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Zum Streit ums St.Galler Textilmuseum: Historiker halten Kritik für «ignorant»

Das Textile ist eine von zwei Konstanten in der St.Galler Geschichte. Die andere ist das Kloster. Beides prägt für Historiker die Stadt bis heute: Wenn ein FDP-Politiker öffentlich fordere, man müsse das textile Erbe als «alten Zopf abschneiden», sei das ein Fehler. Ein Fachmann spricht gar von «libertärer Ignoranz».
Reto Voneschen
Das Textilerbe prägt bis heute den Alltag der St.Gallerinnen und St.Galler. Viele Bauten aus der Zeit des Stickereibooms sind Landmarken innerhalb der Stadt und prägen ihr Erscheinungsbild. Ein Beispiel ist das Bankgebäude am Multertor, das 1889 bis 1891 als Unionbank und Stickereibörse erstellt wurde. (Bild: Ralph Ribi - 31. Oktober 2014)

Das Textilerbe prägt bis heute den Alltag der St.Gallerinnen und St.Galler. Viele Bauten aus der Zeit des Stickereibooms sind Landmarken innerhalb der Stadt und prägen ihr Erscheinungsbild. Ein Beispiel ist das Bankgebäude am Multertor, das 1889 bis 1891 als Unionbank und Stickereibörse erstellt wurde. (Bild: Ralph Ribi - 31. Oktober 2014)

Im Nachgang zur Rückweisung der Subventionserhöhung fürs Textilmuseum im Stadtparlament ist es zu einer Kontroverse ums textile Erbe der Stadt St.Gallen gekommen. FDP-Stadtparlamentarier Remo Daguati outete sich in seinem Blog und in der Onlinezeitung «Die Ostschweiz» als grundsätzlicher Gegner des Textilmuseums.

Er will keine Subventionserhöhung für dieses Haus; ein «Ruheort im Völkerkundemuseum» würde ihm für dessen Sammlung reichen. Die Abkehr vom textilen Erbe werde die Neupositionierung von Stadt und Region St.Gallen erleichtern. Unterstützt wurde Daguati in einem Leserbrief vom freisinnigen Unternehmer Stefan Kuhn.

Das textile Erbe als «alten Zopf» abschneiden? Historiker, die Stadt und Region St.Gallen kennen, halten rein gar nichts von dieser Forderung. Das sei schlicht und ergreifend «libertäre Ignoranz» gegenüber den Tatsachen und der Geschichtsschreibung, schüttelt Peter Röllin den Kopf. Der Kultur- und Kunstwissenschafter ist intimer Kenner der St.Galler Stadt- und Textilgeschichte. Von ihm stammt unter anderem das Standardwerk «St.Gallen: Stadtveränderung und Stadterlebnis im 19. Jahrhundert».

Konstanten der Geschichte: Kloster und Textiles

Für Röllin weist die Kulturgeschichte St.Gallens zwei Schwerpunkte auf: Der eine ist die karolingische Kultur, also das Kloster. Der andere ist das textile Erbe. Dieser Geschichtsstrang setzt im Mittelalter mit Leinwandproduktion und Leinwandhandel ein. Er reicht dann über die Baumwollverarbeitung bis hin zum Stickereiboom und zur rasanten Talfahrt dieses Wirtschaftszweigs ab dem Ersten Weltkrieg. Und er betrifft gemäss Röllin nicht nur die Stadt:

«Die ganze weitere Region hing damals am Stickereifaden!»

St.Gallen habe dem Stickereiboom viel zu verdanken. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert seien dank ihm die Fundamente der heutigen Stadt, der Boden auf dem man heute aufbaue, gelegt worden, stimmen Historiker Max Lemmenmeier, die Stadtarchivare Marcel Mayer und Stefan Sonderegger sowie Daniel Studer, Direktor des Historischen und Völkerkundemuseums, den Ausführungen von Röllin zu.

Repräsentative Gebäude aus der Zeit des Stickereibooms finden sich bis heute an der Lämmlisbrunnenstrasse. An deren Verzweigung mit der Rorschacher Strasse steht etwa der «Bierhof», der von 1900 bis 1902 gebaut wurde. (Bild: Sammlung Reto Voneschen - Ansichtskarte gelaufen 1922)

Repräsentative Gebäude aus der Zeit des Stickereibooms finden sich bis heute an der Lämmlisbrunnenstrasse. An deren Verzweigung mit der Rorschacher Strasse steht etwa der «Bierhof», der von 1900 bis 1902 gebaut wurde. (Bild: Sammlung Reto Voneschen - Ansichtskarte gelaufen 1922)

Es sei zwar richtig, dass das Textile heute in der städtischen und kantonalen Wirtschaft ein relativ kleiner Zweig sei, man dürfe aber dessen Innovationskraft und internationale Ausstrahlung aber auch nicht einfach ausblenden.

