstrom? Zumindest die Wasserkraft gilt in der Ostschweiz als ausgeschöpft.

Wie weiter ohne Atomstrom? Zumindest die Wasserkraft gilt in der Ostschweiz als ausgeschöpft.

Benjamin Manser

Woher soll die Schweiz im Winter ihren Strom hernehmen, wenn dereinst die Atomkraftwerke abgeschaltet sind? Diese Frage beschäftigt nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch im Kanton St. Gallen: Die FDP warnt in einem parlamentarischen Vorstoss, es drohten im Winter «ernsthafte Stromausfälle». Ohne AKW würden 40 Prozent der Inlandstromproduktion wegfallen. «Bereits im Winter 2015/16 wurde es aber knapp – noch mit produzierenden AKW.» Zugleich seien die Möglichkeiten bei den erneuerbaren Energien begrenzt, etwa wegen Einsprachen gegen grössere Solarstromanlagen und den Ausbau der Wasserkraft mit Pumpspeicherwerken.

Die FDP zitiert Schätzungen, wonach das Speichervolumen der Wasserkraftwerke um 30 Prozent erhöht werden müsste, um im Winter die Solarenergie zu ersetzen. Die Schweiz werde zunehmend auf Stromimporte angewiesen sein, das Stromabkommen mit der EU sei aber blockiert. Die FDP wollte von der Regierung wissen, wie sie die Sicherheit der Stromversorgung im Kanton beurteilt, ob die Kapazität der Pumpspeicherwerke erweitert werden könnte, welche konkreten Folgen ein grosser Stromausfall hätte und wie die Notfallorganisation aussieht.

Die Regierung sieht kurz- und mittelfristig keine Problem bei der Versorgungssicherheit, wie sie schreibt. Auch die langfristige Perspektive bis 2030 sei «wenig kritisch» – allerdings unter dem Vorbehalt, dass die Schweiz in den europäischen Strommarkt integriert bleibt. Zugleich sei das Potenzial zum Bau von Pumpspeicherkraftwerken in der Schweiz zum grössten Teil aufgebraucht, schreibt die Regierung. Die Verfahren für neue Anlagen seien langwierig, der Anreiz wegen der tiefen Strompreise gering.

Auch die St. Gallisch-Appenzellische Kraftwerke AG (SAK) schreibt auf Anfrage, neue Wasserkraftanlagen seien in der Ostschweiz wegen des Natur- und Landschaftsschutzes nicht mehr möglich.

SAK sieht langfristig eine Gefahr

Die SAK stellt bislang nicht fest, dass ihre Versorgungssituation im Winter generell schwieriger geworden wäre, weder bei der Strombeschaffung am Markt noch im Stromnetz selber. Sie sieht aber mittel- bis langfristig die Gefahr einer Mangellage im Winter. Sie teile diesbezüglich die Einschätzung der eidgenössischen Elektrizitätskommission, die ebenfalls schon davor gewarnt hatte. Derzeit bereitet sich die SAK nicht speziell auf einen Strommangel vor. «Sollte sich die Situation spürbar verändern, sind Massnahmen wie etwa der Zubau weiterer Produktionsanlagen innerhalb der Branche zu definieren und abzustimmen.»

Die aktuelle Lage der Stromversorgung wird auf Bundesebene permanent überwacht – ein zusätzliches kantonales Monitoring hält die St. Galler Regierung nicht für nötig, wie sie in der Antwort auf den FDP-Vorstoss schreibt. Der kantonale Führungsstab befasse sich eingehend mit dem Thema einer langandauernden Strommangellage. 2014 fand dazu eine grosse Übung statt – sie zeigte verschiedene Defizite, die nun laufend behoben werden. So wird die Notstromversorgung wichtiger Infrastrukturen verbessert, unter anderem wurden die Gebäude der Kantonspolizei aufgerüstet. Das Funknetz der Einsatzorganisationen und Führungsorgane (Polycom) wäre bei einem grossen Stromausfall während mindestens 72 Stunden einsatzfähig. Die Notstromversorgung der Spitäler sei «weitgehend gewährleistet», so die Regierung. Zur Alarmierung der Feuerwehren bei Strommangel hat der Kanton letztes Jahr ein Konzept ausgearbeitet.

FDP vermisst konkrete Informationen

Die FDP ist mit diesen Aussagen nicht zufrieden. Diverse Fragen seien offen, sagt Kantonsrat Thomas Ammann, der beim Vorstoss federführend war. «Funktionieren die Spitäler wirklich? Welche Industrien wären betroffen? Was würde mit dem öffentlichen Verkehr passieren?» Auch zur Gefahr von Hackerangriffen auf die Strominfrastruktur vermisst Ammann Informationen. Die Interpellation sei «brav abgearbeitet worden», interessiere die Verwaltung aber offenbar wenig.