ZUKUNFT
St.Galler Baudirektion stellt zwei weitere Strategien für die Stadtentwicklung vor: 100'000 Einwohner und trotzdem Platz für mehr Freiräume

Wie alle anderen Gemeinden im Kanton ist die Stadt St.Gallen daran, die Grundlagen für ihre bauliche Entwicklung zu überarbeiten. Wo künftig gebaut werden soll und wo es mehr Freiräume für die Bevölkerung braucht, sagen Konzepte, die jetzt vorgestellt wurden.

Reto Voneschen
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Die Alt- und Innenstadt von St.Gallen. Eine massive bauliche Verdichtung soll künftig in der Talsohle östlich und westlich dieses Gebietes stattfinden. Dies ergänzt durch die Weiterentwicklung der Arbeitsplatzgebiete am Standrand im Neudorf und in Winkeln.

Die Alt- und Innenstadt von St.Gallen. Eine massive bauliche Verdichtung soll künftig in der Talsohle östlich und westlich dieses Gebietes stattfinden. Dies ergänzt durch die Weiterentwicklung der Arbeitsplatzgebiete am Standrand im Neudorf und in Winkeln.

Bild: Reto Martin
(7. August 2015)

St.Gallen soll von knapp 80'000 auf 100'000 Einwohnerinnen und Einwohner wachsen können. Damit in der Stadt überhaupt so viele Menschen Platz finden, muss aber gebaut werden. Doch wo und wie soll das geschehen? Und wo müssen öffentliche Freiräume aufgewertet oder neu angelegt werden, damit die Lebensqualität nicht unter der dichteren Besiedlung leidet? Genau diese Fragen versuchen zwei neue Konzepte des Stadtrats, die Innenentwicklungs- und die Freiraumstrategie, zu beantworten.

Unterlagen

Städterinnen und Städter sollen mitdiskutieren

(sk/vre) Die Verantwortlichen der städtischen Direktion Planung und Bau sind sich bewusst, dass bereits die Vorbereitung der Totalrevision von Bauordnung und Zonenplan schwere Kost ist. Daher ist eine Veranstaltungsreihe über die Stadtentwicklung geplant: «Stadthorizonte – Gespräche zur Entwicklung von St.Gallen» startet am 17. Juni im Online-Format. Erstes Thema ist der Spagat zwischen Begrünung und baulicher Verdichtung. Anmelden zum Anlass kann man sich im Internet.

Im städtischen Internetauftritt finden Interessierte aber auch Unterlagen zu den Strategien des Stadtrats für die Anpassung des Richtplans sowie die Totalrevision von Bauordnung und Zonenplan. Zu den am Mittwoch vorgestellten Strategien für die Innenentwicklung und für die Freiräume sind je eine zusammenfassende Kurzbroschüre sowie der ausführliche Grundlagenbericht aufgeschaltet. Allgemeine Informationen zum Gesamtprojekt für die Grundlagen der Stadtsanktgaller Bautätigkeit sind ebenfalls im städtischen Internetauftritt zu finden.

Am Mittwochvormittag haben der städtische Baudirektor Markus Buschor und Stadtplaner Florian Kessler diese Papiere vorgestellt. Sie sind umfangreich und abstrakt, und doch werden sie beide nicht nur das Bild der Stadt, sondern mittelfristig auch das Leben von Städterinnen und Städtern direkt beeinflussen. Die städtische Bauverwaltung unternimmt darum einiges, um die Stossrichtung der Strategien öffentlich zu erklären. So sind die Unterlagen ab sofort im Internet verfügbar. Zudem ist eine Veranstaltungsreihe zu Kernthemen der Papiere geplant.

Bauen vor allem in der Talsohle östlich und westlich der Innenstadt

Baulich verdichtet werden soll die Stadt künftig vor allem in der Talsohle, im Osten und Westen von Alt- und Innenstadt. Dazu sollen vorgelagert an den Stadteingängen in Winkeln und im Neudorf Gebiete mit Arbeitsplätzen ausgebaut werden. Eine moderate bauliche Verdichtung sieht die Innenentwicklungsstrategie zur Aufwertung von Quartieren etwa in Rotmonten, in St.Georgen, im Riethüsli, in der Lachen und in Winkeln vor.

