Zu Gast in St.Gallen: Irene Hirzel, die Frau, die die Menschenhändler stört

Rund 40 Millionen Menschen sind weltweit von Menschenhandel betroffen. In der Schweiz dürften es einige Tausend sein. Am Mittwoch spricht Irene Hirzel, eine Kämpferin gegen den Menschenhandel, im Hauptbahnhof St.Gallen beim «Forum Elle».

Diana Hagmann-Bula
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Der Klassiker: Menschenhändler ködern junge Frauen in Entwicklungsländern mit Versprechen für Ausbildungen und hohe Verdienste, am Schluss landen die Mädchen in einem Bordell und müssen sich prostituieren.

Der Klassiker: Menschenhändler ködern junge Frauen in Entwicklungsländern mit Versprechen für Ausbildungen und hohe Verdienste, am Schluss landen die Mädchen in einem Bordell und müssen sich prostituieren.

Bild: Sandra Ardizzone/LTA

Sie kommt aus der Armut, will hier neu anfangen. Und dann das: Statt einer Hotelfachschule wartet ein Job in einem Nagelstudio auf die Vietnamesin. Zu lange Arbeitszeiten, zu tiefer Lohn, schreckliche Wohnsituation. Viele Gründe, um sich zu beklagen. Doch die Vietnamesin hat sich bei der «Jobvermittlungsagentur» in ihrem Land für die «Ausbildung» verschuldet. Schon beginnt die Abhängigkeit. Und mit ihr das Schweigen.

Menschenhandel hat viele Gesichter

40 Millionen Menschen sind weltweit von Menschenhandel betroffen, in der Schweiz mehrere tausend Personen. «Vieles geschieht im Dunkelbereich», sagt Irene Hirzel. Sie bekämpft «die moderne Sklaverei» seit vielen Jahren, seit Dezember 2014 mit ihrer eigenen Meldestelle «Act212» in Bern.

Menschenhandel

Aktivistin spricht in St.Gallen

(dbu) Irene Hirzel spricht am Mittwoch, 14 Uhr, im Hauptbahnhof St.Gallen. Anmeldung für die Teilnahme am Vortrag sind bis Dienstag, 18 Uhr, unter www.forum-elle.ch möglich.

Menschenhandel gehört laut der UNO zu den lukrativsten illegalen Verdienstmöglichkeiten. «Hoher Profit, niedriges Risiko», sagt Hirzel, die aus Sicherheitsgründen weder Wohnort noch Alter preisgibt. 350 Meldungen sind bisher bei ihrer Meldestelle eingegangen, 15 seit Jahresbeginn.

Nicht nur im Bordell

«Ausbeutung bei der Arbeit beschäftigt uns immer stärker. Sie geschieht nicht nur im Nagelstudio, auch auf dem Bau und in der Hotellerie.» Das Opfer spreche kaum Deutsch, kenne seine Rechte nicht. «Es hat Angst vor den Menschenhändlern. Und vor der Polizei. In der Heimat hilft sie nicht.» «Act212» vermittelt Betroffene an Beratungsstellen und Rechtsdienste, ans Gesundheitswesen, an die Polizei.

Menschenhandel ist oft schwierig zu erkennen und noch schwieriger zu unterbinden. Das politische Bewusstsein für das Phänomen wächst aber. Im Bild eine Kundgebung gegen Menschenhandel und Sklaverei in Bern.

Menschenhandel ist oft schwierig zu erkennen und noch schwieriger zu unterbinden. Das politische Bewusstsein für das Phänomen wächst aber. Im Bild eine Kundgebung gegen Menschenhandel und Sklaverei in Bern.

Bild: Peter Schneider/KEY

Vor über zwanzig Jahren: Hirzel ist im Rotlichtmilieu im Sozialdienst tätig. «Wollte eine Frau aus der Zwangsprostitution aussteigen, schaffte man sie damals als illegale Prostituierte schnell aus.» Hirzel ist erschüttert. So sehr, dass sie sich weiter engagiert. Für eine Schweizer Institution arbeitet sie als Projektleiterin Menschenhandel in Asien und Europa, baut mit lokalen Partnern Schutzhäuser auf, leistet Präventionsarbeit.

