Weltkulturerbe Stiftsbezirk: Wo die Stadt St.Gallen ihre Wurzeln findet

Der Stiftsbezirk ist mehr als bloss ein Touristenmagnet. Darüber sind sich Stadtpräsident, Dompfarrer, Tourismuschef, und Stiftsbibliothekar einig. Das Weltkulturerbe liefert gar eine Antwort darauf, warum die St.Galler Idealisten sind.

Christina Weder
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Ausgangspunkt und spirituelles Zentrum der Stadt: Der St. Galler Stiftsbezirk. (Bild: Urs Bucher)

Ausgangspunkt und spirituelles Zentrum der Stadt: Der St. Galler Stiftsbezirk. (Bild: Urs Bucher)

Auf die Frage, welche Bedeutung der Stiftsbezirk für die moderne Stadt St.Gallen hat, sind sich die Befragten in einem Punkt einig: Der Stiftsbezirk ist nicht nur für den Tourismus wichtig. Natürlich sei er ein Standortfaktor, der den Namen St.Gallens weit über die Stadtgrenzen hinausträgt, sagt etwa Stadtpräsident Thomas Scheitlin.

«Doch wenn ich mir Gedanken darüber mache, welche Bedeutung er für die St.Gallerinnen und St.Galler hat, dann ist es eine Art emotionaler Anker.»

Die Kathedrale mit ihren Türmen biete einen Wiedererkennungs- und Identifikationswert. Der Stiftsbezirk sei darüber hinaus ein wichtiger Treffpunkt für die Stadtbewohner. Hier verabreden sie sich, setzen sich in der wärmeren Jahreszeit auf den Rasen, geniessen die Ruhe und die meditative Atmosphäre. 

«Das ist wichtiger Ausgleich in der sonst hektischen Welt.»

Ein Schlüssel zum Besonderen

Stiftsbibliothekar Cornel Dora sieht das Kloster als Schlüssel zum Besonderen an den St. Gallern. Das Kloster sei nicht nur das spirituelle Zentrum, sondern auch der Ausgangspunkt der Stadt. Dabei sei aussergewöhnlich, dass St. Gallen nicht am See gegründet wurde, wo der Handel florierte, sondern in einem eher abgelegenen Tal oberhalb. Gemäss Dora war Gallus ein «Spinner» im positiven Sinne, ein Idealist mit einer besonderen spirituellen Motivation. Das bleibe bis heute seine wichtigste Botschaft an uns: «Wir St.Galler sind Idealisten», sagt Dora, «wir wollen fliegen.»

Auch für Tourismusdirektor Thomas Kirchhofer geht es um die Wurzeln. Es sei in der heutigen Zeit wichtiger geworden, sich auf die Herkunft zurückzubesinnen und sich mit der Identität auseinanderzusetzen, sagt er:

«Wer nicht weiss, woher er kommt, weiss auch nicht, wohin er geht.»

Für ihn ist klar, was die Besonderheit des Stiftsbezirks heute noch ausmacht. Er sei eben keine «museale Insel in der Stadt», sondern ein lebendiges, multifunktionales Zentrum. Dazu gehören Bistum, Regierungssitz, Schule, Ort der Wissenschaft und Unesco-Weltkulturerbe. Allerdings sei Letzteres noch zu wenig bekannt. Kirchhofer sieht Potenzial bei der Vermarktung.

Die Zahl der 134000 Eintritte, die vergangenes Jahr in der Stiftsbibliothek verkauft wurden, könne gesteigert werden. Der Tourismusdirektor betont aber auch:

«Wir wollen keine Massen hindurchschleusen oder Carreisende anlocken, die nach 20 Minuten wieder wegfahren.»

Sein Ziel sei nicht nur die Zahl der Touristen zu erhöhen, sondern die Wertschöpfung pro Gast zu steigern. Eine Studie der HSG hat ergeben, dass die meisten Besucher im Stiftsbezirk nicht einmal eine Stunde bleiben. Kirchhofer will das ändern. Dabei denkt er nicht nur an Touristen aus dem Ausland, sondern auch an Gäste aus der Westschweiz und dem Mittelland, von denen erst wenige den Weg in die Ostschweiz finden.

Reibungsfläche mit dem Tourismus

Für Dompfarrer Beat Grögli ist der Klosterbezirk vor allem ein «geistlicher Ort, der Geschichte lebt». Grögli spricht vom einzigartigen Ensemble, vom wunderbaren Freiraum und von der Hauptkirche der Katholiken. Jährlich werden in der Kathedrale 160000 Kerzlein angezündet. Es sei ein Raum der Stille und des Gebets. Viele Leute kämen hierher, um ihre Religiosität zu pflegen und die Ruhe zu suchen.

