Erster Besuch im Restaurant Werk 1 in Gossau: «Ich musste viele weinende Bräute vertrösten»

Wie ist es, nach acht Wochen Zwangspause zum ersten Mal wieder auswärts essen zu gehen? Zu Beginn geniesst man alles bewusster. Dann aber ist man schnell wieder drin in der Restaurantroutine, leicht benebelt vom Wein, satt und träge.

Melissa Müller
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Die Gastronomen Michael Grey (links) und Simon Fischer bedienen mit Mundschutz - auch, weil es ihnen wichtig ist, den Gästen persönlich Wein nachschenken zu können. Der Bund schreibt vor: Der Service solle Masken tragen, auch wenn der Abstand von zwei Metern nur kurz unterschritten wird.

Die Gastronomen Michael Grey (links) und Simon Fischer bedienen mit Mundschutz - auch, weil es ihnen wichtig ist, den Gästen persönlich Wein nachschenken zu können. Der Bund schreibt vor: Der Service solle Masken tragen, auch wenn der Abstand von zwei Metern nur kurz unterschritten wird.

Ralph Ribi

Es ist der 11. Mai, die Restaurants sind zum ersten Mal seit langem wieder offen. Voller Vorfreude geht es ins «Werk 1» in Gossau, in einem stattlichen Backsteingebäude unweit des Bahnhofs gelegen.

Weniger Sitzplätze, mehr Desinfektions-Stationen: Das Team des «Werk 1» muss sich neue Abläufe aneignen.

Weniger Sitzplätze, mehr Desinfektions-Stationen: Das Team des «Werk 1» muss sich neue Abläufe aneignen.

Ralph Ribi

Nach dem Desinfizieren der Hände gleich beim Eingang - das Mittel duftet herb-frisch nach Teebaumöl - nimmt ein eleganter Herr mit schwarzen Handschuhen die Gäste in Empfang: Betriebsleiter Simon Fischer. Er trägt einen schwarzen Mundschutz. Der Chef von 35 Angestellten sagt:

«Die hat meine Mutter extra für uns genäht. Ich wollte nicht, dass wir hier wie im Spital maskiert sind.»
Betriebsleiter Simon Fischer (stehend) hat die Gesichtsmasken für sein Personal bei seiner Mutter bestellt. Sie hat diese nach den medizinischen Vorgaben seines Bruders, eines Physiotherapeuten, genäht.

Betriebsleiter Simon Fischer (stehend) hat die Gesichtsmasken für sein Personal bei seiner Mutter bestellt. Sie hat diese nach den medizinischen Vorgaben seines Bruders, eines Physiotherapeuten, genäht.

Ralph Ribi

Das «Werk 1» ist an diesem Abend ausgebucht - und auch für den Rest der Woche hat der Wirt schon zahlreiche Reservationen von Stammgästen, die es kaum erwarten können, endlich wieder ein Wiener Schnitzel oder Kalbsleberli zu verspeisen.

Fast wie eine Motto-Party

«Es hat etwas von einer Motto-Party, wie die Kellner hier maskiert sind», sagt Tanja Dinner, die mit sich mit ihrer Freundin Jacqueline Buff zum Abendessen verabredet hat. Zwei Monate lang haben sie sich nur via Facetime zum Apéro getroffen. Endlich können sie sich nun wieder bei einem Essen in die Augen schauen. «Ich habe das sehr vermisst», sagt die Gossauerin, die mittags öfters im «Werk 1» zu Gast ist.

Viel Platz zwischen den Tischen: Restaurantleiter Michael Grey (vorne) bedient im luftigen Saal. Hier haben normalerweise 120 Personen Platz.

Viel Platz zwischen den Tischen: Restaurantleiter Michael Grey (vorne) bedient im luftigen Saal. Hier haben normalerweise 120 Personen Platz.

Ralph Ribi

Kerzen brennen im luftigen, gediegenen Saal. Alle Tische sind besetzt; Sie stehen jedoch weit auseinander. Wie alle Restaurants musste auch das «Werk 1» die maximale Zahl der Gäste reduzieren. Aktuell sei eine Auslastung von bis zu 60 Prozent möglich. «Es wäre mit lieber gewesen, erst in einem Monat zu öffnen - dafür mit weniger Massnahmen des Bundes», sagt Simon Fischer. Man habe sich völlig neue Arbeitsabläufe ausdenken müssen, «ein Riesenaufwand».

