Zwischenbilanz des Gossauer Stadtpräsidenten: «Die Selbstwahrnehmung ist schlechter als die Realität»

Schon bald 100 Tage lenkt Wolfgang Giella die Geschicke Gossaus. Er findet, das Bild der Gossauer von ihrer Stadt sei schlechter als die Realität. Beim Altersheim-Neubau will er vorwärtsmachen.

Interview: Johannes Wey
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Der Neubau der Sana Fürstenland hat Wolfgang Giella bislang am meisten beschäftigt. (Bild: Benjamin Manser)

Der Neubau der Sana Fürstenland hat Wolfgang Giella bislang am meisten beschäftigt. (Bild: Benjamin Manser)

Kein Bild, aber eine einzelne Topfpflanze: Im Büro des Gossauer Stadtpräsidenten weist noch wenig auf den neuen Hausherrn hin. Wolfgang Giella kündigte bei Amtsantritt an, vor dem Einrichten abzuwarten, wie er sein Büro nutzt. In der Zwischenzeit habe er festgestellt, dass er hier einen grösseren Teil seiner Arbeitszeit verbringt als erwartet.

Wolfgang Giella, wie haben Sie sich in Ihrer neuen Heimatstadt eingelebt?

Es kommt darauf an, was man unter «einleben» versteht. Ich arbeite oder bin zu Hause. Ich muss mich zeitlich schon gut organisieren, um überhaupt einkaufen zu können. Ich habe gehofft, dass ich auch Anlässe als Privatperson besuchen kann, wenn ich nicht die Stadt vertrete. Das ist mir noch nicht gelungen. Aber ich fühle mich herzlich aufgenommen.

Dafür gab es offizielle Anlässe, darunter den Empfang der Tambouren. Sind Sie es nicht etwas urbaner gewohnt?

Das war mein erster offizieller Anlass. Ich habe das Gefühl, dass ich das gut gemacht habe. Etwas in Verlegenheit gebracht hat mich, dass ich den Fahnengruss im Programm übersprungen habe. Dann habe ich gemerkt, dass das ein Ritual ist, dass man nicht einfach überspringen kann. Ich glaube aber nicht, dass solche Empfänge speziell ländlich sind, sondern dass es das auch in grösseren Städten gibt. Ich habe das einfach nicht gekannt.

Wie oft sind Sie bei Ihrer Familie in Chur?

Das ist unterschiedlich. Während meiner Ferien war ich vor allem in Chur, wenn wir nicht verreist waren. Es ist ein Hin und Her. Im Normalfall bin ich zweimal im Monat in Chur. Bei besonderen Anlässen auch unter der Woche, was nächsten Montag das erste Mal der Fall sein wird.

Wie schwierig ist es für Sie, das Familienleben zu pflegen?

Das ist der Wermutstropfen an meiner aktuellen Situation. Wir wussten ja, was auf uns zukommt. Und im kommenden Sommer zieht meine Familie nach Gossau und meine Töchter gehen hier zur Schule. Das gibt noch eine Durststrecke, aber wir sind uns das gewohnt, weil ich seit 2010 auch als Leiter der ZHAW-Bibliothek so gelebt habe.

Wie hat Sie Gossau am meisten überrascht?

Dass viele Gossauer sagen, die Gossauer würden sich nicht engagieren. Beim Stadtapéro oder Vereinsanlässen merkt man ja, dass dem nicht so ist. In grösseren Städten wäre die Beteiligung gemessen an der Einwohnerzahl massiv kleiner. Mich hat überrascht, dass die Selbstwahrnehmung schlechter ist als die Realität. Und überrascht hat mich gerade die Bereitschaft, sich zu engagieren. Sei es in der Vereinsarbeit oder im Parlament. Es gibt gemessen an grösseren Städten eine hohe Dichte an Vereinen, die Spitzenleistungen erbringen.

Was für einen Eindruck vom Stadtparlament haben Sie in Ihrer ersten Sitzung gewonnen?

Ich war zuvor schon öfter als Besucher dort. Ich habe das Gefühl, dass das Parlament sehr gut und sachorientiert funktioniert. Die Ideologie spielt eine kleinere Rolle als auf kantonaler oder nationaler Ebene. Ich bin froh um das Parlament als Sparringpartner und Auftraggeber.

Kennen Sie schon die Namen Ihrer Mitarbeitenden?

Natürlich nicht alle, aber ich bemühe mich. Ich bin schon froh, wenn ich die Gesichter kenne. Ich lerne immer wieder neue Leute auch ausserhalb der Verwaltung kennen. Da ist es oft schwierig, sie auf der Strasse dem richtigen Kontext zuzuordnen.

Welches Geschäft hat Sie am meisten beschäftigt?

Der Neubau der Sana Fürstenland. Das wird viel Zeit kosten, aber ich will, dass dieses Geschäft vorankommt. Ich will nicht, dass 2030 noch immer dieselben Diskussionen geführt werden. Auch bei diversen Baugeschäften muss Klarheit geschaffen werden. Derzeit fehlt mir auch deshalb die Zeit, konzeptionell zu arbeiten.

Wie viel arbeiten Sie?

Ich habe ein Amt, keine Arbeitszeiten. Ich habe nicht das Recht auf 8,4 Stunden. Ich könnte rund um die Uhr arbeiten. Was momentan noch zu allem dazukommt, ist das Kennenlernen der Personen, der Abläufe und derjenigen Geschäfte, für die ich noch keine Sachkenntnis habe. Und die Stadt als solche im räumlichen Sinn. Ich hoffe, in einem Jahr habe ich das hinter mir.

Bei Amtsantritt sagten Sie, dass Sie nicht gleich zu Beginn die ganze Verwaltung umkrempeln würden. Wann greift das «System Giella»?

Alles umkrempeln will ich nach wie vor nicht. Aber ich möchte Prozesse in der Verwaltung verschlanken und transparenter machen. Das wurde von aussen immer wieder bemängelt. Wichtig ist mir auch, dass Abmachungen verbindlich sind.

Gab es da ein Manko?

Das kann ich so nicht sagen. Aber viele Leute sagen mir, dass ihnen rasche und verbindliche Entscheide ein Anliegen sind.

Bedeutet «verschlanken», dass es auf der Verwaltung weniger Stellen braucht?

Im Gegenteil. Verschlanken müssen wir, weil wir sonst noch viel mehr Stellen schaffen müssten: Die Einwohnerzahl, die Vorschriften und die Komplexität nehmen überall zu. Gossau ist schon sehr schlank aufgestellt.

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