Die grünen Hänge der Stadt St.Gallen - im Bild der Rosenberg vom Rathaus aus - sollen möglichst erhalten bleiben. Als charakteristisches Element des Stadtbilds und als Beitrag fürs Stadtklima.

Die grünen Hänge der Stadt St.Gallen - im Bild der Rosenberg vom Rathaus aus - sollen möglichst erhalten bleiben. Als charakteristisches Element des Stadtbilds und als Beitrag fürs Stadtklima.

Bild: Michel Canonica (12.6.2014)

Von massiver baulicher Verdichtung verschont werden sollen ausdrücklich durchgrünte und offene Hanglagen links und rechts der St.Galler Talsohle. Sie seien für den Charakter der Stadt und fürs Stadtklima wichtig, zudem lägen sie nicht an den Hauptachsen des öffentlichen Verkehrs, begründete Stadtplaner Florian Kessler an der Medienorientierung vom Mittwoch im Waaghaus.

Neue Freiräume: Damit die Lebensqualität nicht kippt

Dort, wo die Stadt baulich verdichtet wird, braucht es als Gegengewicht neue öffentliche Freiräume. Sonst kippt die Lebensqualität. Entsprechend gibt die am Mittwoch vorgestellte Freiraumstrategie des Stadtrats vor, dass dort in der Talsohle, wo massiv verdichtet werden soll, bestehende Grünflächen weiterzuentwickeln sind und neue Quartierparks entstehen sollen.

Wo intensiv gebaut wird, sollen künftig als Gegengewicht neue Freiräume entstehen und bestehende aufgewertet werden.

Wo intensiv gebaut wird, sollen künftig als Gegengewicht neue Freiräume entstehen und bestehende aufgewertet werden.

Plan: Stadt St.Gallen

In der Alt- und Innenstadt, entlang von Achsen sowie um Quartierzentren soll die Gestaltung von Strassen und Plätze freundlicher werden. Im Osten der Stadt (vom Höchsterwald durchs Neudorf zum Hagenbuchwald) wie auch im Westen (von der Kreuzbleiche via das Areal der Burgweier bis an den Rand von Bruggen) sollen Grünzüge für die Vernetzung von Grünflächen sorgen.

Ziemlich abstrakte Materie

Das Interesse der breiten Stadtbevölkerung für diese Strategien für Verdichtung und Freiräume zu wecken, dürfte jetzt nicht ganz einfach sein. Es geht da (noch) nicht um konkrete Projekte, sondern um die ziemlich abstrakten Grundlagen dafür. Erfahrungsgemäss sprechen Bürgerinnen und Bürger dann auf ein Bauthema an, wenn es sie ganz offensichtlich und sofort betrifft. Klassiker sind dabei, wenn eine Wiese oder Familiengärten in der Nachbarschaft überbaut werden sollen.

Die Erfahrung zeigt, dass sich Städterinnen und Städter erst für Baufragen interessieren, wenn es sie persönlich betrifft - wie etwa derzeit der Bau einer neuen Tagesbetreuung am Rand der Wiese beim Schulhaus Boppartshof.

Die Erfahrung zeigt, dass sich Städterinnen und Städter erst für Baufragen interessieren, wenn es sie persönlich betrifft - wie etwa derzeit der Bau einer neuen Tagesbetreuung am Rand der Wiese beim Schulhaus Boppartshof.

Bild: Arthur Gamsa
(20. November 2020)

Und das ist eben bei den Strategiepapieren nicht der Fall. Sie gehören aber zu einem Paket, das über kurz oder lang zu grossen Veränderungen in der Stadt führen wird. Die Innenentwicklungs- und die Freiraumstrategie sind Vorbereitungsarbeiten für Anpassungen am Richtplan sowie für die Totalrevision von Bauordnung und Zonenplan. Diese Arbeiten muss die Stadt vornehmen, um eine Kehrtwende in der Schweizer Raumplanung lokal nachzuvollziehen.

Zersiedlung und Landverschleiss endlich stoppen

Weil sich das Raumplanungsgesetz als zu wenig griffig erwiesen hatte, die Zersiedelung der Schweiz und den Landverschleiss nicht stoppen konnte, wurde die Raumplanung auf nationaler Ebene neu aufgegleist und mit griffigeren Instrumenten ausgestattet. Die entsprechende Gesetzesrevision wurde vom Schweizer Volk am 3. März 2013 mit 63 Prozent Ja-Stimmen angenommen. In St.Gallen sagten damals drei Viertel der Stimmenden Ja.

