«Zukunft St.Galler Innenstadt»
In St.Gallen wird eine riesige Chügelibahn eröffnet – sie steht aber nur temporär

Der Verein Spielpunkte St.Gallen hat am Mittwoch seine zweite Spielstation eröffnet. Es ist eine Chügelibahn, die ein ganzes Baugerüst einnimmt.

Marlen Hämmerli
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Die Chügelibahn ist an einem Gerüst angebracht. Nach unten führen drei verschiedene Routen.

Die Chügelibahn ist an einem Gerüst angebracht. Nach unten führen drei verschiedene Routen.

Bild: Arthur Gamsa

Katy Rohner tritt vorsichtig in die Pedale und treibt dadurch einen Flaschenzug an. Ein Eimer schwebt in die Höhe, das Gerüst hoch bis zum Anfangspunkt der übergrossen Chügelibahn an der Torstrasse 25. Oben fallen zwei Bälle aus dem Eimer, rollen das Rohr hinab und in einen Kasten, dem sogenannten Zufallsgenerator. Ab hier geht es in einer von drei Bahnen weiter. Drei Viertel der Chügelibahn schräg gegenüber dem künftigen HSG-Campus Platztor sind transparent. Die Bälle leuchten auf Druck hin in verschiedenen Farben.

Hinter der Realisierung steht der Verein Spielpunkte St.Gallen, der Anfang Jahr gegründet worden ist. Das Ziel: Die Innenstadt mit Spielen für Gross und Klein zu beleben. Die Initiative ist aus dem Projekt «Zukunft St.Galler Innenstadt» entstanden.

Was ist das Projekt «Zukunft St.Galler Innenstadt»?

Das Projekt «Zukunft St.Galler Innenstadt» hat zum Ziel, die Innenstadt zu beleben und dem Ladensterben etwas entgegenzusetzen.

Dazu wurden seit 2016 jährlich zwei Foren durchgeführt. Interessenvertreter brachten ihre Ideen und Bedürfnisse ein. Daraus ergaben sich Massnahmenfelder, die durch verschiedene Arbeitsgruppen realisiert wurden.

Das Projekt endete 2019, weil sich inzwischen alle Massnahmen in der Umsetzung befanden. Bis Sommer 2020 sollten mindestens 80 Prozent der Massnahmen abgeschlossen sein. Die Aktivitäten koordiniert nun das sogenannte «City Management Board». (mha)

Der Vereinsgründung helfe, die Initiative sichtbarer zu machen, sagt Vereinspräsidentin und Initiantin der Spielpunkte, Katy Rohner. «Sponsoren erwarten bei unseren Projekten eine Trägerschaft.»

Tritt man auf dem Velo rückwärts, bewegt sich der Eimer nach unten und stösst dabei an den blauen Kasten. Dieser kippt, wodurch die Bälle aus dem Kasten im Kessel landen.

Tritt man auf dem Velo rückwärts, bewegt sich der Eimer nach unten und stösst dabei an den blauen Kasten. Dieser kippt, wodurch die Bälle aus dem Kasten im Kessel landen.

Bild: Arthur Gamsa

Spielpunkte sollen Stadt für Kinder und Erwachsene attraktiver machen

Cédric Bosshard, Initiant der Chügelibahn und Vorstandsmitglied, sagt:

«Unsere Vision ist es, die Attraktivität der Stadt mit Spielpunkten zu steigern und sie dadurch zu beleben.»
Cédric Bosshard hatte die Idee für die Chügelibahn.

Cédric Bosshard hatte die Idee für die Chügelibahn.

Bild: Arthur Gamsa

Und Katy Rohner fügt an: «Wir wollen etwas für die Bevölkerung schaffen.» Das Fernziel ist ein Netz vieler Spielpunkte in der ganzen Innenstadt.

Der erste Spielpunkt, die Märlistation auf dem Blumenmarkt, steht seit fast einem Jahr. In einer umgebauten Telefonkabine können Kinder Märchen lauschen.

Die Märlikabine vor und nach dem Umbau

Die Swisscom betreibt die Telefonkabine nicht mehr und gab sie ab. Lisa Jenny - 10. September 2019

Bis zur Realisierung war es für die drei Initiantinnen Katy Rohner, Anja Weiss-Gehrer und Cornelia Benz-Fuhrimann aber ein Hürdenlauf. Sponsoren mussten gefunden werden, eine Baubewilligung musste eingereicht und die Kabine umgebaut werden. Auch deswegen wurde der Verein gegründet.

