St.Galler Bio-Gemüse: Direkt vom Bauern in die Jutetasche

In der Landwirtschaft müsse sich etwas ändern, fordern die zwei Agrar-Initiativen, über die am 23. September abgestimmt wird. Ein St.Galler Projekt hat einige der Forderungen bereits umgesetzt.

Sina Bühler
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Mitarbeitende des Betreuten Wohnens in St.Gallen packen für Regioterre die Jutetaschen ab. (Bild: Urs Bucher)

Mitarbeitende des Betreuten Wohnens in St.Gallen packen für Regioterre die Jutetaschen ab. (Bild: Urs Bucher)

Die Initiative für Ernährungssouveränität verlangt, dass die lokale Landwirtschaft die Bedürfnisse im Inland abdeckt, gerechte Preise für ihre Produkte erzielt und gute Löhne zahlt. Die Produktion soll gentechfrei sein, Natur und Klima schonen. Ist so etwas eine Illusion? Nein, finden verschiedene landwirtschaftliche Betriebe und Organisationen, die dieses Ziel bereits erreicht haben: Es sind jene, die sich für Vertragslandwirtschaft entschieden haben. Von Vertrags- oder auch «Solidarischer Landwirtschaft» spricht man dann, wenn Konsumenten und Produzentinnen direkt zusammenarbeiten, sich nicht von topaktuellen Marktpreisen beeindrucken lassen, sondern langfristige Verträge abschliessen. Erste derartige Projekte entstanden in den 70er-Jahren in Japan. Das erste in Europa gründeten die Genfer von «Jardins de Cocagne» 1978.

Heute gibt es Vereine in der ganzen Schweiz. Auch im Kanton St.Gallen – 2011 wurde Regio­terre gegründet. Für die Kundinnen und Kunden funktioniert das System so: Wer beim Verein ein Abo löst, bekommt Woche für Woche eine Jutetasche voller Gemüse und Früchte, produziert von Biobauernhöfen in der Gegend. Für viele Abonnentinnen und Abonnenten ist der Haken an der Geschichte ein Vorteil: Sie dürfen den Inhalt der Tasche nicht auswählen. «Das sorgt nicht nur für Überraschungen, es erspart ihnen auch eigene ­Recherchen: ob die Produkte saisonal, bio und fair sind. Bei uns ist das immer klar», sagt Nicole Inauen. Die 35-jährige Biologin sitzt im Vorstand von Regio­terre. Am Landwirtschaftlichen Zentrum in Flawil macht sie Beratungen zur Biodiversität. Im Verein aber vertritt sie die Konsumentinnen und ist für die Buchhaltung und die Aboverwaltung zuständig. Hinter Inauen packen die Mitarbeitenden der Bewo, des Betreuten Wohnens in St.Gallen, die Jutetaschen ab. Sie wägen den Mangold, verteilen Birnen, Kartoffeln, Stangensellerie, Salat und Cherrytomaten in Säcke von drei verschiedenen Grössen. Bepackt werden sie mit demselben Inhalt, einfach die Mengen sind unterschiedlich. Danach werden sie an fünf verschiedene Depots in der Stadt verteilt, wo die Abonnentinnen und Abonnenten sie abholen können. Im Grundabo gibt es ­Gemüse und Obst, in Zusatzabos sind auch Eier und Käse.

Ab und zu stecken auch Einmachgläser im Jutesack

Ein paar Mal im Jahr können die Mitglieder auch Spezielleres bestellen, beispielsweise Fleisch, wenn Peter Fust gerade geschlachtet hat. Der 48-jährige Landwirt aus Waldkirch ist ebenfalls im Vorstand. Er ist einer der sechs lokalen Produzenten, die an Regioterre liefern. «Ich wollte immer anders sein», sagt er. Früher wurde der Biobauernhof rundherum belächelt, was ihn überhaupt nicht kümmert. Gelernt hat er noch konventionelle Landwirtschaft. Als er aber mit seiner Frau den Biohof der Schwiegereltern übernahm, musste er nicht umstellen: «Sie sind schon Anfang der Achtzigerjahre umgestiegen.» 30 Kühe leben auf dem 30 Hektar grossen Hof, auf dem sie hauptsächlich Gemüse anbauen und etwas Ackerbau betreiben.

Die Liste der Dinge, die ihn am Prinzip von Regioterre begeistert, ist lang: «Dass ich entscheide, was und wie ich produziere, dass nichts weggeworfen wird. Und dass ich unsere Kundinnen und Kunden kenne und auf ihre Bedürfnisse statt auf die der Zwischenhändler reagieren kann.» Wenn die Ernte zu gross ist, dann macht der Hof die Produkte haltbar. Und so stecken im Winter ab und zu auch Einmachgläser im Jutesack. «Immer wieder probieren wir auch Neues aus», sagt Fust. Seine Frau habe Mut und ein gutes Händchen – nur die Melonen, die sie dieses Jahr ausprobiert haben, seien leider noch nicht perfekt. Sie werden es nochmals versuchen.

«Wenn die Tomaten nicht kommen, gibt es Zucchini»

In der konventionellen Landwirtschaft, die auf dem Markt bestehen muss, liegt das Risiko von Ernteausfällen immer bei den Bauern. Eine der Ideen der Vertragslandwirtschaft lautet deshalb, dass Produzentinnen und Konsumenten das Risiko teilen: Sprich, man vereinbart einen Preis für die Produktion und nicht das Produkt. Ganz so weit geht Regioterre nicht. Der Verein diskutiere zwar immer wieder darüber, «aber wir Produzenten sind geschlossen dagegen», sagt Peter Fust. Verhandelt würden nur die Stückpreise, so habe man die Möglichkeit, ein Produkt durch ein anderes zu ersetzen und so das Einkommen zu sichern. «Wenn die Tomaten nicht kommen, gibt es Zucchini», sagt Fust. Weil alle Höfe ein breites Angebot haben, liegt das Risiko eines kompletten Ernteausfalles auch praktisch bei null.

Ist die Vertragslandwirtschaft ein Modell für alle? Nein, finden beide. «Es ist die Lösung für Menschen, denen das wichtig ist», sagt Nicole Inauen. Und Peter Fust meint, es sei ihm lieber, er habe 100 Abonnentinnen, die begeistert von den Produkten sind, als 200, zu denen er keinen persönlichen Kontakt mehr habe.