Zirkuskostüme im Museum: Die Familie Knie zeigt in St.Gallen Schätze aus ihrem Fundus

Der Circus Knie gastiert im Textilmuseum St.Gallen: Mehr als 90 Kostüme aus dem Fundus der Zirkusfamilie sind ausgestellt. Einblick in eine aufwendig inszenierte Zirkustextilschau der vergangenen 100 Jahre.

Roger Berhalter
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Bilder: Urs Bucher
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Ein Zirkuskostüm ist ein besonderes Kleidungsstück. Es macht eine modische Ansage, muss aber auch als Arbeitsgewand funktionieren. In der Manege soll es glänzen, auch nach Hunderten von Vorstellungen noch. Hinter den Kulissen aber soll man es schnell wieder wechseln können. Die Show muss schliesslich weiter gehen, und dazu gehören eben auch die Kostüme. Was wäre der Weissclown ohne Seidenstrümpfe und Hut? Was wären die Seiltänzer ohne funkelnde Stickereien? Was wäre der Zirkusdirektor ohne schwarzes Kristallkleid zum Finale?

Das Textilmuseum zeigt in der neuen Ausstellung «Mode Circus Knie» mehr als 90 solche Kostüme aus dem Fundus der Zirkusfamilie. Dies anlässlich eines Jubiläums: Vor 100 Jahren kauften die Knies ihr erstes Zirkuszelt, seither gibt es den «National-Circus Knie».

Kurator Martin Leuthold führt Knie-Kostümchefin Mary-José Knie und Paola Felix durch die Ausstellung im St.Galler Textilmuseum (Bild: Urs Bucher)

Kurator Martin Leuthold führt Knie-Kostümchefin Mary-José Knie und Paola Felix durch die Ausstellung im St.Galler Textilmuseum (Bild: Urs Bucher)

Hochseiltanz unter freiem Himmel

Im Textilmuseum liegt kein Geruch von Sägemehl in der Luft. Auch die Tiere, Clowns und Artisten fehlen. Dennoch taucht der Besucher sofort in eine magische Zirkuswelt ein. Im Treppenhaus hängen alte Zirkusplakate sowie farbiges Zaumzeug für Pferde und Elefanten. Um die Museumssäulen winden sich rote Seile. «200 Meter pro Säule», weiss Martin Leuthold, bis vor kurzem noch Kreativdirektor der Jakob Schlaepfer AG.

Leuthold hat die Ausstellung zusammen mit Szenograf Moritz Junge gestaltet. Hierfür erhielten die beiden Zugang zur privaten Kostümsammlung der Familie Knie in deren Winterquartier in Rapperswil. Am Mittwuch führten sie die Medien und später auch Sponsoren sowie Prominente wie Paola Felix und Mary-José Knie durch die Ausstellung. Letztere ist heute für die Kostüme der Zirkusfamilie verantwortlich.

Als der Circus Knie noch unter freiem Himmel spielte: Gewand eines Seiltänzers um 1900. (Bild: PD)

Als der Circus Knie noch unter freiem Himmel spielte: Gewand eines Seiltänzers um 1900. (Bild: PD)

«Mode Circus Knie» ist eine aufwendig inszenierte, stimmungsvolle Zirkustextilschau. Sie beginnt mit den Kostümen der Seiltänzer um 1900. Damals fanden die Aufführungen der Knies noch unter freiem Himmel statt, wie schwarz-weisse Fotos an der Wand beweisen. Alles glitzert und leuchtet bunt in diesem ersten von drei Ausstellungsräumen, allen voran die Pailletten und Stickereien der Artistengewänder: «Charly», «Fredy»: Die Namen auf dem Rücken verraten, wer damit einst übers Hochseil balanciert ist.

«All diese Kleider sind Einzelanfertigungen, auf dem Niveau von Haute Couture», sagt Moritz Junge. Bis heute lassen sich die Knies ihre Kostüme von spezialisierten Ateliers in Paris auf den Leib schneidern. Der zweite Raum macht einen Sprung in die Nachkriegszeit. «Damals tat sich eine Popcorn-Welt auf», sagt Martin Leuthold. Die Kostüme wurden bunter, glamouröser, neue Materialien wie Plastik kamen ins Spiel, und allgemein zeigt sich der Einfluss aus Übersee. «Ende der 1960er- und 1970er-Jahre war im Showgeschäft alles aus Amerika angesagt», wird Zirkusdirektor Fredy Knie im Medientext zitiert:

«Da mussten überall Federn dran und Glitzer drauf. Es war alles Las Vegas, auch hierzulande.»
Schlichte Schnitte, reduzierte Farbpalette: Dressurkostüme der Familie Knie von 1990 bis heute. (Bild: PD)

Schlichte Schnitte, reduzierte Farbpalette: Dressurkostüme der Familie Knie von 1990 bis heute. (Bild: PD)

Die Knies sind heute berühmt für ihre Dressurnummern, zu denen auch spezielle Kostüme gehören. Der dritte Ausstellungsraum, den man durch einen roten Samtvorhang betritt, zeigt solche Dressurkleider von 1990 bis heute. Leuthold spricht von einem «strengeren, reduzierten Look». Auch hier funkeln zwar Kristalle und Pailletten. Die Schnitte sind aber schlicht, die Farbpalette ist reduziert. So wichtig die Kostüme und die Menschen für eine Dressurnummer sind: Im Mittelpunkt sollen die Tiere stehen.

Clown Pic und tollkühne Frauen

Die Knie-Ausstellung im Textilmuseum überzeugt mit einem grossen Begleitprogramm, das bis nach Luzern reicht. Im dortigen Verkehrshaus ist ein Zirkuswagen der Familie Knie ausgestellt, Baujahr 1900. In St.Gallen finden bis kommenden Januar zahlreiche Veranstaltungen statt, das Programm wird laufend ergänzt. Schon jetzt kann man sich auf einen Auftritt von Clown Pic freuen (13.6.). Oder auf einen Einblick in die aus heutiger Sicht zweifelhaften Völkerschauen, die im Zirkus bis in die 1960er Jahre gang und gäbe waren (26.9.). Ebenso wie die Auftritte von «tollkühnen Frauen», so der Titel eines Museumsgesprächs mit Stefania Pitscheider Soraperra vom Frauenmuseum Hittisau (4.7.).