«Das beisst sich mit dem Tourismus», sagt Grögli. Es gebe Touristen, die sich das Welterbe nur anschauten, weil sie es auf ihrer Liste abhaken wollten. Manche hätten kein Verständnis dafür, dass sie die Kathedrale während eines Gottesdienstes nicht besichtigen könnten. Doch Grögli betont: «Die Kathed-rale ist kein Ausstellungssaal.» Ihm ist es wichtig, in der Diskussion ums Welterbe zu betonen: «Wir leben das immaterielle Weltkulturerbe.» Denn das Weltkulturerbe bestehe nicht nur aus Steinen, Gebäuden und Kunstwerken. Auch die Gottesdienste, die hier gefeiert werden, und die Dommusik seien Teil davon.

Dass der Stiftsbezirk über zwei neu gestaltete Ausstellungsräume verfügt, begrüsst er. Der Dompfarrer hofft, dass damit die touristischen Bedürfnisse besser befriedigt werden können und sich die Touristenscharen besser verteilen.

Gedächtnisspeicher und Überlieferungsglücksfall

Mandana Roozpeikar kennt den Stiftsbezirk erst seit kurzem. Die Ethnologin hat iranische Wurzeln, ist in Pratteln bei Basel aufgewachsen und hat länger in Wien gelebt. Vor zwei Monaten hat sie ihre Stelle als Stiftsbezirksmanagerin in St. Gallen angetreten. Das Erste, was sie beeindruckte, war die Funktion des Stiftsbezirks als Gedächtnisspeicher.

«Ich sagte mir: Vieles, was ich als Kind in der Schule gelernt habe, hat man vor mehreren hundert Jahren hier schriftlich festgehalten.»

Diese Vorstellung sei faszinierend. Ihr sei schnell klar geworden, dass es sich um einen emotionalen Ort handle. Sie spricht die Atmosphäre an, die von jahrhundertealten Handschriften, Dokumenten und Urkunden geprägt ist. «Das ist auch heute noch inspirierend, um auf neue Ideen zu kommen.»

Stadtarchivar Stefan Sonderegger spricht von einem «Überlieferungsglücksfall». Während andernorts ganze Archive verloren gingen, lagern im Stiftsarchiv 700 frühmittelalterliche Urkunden und in der Stiftsbibliothek kunstfertige Handschriften. Doch wenn es um deren historische Aufarbeitung geht, äussert Sonderegger Kritik: «Es stört mich, dass das Welterbe immer wie eine Insel behandelt wird.» Für den Historiker gehören Stadt und Kloster untrennbar zusammen. Das eine lasse sich nicht ohne das andere verstehen. Es habe sich immer um eine Koexistenz gehandelt – auch nach der Reformation, als es die territoriale und konfessionelle Trennung gab. Der Stadtarchivar ist überzeugt: «Es braucht neue Fragestellungen.»

Stiftsbezirk öffnet die Türen

Im Stiftsbezirk beginnt eine neue Ära. Das Stiftsarchiv eröffnet am Wochenende den neuen Ausstellungssaal und die Dauerausstellung «Das Wunder der Überlieferung – der St. Galler Klosterplan und Europa im frühen Mittelalter». Damit wird das älteste Klosterarchiv der Welt erstmals fürs breite Publikum zugänglich. Morgen Freitag findet der offizielle Festakt statt, zu dem Bundesrat Alain Berset nach St. Gallen kommen wird. Am Samstag öffnet der Stiftsbezirk seine Türen dann für die Bevölkerung. Sie ist von 10 bis 17 Uhr eingeladen, den Stiftsbezirk und seine neuen Angebote zu entdecken.

In der neuen Dauerausstellung im Stiftsarchiv werden die Urkundenbestände des ehemaligen Klosters St. Gallen aus dem frühen Mittelalter zu sehen sein. Das bedeutendste Exponat ist der weltberühmte Klosterplan aus der Stiftsbibliothek. Er wird in einem separaten, abgedunkelten Raum erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Damit er keinen Schaden nimmt, wird er nur während weniger Sekunden pro Viertelstunde in schwachem Licht inszeniert. Am Tag der offenen Türen können Besucherinnen und Besucher auch die kürzlich eröffnete Ausstellung «Gallus und sein Kloster» im Gewölbekeller der Stiftsbibliothek besuchen. Zudem wird ein kostenloses, vielfältiges Programm geboten.

Im Ausstellungssaal, Barocksaal, Gewölbekeller und Regierungsgebäude finden Kurzführungen statt. In der Kathedrale gibt es stündlich musikalische Darbietungen der Dommusik. Auf dem Klosterhof ist ein Festakt mit Ansprachen und einer Ballonaktion geplant. Interessierte können Demonstrationen von altem Handwerk oder Workshops in Kalligrafie und Zeichnen besuchen. Kinder werden Kinder durch den Stiftsbezirk führen. Im ganzen Stiftsbezirk werden Verpflegungsstände aufgestellt. Zudem wird im Pfalzkeller ein Klosterkaffee eingerichtet. Das komplette Programm ist auf der Website zu finden. (cw)

www.stiftsbezirk.ch