Zufällig fand er in die Politik, nun wird Beat Rütsche höchster Stadtsanktgaller

Morgen wählt das St.Galler Stadtparlament Beat Rütsche (CVP) zum höchsten Stadtsanktgaller.

Christoph Renn
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Beat Rütsche vor dem Waaghaus, wo das St.Galler Stadtparlament jeweils tagt.

Beat Rütsche vor dem Waaghaus, wo das St.Galler Stadtparlament jeweils tagt.

Bild: Michel Canonica

Im St.Galler Stadtparlament ist Beat Rütsche, der Mann in Anzug und Krawatte, ein gewohntes Gesicht. Seit nun neun Jahren sitzt er für die CVP im Parlament. Dieses Jahr wird für ihn aber das aussergewöhnlichste: Das Stadtparlament wählt am Dienstag den 51-Jährigen zum höchsten Stadtsanktgaller. Dies, nachdem er eher zufällig zur Politik gefunden hat. «Ich war zwar schon immer an der städtischen Politik interessiert, aber nicht in einer Partei», sagt er. Erst ein Anruf – als er gerade in seinem Garten in St.Georgen den Rasen mähte – des damaligen Fraktionspräsidenten Philip Schneider habe ihn über ein aktives Teilnehmen an der Politik nachdenken lassen.

Erste Sitzung des Stadtparlaments 2020

Das St.Galler Stadtparlament tagt am Dienstag ab 16 Uhr im Waaghaus. Die Bestellung des Präsidiums für das Amtsjahr 2020 ist als erstes Geschäft traktandiert. Danach folgen sieben Ersatzwahlen, drei Sachgeschäfte und vier Vorstösse.

Nach wenigen Tagen Bedenkzeit sagte er zu und die Partei schrieb Beat Rütsches Name auf die Liste. «Schneider sagte mir, dass ich keine Angst haben müsse, denn ich würde sowieso nicht gewählt.» Und so kam es auch. Rütsche schaffte den Sprung ins Stadtparlament nicht. Doch 2011 rutschte er für seinen Parteikollegen Guido Keller nach. Rütsches Sitz im Waaghaus bestätigte das Stimmvolk bei den Wahlen 2012 und 2016.

Der Entscheid, für die CVP zu politisieren, sei ein einfacher gewesen. «Für mich war klar, dass ich Mitglied in einer Mittepartei sein will.» Denn nur mit Polparteien käme die Politik nicht weiter. Als Parlaments­präsident fordert er deshalb von allen Parteien, aufeinander zuzukommen und respektvoll miteinander umzugehen. «Das schliesst nicht aus, dass man unterschiedliche Ansichten hat.» Doch im Stadtparlament gehe es darum, Lösungen zu finden.

Ein sicherer Wert in der lokalen Politik

Für andere politische Ämter hat sich Beat Rütsche nie beworben. So sucht man seinen Namen auch auf der aktuellen Kantonsratsliste der CVP vergebens. «Mir gefällt die lokale Politik», begründet er diesen Entscheid. Dass er keine kantonale oder gar nationale Politkarriere verfolge, bedeute jedoch nicht, dass er sein neues Amt als Parlamentspräsident weniger ernstnehme. Auch plant Rütsche, seinen Sitz im Stadtparlament bei den kommenden Wahlen im Herbst wieder zu verteidigen.

Ein erstes Ausrufezeichen hat Beat Rütsche bereits in einer seiner ersten Sitzungen im Stadtparlament im Jahr 2011 gesetzt. Er kann sich noch genau daran erinnern: «Es ging um die Neugestaltung des Vadianplatzes.» Bereits in der Fraktionssitzung habe er klargemacht, dass das geplante Zufahrtsregime zur Parkgarage Neumarkt so nicht funktionieren würde. «Daraufhin habe ich den Antrag gestellt, die entsprechende Vorlage zurückzuweisen.» Sein Antrag sei zur Überraschung der damaligen Baudirektorin Elisabeth Beéry vom Stadtparlament gutgeheissen worden. Seine erste Aktion war damit sogleich von Erfolg gekrönt.

Den Schwerpunkt hat der CVP-Parlamentarier aber auf die Verbesserung der Tagesbetreuung in der Stadt gelegt. «Ich war einer der ersten Bürgerlichen, der die ausserschulische Betreuung der Kinder in der Stadt zum Thema gemacht hat», sagt Rütsche. So habe er unter anderem schon im Budget 2013 einen Beitrag von 50'000 Franken für die Tagesbetreuung gefordert. Das bedeutete damals ein Angebot von zwei Mal zweieinhalbstunden pro Woche. «Mit einer flächendeckenden Betreuung, wie wir sie heute kennen, wäre ich damals wohl noch nicht durchgekommen.»

Vom Riethüsli nach St.Georgen

Beat Rütsche ist ein Ursanktgaller. Aufgewachsen ist er im Riethüsli, genauer in Oberhofstetten. «Damals gab es noch keinen Bus ins Quartier», erinnert er sich. Seit über 20 Jahren lebt er mit seiner Ehefrau, der Konzertsängerin Beatrice Rütsche, in St.Georgen. Zusammen haben sie zwei Söhne im Alter von elf und 14 Jahren.

Nachdem Beat Rütsche die Flade abgeschlossen hatte, absolvierte er eine Banklehre. «Danach ging ich für zwei Jahre beruflich nach Genf», sagt Rütsche. Wieder in St.Gallen bildete er sich an der Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschule (HWV), heute die Fachhochschule für Wirtschaft, weiter. Seit 1994 arbeitet er bei PricewaterhouseCoopers, wo Rütsche heute die Bankenprüfung der Ostschweiz leitet.

Angesicht seines beruflichen Werdegangs überrascht es wenig, dass er in seinem Jahr als höchster Stadtsanktgaller eine effiziente Sitzungsleitung anstrebt. «Vor allem, weil es in diesem Jahr keine Aufräumsitzungen mehr gibt», sagt er. Deshalb sei es sein Ziel, dass die Open-End-Sitzungen ein Ende finden. «Ich habe mir schon etwas überlegt, um dieses Ziel zu erreichen.» Was es genau ist, verrät er nicht. Nur so viel: Es ist etwas typisch sanktgallerisches, aber keine Bratwurst.

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Seraina Hess