Interview

Wittenbacher Schulleiter über Unterricht im Internet: «Wir dürfen die Schüler nicht verlieren»

Eine Struktur ist für Schülerinnen und Schüler in der Coronakrise am wichtigsten. Sie sollen merken, dass sie nicht schulfrei haben, sagt Grünau-Schulleiter Dominik Rechsteiner.

Michel Burtscher
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Dominik Rechsteiner, Schulleiter OZ Grünau.

Dominik Rechsteiner, Schulleiter OZ Grünau.

PD

Seit einer Woche werden die 338 Schülerinnen und Schüler des OZ Grünau in Wittenbach aus der Ferne unterrichtet, erhalten und erledigen Aufträge von ihren Lehrern auf dem Laptop. In der aktuellen Krise sei es ein grosser Vorteil, dass man die Jugendlichen in den letzten anderthalb Jahren mit persönlichen Notebooks ausgestattet habe, sagt Schulleiter Dominik Rechsteiner.

Wie der Fernunterricht genau funktioniert und warum es wichtig ist, den Jugendlichen auch in diesen ausserordentlichen Zeiten eine Struktur zu geben, erklärt er im Interview.

Ihre Schülerinnen und Schüler sitzen zurzeit zu Hause, sollen dort aber jeden Tag am Fernunterricht teilnehmen und Aufträge bearbeiten. Wie viele machen überhaupt mit?

Fast alle. Es gibt nur wenige Schüler, welche wir mit unserem verbindlichen System nicht erreichen. Wo dies der Fall ist, nehmen die Lehrpersonen Kontakt mit den Jugendlichen auf.

Wie läuft der Fernunterricht für den Rest genau ab?

Wichtig ist uns, den Schülerinnen und Schülern eine Struktur zu geben. Wir haben darum verbindliche Unterrichtszeiten, fangen beispielsweise jeden morgen um 8.30 Uhr mit einem Quiz an. So sehen wir auch sofort, wer dabei ist und wer nicht.

«Die Jugendlichen sollen merken, dass sie nicht schulfrei haben, sondern der Unterricht einfach in einer anderen Form durchgeführt wird. Wir dürfen die Schüler nicht verlieren.»

Wie meinen Sie das?

Wir müssen in dieser herausfordernden Situation auch Schüler erreichen, die wenig Unterstützung haben in ihrem Umfeld.

«Es gibt bei uns Jugendliche, die mit ihrer sechsköpfigen Familie in einer 80-Quadratmeter-Wohnung leben.»

Auch dort soll die Schule ihren Platz haben. Zudem wollen wir einen Beitrag leisten, dass die Eltern zu Hause nicht noch mehr Stress haben. Für viele von ihnen ist die Situation so schon schwierig genug.

Wie zufrieden sind Sie nach einer Woche Fernunterricht?

Wir haben den Vorteil, dass wir an der Grünau bereits seit zweieinhalb Jahren mit den notwendigen Apps arbeiten und seit Sommer 2018 die Jugendlichen etappenweise mit persönlichen Notebooks ausgerüstet haben.

Enorm profitieren wir von einem IT-Supportteam aus der Lehrerschaft, das kompetent und lösungsorientiert spezifische Entwicklungen ermöglicht und umsetzt. Ebenfalls zentral ist die riesige Bereitschaft der Lehrpersonen und des gesamten Schulteams, sich auf die Situation einzulassen und dranzubleiben.

Also lief bisher alles gut?

Letzte Woche sind zwar noch einige Fehler passiert, beispielsweise waren die Aufträge teilweise zu kompliziert. Die jetzige Situation ist auch für uns neu, wir müssen einfach ein bisschen ausprobieren. Wir nehmen die Fehler als Chance wahr, uns weiter zu entwickeln. Erste Priorität bleibt, den Jugendlichen zu zeigen, dass der Alltag weitergeht – wenn auch anders.

Können Sie den Schülern so überhaupt noch den Stoff beibringen, den sie eigentlich lernen müssten?

Ja, zum grossen Teil schon. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten mit selbstständigen Aufträgen, geleiteten Sequenzen und vereinzelt auch schon mit Gruppenarbeiten. Nur eben nicht als Klasse in einem Raum, sondern zu Hause und digital verbunden. Wir glauben, damit zu einem grossen Teil die Lerninhalte so vermitteln zu können, wie dies auch beim Unterricht vor Ort möglich gewesen wäre. Nur das Beurteilen der Leistungen ist noch nicht abschliessend geklärt.

Prüfungen finden also nicht mehr statt?

Gemäss kantonalen Vorgaben können die Aufgaben, welche die Jugendlichen bis zu den Frühlingsferien lösen, nicht für die Gesamtbeurteilung, also die Zeugnisnote, verwendet werden. Mit den Aufträgen, welche wir verteilen, wieder entgegennehmen und auch verbindlich beurteilen, wäre dies aber grundsätzlich möglich.

Laptops erleichtern die Beschulung zu Hause.

Laptops erleichtern die Beschulung zu Hause.

Christian Beutler / KEYSTONE

Neben Mathe, Deutsch und Französisch stehen auch Werken, Handarbeit, Musik oder Sport weiterhin auf dem Stundenplan. Wie funktioniert das genau?

Es gibt in diesen Fächern verschiedene Aufträge, aus denen die Schülerinnen und Schüler auswählen können. Im Werken beispielsweise müssen sie in einem vorgegebenen Zeitraum eine Pop-up-Karte aus Materialien basteln, die sie zu Hause haben. Die Karte können sie dann an jemanden senden, dem sie eine Freude machen wollen.

«Um zu zeigen, dass sie den Auftrag erfüllt haben, müssen die Jugendlichen einfach ein Bild von ihrem Werk hochladen.»

Wer eine Aufgabe im Fach Musik löst, macht ein Video. So sehen die Lehrer, ob die Aufträge erfüllt werden.

Die Schulen sind vorerst bis zu den Frühlingsferien geschlossen. Was passiert, wenn sie danach nicht wieder öffnen können? Wie sollen die Schüler den verpassten Stoff nachholen?

Unsere Schülerinnen und Schüler werden wenig nachzuholen haben, da sie ab vergangenem Mittwoch täglich von 08.30 bis 11.30 Uhr und am Nachmittag ebenfalls am Lernen sind. Und dies ist mehr, als von vereinzelten im Normalunterricht geleistet wird.

Darüber hinaus sind wir auch in der glücklichen Lage, die Jugendlichen bei einer Verlängerung der Massnahme zu begleiten.