In der Folge musste sich auch der Kanton St.Gallen ein neues Planungs- und Baugesetz geben. Es ist seit 1. Oktober 2017 in Kraft und gibt den Gemeinden im Kanton bis 2027 Zeit, ihre eigenen Grundlagen für die Bautätigkeit zu überarbeiten. In diesem Revisionsprozess steckt seit 2018 auch die Stadt St.Gallen. Hier sind die Arbeiten aufgrund der Grösse und Komplexität des Themas besonders anspruchsvoll. Die Arbeiten liegen im Moment aber im Fahrplan.

Der Stadtrat legt die Stossrichtung der Stadtentwicklung fest

Grundlage für die notwendige Anpassung des städtischen Richtplans sowie die Überarbeitung von Bauordnung und Zonenplan sind verschiedene Strategiepapiere. Sie legen die Stossrichtung der künftigen Stadtentwicklung fest. Die Wohnraumstrategie liegt seit Ende 2020 vor. Die Innenentwicklungs- und die Freiraumstrategie wurden jetzt vorgestellt. Die Liegenschaftenstrategie soll bis Ende dieses Jahres fertiggestellt sein.

Der Strategieplan für die künftige bauliche Innenentwicklung der Stadt St.Gallen.

Der Strategieplan für die künftige bauliche Innenentwicklung der Stadt St.Gallen.

Plan: Stadt St.Gallen

Die Strategien sind Sache der Verwaltung und des Stadtrats. Im kommenden Jahr soll auf ihrer Basis der städtische Richtplan angepasst werden; der Beschluss darüber ist Sache des Stadtparlaments, womit es voraussichtlich Ende 2022 eine politische Debatte übers Thema geben wird. Schon vorher, Ende 2021/Anfang 2022, ist dazu eine öffentliche Vernehmlassung geplant.

Der grosse Brocken: Totalrevision von Bauordnung und Zonenplan

Ab Ende 2022 soll die Überarbeitung von Bauordnung und Zonenplan an die Hand genommen werden. Und das wird mit Sicherheit ein ganz grosser politischer Brocken. Die letzte Totalrevision dieser Grundlagen für die Bautätigkeit in der Stadt dauerte - dank Referendumsabstimmung und ellenlanger Rechtsverfahren wegen Einsprachen - fast zwei Jahrzehnte: von Ende der 1980er- bis in die 2000er-Jahre hinein.

So geht die Stadt St.Gallen das Jahrhundertprojekt der Totalrevision ihrer Rechtsgrundlagen für die Bautätigkeit an - von den Perspektiven über die Strategieentwicklung und die Anpassung des Richtplans bis zur Revison von Bauordnung und Zonenplan.

So geht die Stadt St.Gallen das Jahrhundertprojekt der Totalrevision ihrer Rechtsgrundlagen für die Bautätigkeit an - von den Perspektiven über die Strategieentwicklung und die Anpassung des Richtplans bis zur Revison von Bauordnung und Zonenplan.

Grafik: Stadt St.Gallen

Die Arbeiten an Bauordnung und Zonenplan sollen Mitte 2022 starten. Mitte 2024 dann ist die öffentliche Vernehmlassung zu den Entwürfen dieser Erlasse geplant. Anfang 2025 sollen sie öffentlich aufgelegt werden. 2026 dann sollen die neue Bauordnung und der neue Zonenplan vom Stadtparlament diskutiert und beschlossen werden.

Falls das fakultative Referendum - wie bei der letzten Totalrevision - ergriffen wird, soll Ende 2026 abgestimmt werden. Sagt das Volk Ja, laufen ab Anfang 2027 die Rechtsverfahren aufgrund der früher eingegangenen und nicht im Gespräch erledigten Einsprachen. Wie lange diese Verfahren dauern liegt nicht im Einfluss der Stadt; sie können sich aber, falls jemand das Bundesgericht anruft, über Jahre hinziehen. Was bei der letzten Totalrevision dazu geführt hat, dass sie in Etappen rechtskräftig wurde.