Loverboys ködern junge Frauen

Dort lernt sie das Phänomen der Loverboys kennen. «Nur die Schweiz dachte, sie sei davon nicht betroffen.» Doch heute gehen bei «Act212» immer wieder entsprechende Meldungen ein. Am Mittwoch wird Hirzel auf Einladung der Frauenorganisation «Forum Elle» in St.Gallen über die jungen Männer reden, die Mädchen die grosse Liebe versprechen, ihnen aber nur Probleme bringen: Prostitution und ein zerstörtes Urvertrauen.

«Betroffene brauchen viel Kraft, Betreuung und Therapie, um danach wieder normal leben zu können.» Hirzel schildert den Fall von Nina. Die Eltern der 15-Jährigen haben sich gerade getrennt. Im Chat lernt sie den Täter kennen. Er interessiert sich für sie, für ihre Probleme, will sie treffen. Und Sex.

«Als Nächstes sondert er sie ab von Familie und Freunden.» Dann folge oft dieselbe Masche: Er brauche Geld, jammert er. Ob sie nicht gegen Bezahlung mit seinem Freund schlafen könne, um ihm zu helfen. Sie tut es. Der Freund ist in Wahrheit ein Freier. «Schon steckt sie in der Prostitution.»

Mütter und Grossmütter sensibilisieren

Hirzel hofft auf Mütter und Grossmütter, die ihr am Mittwoch in St.Gallen zuhören werden. Sie wolle ihnen keine traurigen Geschichten erzählen, sondern ein Werkzeug mitgeben, um erkennen zu können, falls das (Gross-)Kind auf einen Loverboy reinfalle. Früher hätten Eltern davor gewarnt, zu Fremden ins Auto zu steigen.

«Heute sind die Fremden im Internet und damit direkt im Kinderzimmer.»

In 50 Prozent der Fälle gelinge es ihrem Team, das Opfer an Stellen zu vermitteln, damit es begleitet aussteigen könne, sagt Irene Hirzel. Sie erzählt von einer Mutter aus Lateinamerika, die sich hier zwangsprostituieren musste. Dabei hatte die Frau nur das Schulgeld für ihren Sohn zusammenbekommen wollen.

«Die Täter bedrohten sie auch zurück in der Heimat. Erst als sie erfuhren, dass wir involviert sind, liessen sie sie in Ruhe.» Die Frau schlug sich daraufhin mit kleineren Jobs durch. «Heute ist ihr Sohn Arzt. Er hat sich brieflich bedankt, dass ich seiner Mutter geholfen habe.»

Viele Opfer sind zu abhängig von ihren Peinigern

Und die andere Hälfte der Opfer? «Sie ist zu abhängig.» Hirzel will helfen. Und aufklären: «Menschenhandel geschieht dort, wo das ökonomische Gefälle zu Gunsten der Reichen und zu Lasten der Armen genutzt wird. Konsum verschärft ihn.» Sie denke vor dem Kauf einer Jeans darüber nach, ob diese fair produziert sei. «Ein Freier kann sich auch überlegen, ob die Prostituierte wohl unter angenehmen Bedingungen arbeitet.»

Die Opfer von Menschenhändlern müssen in verschiedensten Branchen arbeiten. Irene Hirzel sind sogar Fälle bekannt, in denen junge Frauen zur Arbeit in Nagelstudios gezwungen wurden.

Die Opfer von Menschenhändlern müssen in verschiedensten Branchen arbeiten. Irene Hirzel sind sogar Fälle bekannt, in denen junge Frauen zur Arbeit in Nagelstudios gezwungen wurden.

Bild: Getty

Hirzel wünscht sich, dass mehr Fälle von Menschenhandel vor Gericht kommen. «Das schreckt ab.» Sie wünscht sich zudem, dass das Risiko für Menschenhändler in Zukunft hoch, der Profit tief ist. Und nicht mehr umgekehrt. Menschenhandel werde man nie eliminieren können. «Aber wir können ihn stören.»

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Uno: Sexuelle Ausbeutung grösstes Problem bei Menschenhandel

Die meisten Opfer von Menschenhandel werden nach Angaben der Vereinten Nationen sexuell ausgebeutet. 2016 wurden fast 60 Prozent der Opfer von Menschenhandel auf diese Weise ausgenutzt. Vor allem in Amerika, Europa und Südostasien dominiert diese Form der Ausbeutung.