Zu milder Winter: Die Erdkröten beim Mötteliweiher in Untereggen sind gefährlich früh aus dem Winterschlaf erwacht

Wegen der warmen Temperaturen waren die Erdkröten bereits auf Wanderschaft – einen Monat zu früh.

Melissa Müller
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Kröten tun alles, um zu ihrem Ursprungsteich zurückzukehren.

Kröten tun alles, um zu ihrem Ursprungsteich zurückzukehren.

Hanspeter Schiess

Froschexperte Jonas Barandun hatte eine seltsame Vorahnung, als am Wochenende ein warmer Regen einsetzte. «Das ist ideales Krötenwanderwetter», dachte er. Es war schon länger aussergewöhnlich mild für den Januar, Krokusse blühten, der Boden hatte sich aufgewärmt. Und nun wurde er auch noch kräftig durchnässt.

«Unter solchen Bedingungen wird bei Kröten hormonell der Wandertrieb ausgelöst.»

Dann kriechen sie aus ihren Winterverstecken und wandern ans Wasser, um sich zu paaren.

Krötenkenner Jonas Barandun.

Krötenkenner Jonas Barandun.

Ralph Ribi

80 überfahrene Kröten

Alarmiert fuhr Barandun in der Nacht auf Sonntag zu Laich­gewässern in St.Gallen, Goldach, Diepoldsau und Oberriet. Sein Instinkt hatte ihn nicht getäuscht, er fand auf den Strassen 80 zumeist überfahrene Erdkröten. Die Hälfte davon beim Mötteliweiher in Untereggen, auch bekannt als Schlossweiher. «Die Amphibienwanderung hat unerwartet früh eingesetzt», sagt der Biologe. Auch die Gemeinden und Naturschützer traf die Wanderung unvorbereitet. Sie haben noch keine Warnschilder für die Autofahrer oder Amphibienschutzzäune aufgestellt.

Tierschützer retten mit ihrem Amphibienschutzzaun zahlreiche Frösche und Kröten vor dem Strassenverkehr.

Tierschützer retten mit ihrem Amphibienschutzzaun zahlreiche Frösche und Kröten vor dem Strassenverkehr.

Hanspeter Bärtschi

«Ideal wären drei Wochen mit Schnee und Frost»

Als es gestern schneite, war Barandun erleichtert. «Die Kröten verkriechen sich jetzt wieder in einem Erdloch im Wald und sinken zurück in den Winterschlaf.» Am besten wäre es, wenn es jetzt drei Wochen kalt bliebe, mit Schnee und Frost. «Dann würden Tiere und Pflanzen zur Ruhe kommen.»

Die Rhythmen der Natur sind durcheinander geraten. «Viele Bäume sind aufgrund der langen Trockenphase geschwächt», sagt Barandun. Er vermutet, dass die Frösche und Kröten künftig immer früher aus dem Winterschlaf erwachen.

Die Natur mache zwar immer das Beste aus einer Situation. Jedoch sei die Population der Amphibien in den letzten Jahren bereits markant geschrumpft. Auf der roten Liste steht die Gelbbauchunke; nur noch wenige Exemplare tummeln sich bei der Sitter und im Breitfeld in Gossau.

Bedroht: Die Gelbbauchunke steht auf der roten Liste.

Bedroht: Die Gelbbauchunke steht auf der roten Liste.



Hanspeter Baertschi

Der Laubfrosch sei ebenfalls fast verschwunden. Nur noch am Bodenseeufer, in Waldkirch und Niederbüren leben ein paar der grünen Kletterkünstler. «Das sind allerdings Kleinstvorkommen auf dem letzten Zacken», sagt Barandun.

Er ist sehr selten geworden: Der Laubfrosch lebt in unserer Region nur noch am Bodenseeufer, in Waldkirch und Niederbüren.

Er ist sehr selten geworden: Der Laubfrosch lebt in unserer Region nur noch am Bodenseeufer, in Waldkirch und Niederbüren.

PD

Auch die Erdkröte ist rarer geworden. Die Weibchen legen zwar jeweils 2000 bis 3000 Eier. Allerdings werde ein Grossteil des Laichs von Fischen und Libellenlarven gefressen. Jede Kröte hat ihr Waldversteck. Sie graben sich unter einem Wurzelstockoder in einem Mausloch ein. Sobald es taut und die Temperaturen sechs Grad erreichen, erwachen die Kröten aus der Winterstarre. Dann haben sie nur noch ein Ziel: «Ihren» Weiher, wo sie selbst aus dem Ei geschlüpft sind. Erdkröten legen bis zu vier Kilometer zurück. Keine Strasse bringt sie davon ab. Und so werden jedes Jahr Tausende platt gewalzt. Auch auf der Reise zum Burgweiher in St.Gallen verunglücken viele Tiere, weil das Areal auf allen Seiten von Strassen umschlossen ist. «Massnahmen, um die Kröten zu schützen, sind hier besonders schwierig», sagt der Experte. Manche Männchen lassen sich huckepack auf einem Weibchen zu ihrem Tümpel tragen. Haben es die Kröten endlich ans Wasser geschafft, treffen sie sich zum grossen Paarungsfest.

Barandun hofft, dass es bis dahin noch es etwas dauert.

Happy End für die Kröten.

Happy End für die Kröten.




Fremde

Wichtige Laichgebiete

In unserer Region gibt es einige Laichgebiete von nationaler Bedeutung. Dazu zählen stehende Nebenarme des Alten Rheins, das Goldachtobel, der Schlossweiher Mötteli in Untereggen, die alte Ziegelei in Wittenbach und der Hohfirstweier zwischen Engelburg und Waldkirch. Auf St. Galler Stadtgebiet gehören der Wenigerweier, der Schiessplatz Ochsenweid und der Bildweier dazu, in Gossau das Breitfeld, die ehemalige Kiesgrube Espel und die Arniger Witi.