Die Gäste studieren in andächtiger Stille eine laminierte Speisekarte, die nach jedem Gebrauch desinfiziert wird. «Darf es zum Apéritif ein prickelnder Cava oder ein fruchtiger Weisswein sein?», fragt Restaurantleiter Michael Grey. Was für ein Luxus, sich so verwöhnen zu lassen. Obschon das «Werk 1» edel wirkt, fühlt sich alles entspannt an. Sogar das Mineralwasser, das Grey in blankpolierte Weingläser sprudeln lässt, schmeckt besser als zu Hause.

Für die Gäste ein Genuss. Doch hintenrum ist es Schwerstarbeit, den Betrieb am Laufen zu erhalten.

Für die Gäste ein Genuss. Doch hintenrum ist es Schwerstarbeit, den Betrieb am Laufen zu erhalten.

Ralph Ribi

Alle Versammlungen abgesagt, kein Weihnachtsessen in Sicht

Er sei erschrocken, wie schnell der Lockdown kam, sagt Fischer. Er liess in dieser Zeit die Küche renovieren und den Eichenparkett ölen und organisierte Termine. «Ich musste viele weinende Bräute trösten.»

Die Hochzeiten wurden auf den Herbst verschoben. Sämtliche Haupt- und Generalversammlungen, die im Restaurant hätten über die Bühne gehen sollen, wurden abgesagt.

«Die Firmen buchen jetzt keine Weihnachtsessen, weil alles so ungewiss ist. Wir können nichts planen.»

Erstaunlich schnell hat sich der Gast an die maskierte Bedienung à la «Fifty Shades of Grey» gewöhnt - und ist wieder drin in der gewohnten Restaurant-Routine. Der Wein macht träge, der Bauch spannt - nun merkt man, dass man zu Hause eher linienfreundlicher kocht. Satt und zufrieden überlegt man, ob man sich trotzdem noch ein Erdbeersorbet oder ein Schokoladenküchlein mit flüssigem Kern gönnen soll.

Die Bars sind geschlossen

Danach würde man gern noch einen Absacker in einer Bar zu sich nehmen. Doch die Gossauer Nachtlokale sind geschlossen. Das BBC eröffnet erst am Donnerstag, 16.30 Uhr, mit reduzierten Öffnungszeiten. Er werde ein «Betrieb auf Sparflamme», sagt Mediensprecherin Rita Bolt.

Rita Bolt

Rita Bolt

PD

Denn der Partytempel darf weder DJs engagieren noch Konzerte veranstalten. Bolt ergänzt, dass alle Eingangstüren im BBC automatisch aufgehen: Beim Ein- und Ausgang, bei den Toiletten und beim Fumoir. Dies, weil Betreiber Hanspeter Dürr vor acht Jahren in weiser Voraussicht beschloss, auf Türgriffe zu verzichten - um die Gefahr, sich mit einem Grippevirus anzustecken, zu minimieren.

Fabio De Tata hat kürzlich im ehemaligen «Schwarzen Adler» eine Cryptopoint-Bar eröffnet. «Meine Bar befindet sich im Keller und hat keine Fenster», sagt er. Deshalb sei es schwierig, eine coronataugliche Lösung zu finden. Dazu seien die Regeln des Bundes zu streng: Er schreibt etwa vor, dass alle Gäste sitzen und Gruppen zwei Meter Abstand halten müssen.

Fabio De Tata führt die Cryptopoint Adler-Bar in Gossau.

Fabio De Tata führt die Cryptopoint Adler-Bar in Gossau.

Johannes Wey

Diese Regeln machen auch Gerlinde Votta zu schaffen, der Wirtin des «Weissen Schäflis». Für eine kleine Bar sei es unter diesen Voraussetzungen unmöglich, schwarze Zahlen zu schreiben. Wenn sie nur fünf Gäste bewirten dürfe, lohne sich das nicht. Nun hofft die Barfrau auf eine Lockerung des Versammlungsverbots bei der nächsten Etappe.

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