ST.GALLER ARZT IM INTERVIEW: Volkskrankheit Allergie

Heute ist nationaler Allergietag. Im Jahr 1900 litt nur etwa ein Prozent der Bevölkerung an Heuschnupfen, heute sind es 20 bis 30 Prozent. Wolfram Hötzenecker ist Leiter der Allergologie am Kantonsspital St.Gallen und kennt die Hintergründe dieser Entwicklung.

Patrick Baumann
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20 bis 30 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz leidet an Heuschnupfen.

20 bis 30 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz leidet an Heuschnupfen.

Wolfram Hötzenecker, welches sind die häufigsten Allergien in der Ostschweiz?
Rund 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung leiden an Heuschnupfen oder Asthma. Am zweithäufigsten sind Nahrungsmittelallergien. Davon sind 5 bis 10 Prozent betroffen. Ungefähr 3 Prozent reagieren allergisch auf Bienen oder Wespen, ein halbes Prozent auf Medikamente.

Stimmt es, dass es immer mehr Allergiker gibt?
Ja, diesen Trend gibt es tatsächlich. Exemplarisch dafür ist die Pollenallergie. Statistiken zeigen, dass um das Jahr 1900 nur etwa ein Prozent der Bevölkerung unter Heuschnupfen litt. Heute sind es wie gesagt bereits 20 bis 30 Prozent. Ob das Plateau schon erreicht ist oder ob diese Zahl weiter ansteigt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.

Wolfram Hötzenecker ist Leitender Arzt der Klinik für Dermatologie und Allergologie des Kantonsspitals St.Gallen. (Bild: pd)

Wolfram Hötzenecker ist Leitender Arzt der Klinik für Dermatologie und Allergologie des Kantonsspitals St.Gallen. (Bild: pd)

Gibt es dafür eine Erklärung?
Sehr populär ist momentan die Hygienetheorie. Sie sieht die Ursache in der verbesserten Hygiene. Ein Beispiel: Weil sich Kinder heutzutage weniger in der Natur aufhalten, sind sie weniger Erregern ausgesetzt. Dadurch wird das Immunsystem zu wenig beansprucht. Es könnte sein, dass es sich dann eine andere Beschäftigung sucht und auf eigentlich harmlose Auslöser reagiert.

Eine weitere Hypothese besagt, dass die Atemwege durch Feinstaub gereizt werden und so anfälliger für die Entwicklung von Allergien werden. Zu guter Letzt könnte auch der Klimawandel eine Rolle spielen. Weil die Winter immer milder werden, verlängert sich die Blütezeit der Pflanzen. Dadurch wirken die Pollen länger und aggressiver.

Gibt es Allergien, die hier früher nicht vorgekommen sind?
Ja, das passiert beispielsweise bei eingeschleppten Pflanzen. Ein bekanntes Beispiel ist Ambrosia. Diese Pflanze löst starke allergische Reaktionen aus. Weil die Pflanze früher nur in Amerika vorkam, ist das Immunsystem der Europäer nicht gut auf diese Pollenart eingestellt.

Auch durch ständige Neuentwicklungen bei Konservierungsmitteln, beispielsweise für Kosmetika, gibt es neue Allergien. Die Behörden erlassen jeweils nach einigen Jahren ein Verbot für diese Mittel, worauf diese Allergien wieder verschwinden. Auch auf neue Medikamente reagieren einige Patienten allergisch.

Welche neuen Entwicklungen gibt es bei der Bekämpfung von Allergien?
Oft wird heute die Desensibilisierungstherapie angewandt. Bei diesem Therapieansatz wird dem Patienten mittels Spritze mehrmals eine geringe Dosis des Allergens unter die Haut gespritzt. Ziel der Therapie ist, dass sich das Immunsystem langsam an diesen Stoff gewöhnt und keine Überreaktion mehr zeigt. Mittlerweile kann diese Therapie auch mittels Tabletten oder Sprays durchgeführt werden.

Am Unispital Zürich wird gerade an einer neuen Impfung gegen Haustierallergien geforscht. Das Besondere bei der in Zürich entwickelten Methode ist, dass nicht der Mensch, sondern die Katze geimpft wird. dadurch soll die Katze weniger des für die Allergien verantwortlichen Speichelproteins produzieren.