Wo das Kino Corso war, steht ein Haus nur auf Stützen – «ähnlich wie bei den Pfahlbauern» 

An der Brühlgasse 37 in St.Gallen, wo das Kino Corso war, klafft eine Lücke. Aktuell steht der obere Hausteil nur auf Stützen. Sogar für die Ingenieure ist der Bau einzigartig.

Sandro Büchler
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Bis Ende Juli sollen das Fundament, das Erdgeschoss und das Zwischengeschoss wieder eingebaut sein. (Bild: Benjamin Manser)

Bis Ende Juli sollen das Fundament, das Erdgeschoss und das Zwischengeschoss wieder eingebaut sein. (Bild: Benjamin Manser)

Immer wieder bleiben Passanten stehen, schauen verwundert auf das scheinbar schwebende Haus vis-à-vis der Kantonsschule am Burggraben. Einige zücken das Handy, machen ein Foto vom ungewöhnlichen Anblick, während Kinder ihre Köpfe an die Absperrgitter drücken, um einen Blick auf die Arbeiten zu erhaschen. Möglich machen das Spektakel an der Brühlgasse 37 insgesamt 24 Stützen und rund 100 Tonnen Stahl. Die Stützen halten den oberen Hausteil zehn Meter in der Luft. Die unteren Stockwerke sind herausgebrochen worden. Da, wo früher das Kino Corso und die Pizzeria Boccalino beheimatet waren, sind nur noch kahle Betonblöcke zu sehen.

«Ein Haus im Haus»

Kleine Baumaschinen mit Beissarmen fressen sich durch den Beton. Arbeiter bedienen sie mit einem Joystick. Der Bau sei anspruchsvoll, sagt Architekt Iso Senn, Verwaltungsrat der Bauherrin Senn Resources AG. Denn das ehemalige Kino habe seine eigene Geometrie gehabt. «Wie in jedem Kinosaal war der Boden schräg gebaut.» So sei das Kino wie ein eigenes Haus im Gebäude eingefügt gewesen. «Ein Haus im Haus quasi.»

Eine Baumaschine beisst sich Stück für Stück durch den Beton des Untergeschosses. (Bild: Sandro Büchler)

Eine Baumaschine beisst sich Stück für Stück durch den Beton des Untergeschosses. (Bild: Sandro Büchler)

Der Zustand der darüberliegenden Stockwerke sei hervorragend, sagt Senn. Deshalb hätten sich die Bauingenieure dazu entschieden, nur den unteren Teil des Hauses zu entfernen. Dabei kam es zu Überraschungen. «Die Statik des Fundaments hat sich als schwieriger erwiesen als angenommen.»

Bevor man überhaupt mit den Ausbrucharbeiten beginnen konnte, mussten deshalb Pfähle in den Untergrund getrieben werden. Thomas Müller, Leiter des Bauprojekts, sagt:

«Die Pfähle sind zusammengerechnet fast 1,8 Kilometer lang.»

Anschliessend habe man im Gebäude rund einen Meter breite Löcher in Decken und Böden gebohrt. In den so entstandenen Hohlräumen wurden dann Stück für Stück die Stahlstützen eingesetzt. «Dies geschah unter schwersten Bedingungen», sagt Müller. Denn die einzelnen Stahlelemente hätten irgendwie ins Gebäudeinnere bugsiert werden müssen.

In zwei Hälften zersägt

Erst als die Stützen senkrecht durch das Haus platziert waren und das Gewicht der oberen Geschosse tragen konnten, habe man mit dem Ausbruch beginnen können, sagt Müller. Die Abfangung, wie die Stützen im Fachjargon heissen, gewährleiste nun während der Bauphase die Statik des Hauses. Mit grossen Sägen schnitten die Bauarbeiter waagrecht durch die Stockwerke und teilten so das Haus sprichwörtlich in zwei Hälften. «Ein solches Projekt ist auch für uns einzigartig», sagt Senn. Es sei ein sehr diffiziler Bau, ähnlich wie Pfahlbau.