Exportartikel von nationaler Bedeutung

1912 seien für 225 Millionen Franken Textilien exportiert worden. Das sei für die damalige Zeit «eine gigantische Zahl» und gleichzeitig der mit Abstand grösste Einnahmenposten in der Schweizer Exportbilanz gewesen, illustriert Peter Röllin die Bedeutung der Textilindustrie am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die Verzweigung Oberer Graben und St.Leonhard-Strasse um 1905. Der Broderbrunnen aus den Jahren des Stickereibooms steht heute noch. Der «Seidenhof» dahinter wurde abgebrochen und durch ein modernes Bank- und Geschäftshaus ersetzt. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)

Die Verzweigung Oberer Graben und St.Leonhard-Strasse um 1905. Der Broderbrunnen aus den Jahren des Stickereibooms steht heute noch. Der «Seidenhof» dahinter wurde abgebrochen und durch ein modernes Bank- und Geschäftshaus ersetzt. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)

Quer durch die Ostschweiz habe man vom Aufstieg der St.Galler Stickerei profitiert und sei dann durch ihren Niedergang in eine äusserst schmerzhafte Krise gestürzt worden. Für viele sei das prägend gewesen. Nur schon von daher verdienten diese Ereignisse heute Aufarbeitung, Darstellung und Beachtung, hält Peter Röllin im Gespräch fest.

Stickereiboom prägt Struktur und Bild bis heute

Der Stickereiboom habe St.Gallen nur schon baulich geprägt. Auch wenn inzwischen Etliches abgebrochen und umgebaut worden sei, gehörten bis heute viele Jugendstil- und Reformarchitektur-Bauten aus der Stickereizeit zu den städtischen Landmarken, sagt Museumsdirektor Daniel Studer.

Die Liste dieser Bauten ist lang. Dazu zählen die Hauptpost, der Hauptbahnhof, das berühmte Haus Oceanic an der St.Leonhard-Strasse, die heute von der kantonalen Verwaltung belegten ehemaligen Geschäftshäuser an der Davidstras­se, die Tonhalle sowie am Multertor das UBS-Gebäude oder der Broderbrunnen.

Universität mit textilen Wurzeln

Auch viele heute wichtige Institutionen der Stadt haben ihre Wurzeln im Stickereiboom, sind sich die Historiker einig. Dazu zählt insbesondere die Universität St.Gallen, die 1899 als «Handelsakademie» gegründet wurde. Dazu zählen aber auch das Volksbad oder bis heute zentrale Kulturinstitutionen der Stadt von den Museen bis hin zum Theater.

Peter Röllin, Kultur- und Kunstwissenschafter. (Bild: PD)

Peter Röllin, Kultur- und Kunstwissenschafter. (Bild: PD)

Das unverwechselbare Profil der Stadt St.Gallen sei stark durch ihre textile Vergangenheit geprägt, bringt es Peter Röllin auf den Punkt. Das textile Erbe mit all seinem Licht und all seinen Schatten gehöre zur DNA von St.Gallen. Die Stadt müsse dazu stehen. Und sie müsse auch diesen Teil ihres historischen Erbes pflegen. Indem man Fakten und einen für die heutige Identität der Stadt wichtigen Teil der Geschichte negiere, leiste man ganz sicher keinen positiven Beitrag zur Entwicklung von Kanton, Region und Stadt St.Gallen.

Parlament will mehr Informationen zur Zukunft

Zu einem Ereignis mit Seltenheitswert ist es Ende Oktober im St.Galler Stadtparlament gekommen. Einstimmig wies das Gremium die Vorlage um Aufstockung der Subvention fürs Textilmuseum um 150'000 auf 430'000 Franken zurück. An eine solche Einmütigkeit bei einem solchen Beschluss mag sich nicht einmal Stadtpräsident Thomas Scheitlin erinnern. Und er hat seit den 1980er-Jahren in verschiedenen Funktionen mit dem Parlament zu tun.

Der Kommission fehlten Informationen

Im Waaghaussaal war die Institution Textilmuseum allerdings nicht grundsätzlich umstritten. Beantragt hatte die Rückweisung die Geschäftsprüfungskommission (GPK). Dies mit der Begründung, dass wichtige Fragen zur Weiterentwicklung dieser Institution ungeklärt geblieben seien. In der Vorberatung habe der Verein Textilmuseum die Zusatzinformationen nicht vollständig liefern können, die die Kommission vor einem stärkeren finanziellen Engagement der Stadt als wichtig erachte.

Der zusätzliche Finanzbedarf fürs Textilmuseum sei seit 2017 bekannt, sagt Stadtpräsident Thomas Scheitlin. Er bestehe nach Rückweisung der Subventionserhöhung weiter. Er sei auch im Parlament nicht grundsätzlich bestritten. Das dürfe man daraus schliessen, dass die Vorlage Ende Oktober nicht abgelehnt, sondern zur Ergänzung zurückgewiesen worden sei.

Ball liegt beim Trägerverein

Ziel bleibt für Thomas Scheitlin, das Geschäft mit den Zusatzinformationen möglichst rasch wieder ins Parlament zu bringen. Wann das geschehen wird, ist offen. Thomas Scheitlin: «Der Ball liegt beim Verein Textilmuseum.» Dieser müsse die zusätzlichen Angaben erarbeiten.

Infos will das Parlament einmal zum künftigen Organisations- und Betriebskonzept. Weiter wurde in der Geschäftsprüfungskommission und im Parlament das Fehlen eines mehrjährigen Businessplans kritisiert. Drittens ist klar, dass die Liegenschaft des Textilmuseums saniert werden muss. Das Stadtparlament will grob wissen, wie der Ve­rein dieses Projekt anzugehen gedenkt. Dies auch mit Blick auf allfällige weitere Kosten, die in diesem Zusammenhang auf die Stadt zukommen werden. (vre)

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