Dieser ist absichtlich breit abgestützt. Im Vorstand sitzen:

  • Ralph Bleuer, Präsident der Detailhandelsvereinigung Pro City,
  • Cédric Bosshard, Forma Architekten AG,
  • Laura Cortese, stellvertretende Leiterin der städtischen Standortförderung,
  • Philipp Lämmling, Alltag Agentur GmbH,
  • Katy Rohner, The Swiss Label und Initiantin der Spielpunkte,
  • Anja Weiss-Gehrer, Leiterin Administration und Initiantin der Spielpunkte,
  • Karin Winter Dubs, Fraktionspräsidentin der SVP im Stadtparlament.

Die Finanzierung ist ein Problem

Der Verein steht und ist gut vernetzt. Ein Problem aber bleibt: die Finanzierung. «Es ist wie die Huhn-Ei-Frage», sagt Cédric Bosshard. «Ohne weitere Spielpunkte können wir kein Geld generieren. Ohne Geld können wir keine Spielpunkte realisieren.» Gleichzeitig verursacht die Märlistation laufende Kosten aufgrund des Unterhalts. Der Verein entschied sich, ein Risiko einzugehen und die Idee der Chügelibahn trotzdem voranzutreiben.

Die Idee dazu hatte Bosshard. «Ich spiele gerne mit den Massstäben.» Auf öffentlichem Grund sei es schwierig, etwas zu realisieren. Deshalb wich Bosshard auf ein Baugerüst aus. Auf der Baustelle an der Torstrasse 25 ist auch die Forma Architekten AG involviert. So fragte Bosshard die Eigentümerschaft und die am Bau involvierten Unternehmen an und die sagten zu. Der Stein, oder besser die Kugel, kam ins Rollen.

Im Frühling kommt das Baugerüst und damit die Chügelibahn wieder weg. Bis dahin wird sie zu den Bauzeiten, 7 bis 17 Uhr, zugänglich sein. Und abends sowie an den Wochenenden? «Das werden wir austesten müssen», sagt Bosshard. Nach dem Abbau wird die Chügelibahn wahrscheinlich bei Unternehmen, die sie erstellt haben, eingelagert – bis der Verein ein weiteres Gerüst findet, an dem er sie befestigen darf. «Jeder Eigentümer, der ein Gerüst an seinem Gebäude hat, kann sich aber auch bei uns melden», sagt Bosshard.

Nun möchte der Verein Sponsoren und Mitglieder werben

Für die Umsetzung der Chügelibahn war der Verein auf das Wohlwollen vieler angewiesen. Sanitäre und Metallbauer erstellten die Einzelteile ohne Bezahlung. «Die Lernenden waren involviert. Denn durch die Chügelibahn konnten sie zeigen, was hinter den Berufen steckt», sagt Bosshard.

Nun, da die Bahn läuft, setzen Rohner und Bosshard grosse Hoffnungen in sie. So braucht es weitere Sponsoren für weitere geplante Spielpunkte. «Der Vorstand arbeitet ehrenamtlich, die Stadt unterstützt unser Vorhaben, trotzdem braucht es Geld», sagt Rohner. Der Verein hofft zudem auf Mitglieder.

Katy Rohner präsidiert den Verein Spielpunkte St.Gallen.

Katy Rohner präsidiert den Verein Spielpunkte St.Gallen.

Bild: Arthur Gamsa

Mit dem Start der Chügelibahn geht auch die Website www.spielpunkte.ch online. Dort wird über die bestehenden, aber auch die geplanten und angedachten Spielpunkte informiert. Zudem können sich hier Interessierte für den Verein anmelden. Katy Rohner und Cédric Bosshard treibt das Bedürfnis an, etwas zu bewegen. Der 43-Jährige sagt:

«Wir können nicht jammern, die Stadt und die Läden stürben, dann aber nichts machen.»

Es sei ein Aufruf an alle, die etwas bewegen wollten, sagt Rohner. Gesucht seien Personen, die sich finanziell, mit ihren Ideen oder ihrer Tatkraft einbringen möchten. «Man muss nicht einmal Mitglied sein, man kann sich auch so einbringen.» Und Bosshard fügt an: «Wir möchten einen kleinen Beitrag dazu leisten, die Innenstadt wieder lebendiger und somit auch attraktiver zu machen.»