Mit diesen Kreissägen wurde das Haus waagrecht durchtrennt. (Bild: Sandro Büchler)

Mit diesen Kreissägen wurde das Haus waagrecht durchtrennt. (Bild: Sandro Büchler)

Die ungewöhnliche Baustelle wird permanent überwacht. Projektleiter Müller deutet auf graue Schläuche, die unter der Betondecke befestigt sind. «Das ist eine Schlauchwaage, eines der vielen Überwachungssysteme», erklärt er. Sie misst kleinste Höhenunterschiede. Falls sich das Haus auch nur einen Zehntelmillimeter bewegt, schlägt das System Alarm. «Sogar bei einem Wetterwechsel vor kurzen hat es angeschlagen», sagt Müller. Trotz der sichtbar brachialen Gewalt müsse die Baustelle mit den sensiblen Geräten überwacht werden. Er könne auf seinem Handy den Druck jeder einzelnen Stütze in Echtzeit kontrollieren.

Die 24 Stahlstützen wiegen zusammen rund 100 Tonnen und tragen das ganze Gewicht des Hauses. (Bild: Sandro Büchler)

Die 24 Stahlstützen wiegen zusammen rund 100 Tonnen und tragen das ganze Gewicht des Hauses. (Bild: Sandro Büchler)

Hausbewohner vertraut der Technik

Die oberen Geschosse sind noch immer bewohnt. Abgesehen vom Staub spüre er fast gar nichts, sagt Mieter Silvan Sauter. Kollegen hätten ihn aber schon als Pfahlbauer bezeichnet. Er nimmt es mit Humor:

«Mit Gästen habe ich schon gescherzt, dass sie sich für die Balance des Hauses gleichmässig in der Wohnung verteilen müssten.»

Die Baustelle unter seinen Füssen nimmt er gelassen. «Ich lebe ganz normal hier oben.» Am Tag arbeite er ohnehin ausserhalb und am Abend schwiegen die Maschinen.

Anders als Sauter entschied sich der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst, der ebenfalls im oberen Hausteil eingemietet ist, während der Bauzeit auszuziehen. «Der Lärm war tagsüber zu stark für ruhige Behandlungen», sagt Senn. Denn auch das Burggraben-Parkhaus wird derzeit renoviert, was zu zusätzlichen Vibrationen geführt hat.

Hausbewohner Sauter ist selbst Ingenieur. «Daher habe ich absolutes Vertrauen in die Technik.» Er sei vom Vermieter zwar informiert worden. Aber erst während der Arbeiten habe er realisiert, «wie das Gebäude in der Luft hängt». Nun freue er sich auf die Beiz, die nach dem Umbau im Erdgeschoss einzieht. Das neue Restaurant werde voraussichtlich im Dezember eröffnen können, sagt Iso Senn.

Der Name Corso soll mit dem neuen Restaurant weiterleben. (Bild: Sandro Zulian, 6. Dezember 2017)

Der Name Corso soll mit dem neuen Restaurant weiterleben. (Bild: Sandro Zulian, 6. Dezember 2017)

Um die Geschichte des Hauses in Erinnerung zu behalten, werde das Restaurant «Corso» getauft, verspricht er. Der letzte Film flimmerte vor sieben Jahren im Kino über die Leinwand, vor eineinhalb Jahren wurde das ganze Kino- und Gastroinventar an zwei Tagen an Interessierte verkauft. In manchem Wohnzimmer lebt das «Corso» so dank einem Plüschsessel weiter.

THE END: Kino Corso wird abgebrochen

Lange war unklar, wie es mit dem Kino Corso weitergeht. Nun steht fest: Das Corso wird abgebrochen. Im ersten Stock sollen Büros entstehen, im Erdgeschoss ein neues Restaurant.
Nina Rudnicki