«Ochsen»-Wirtin in Häggenschwil braucht dringend Hilfe: «Ein Koch ist schwieriger zu finden als ein Astronaut»

Die Häggenschwiler sorgen sich um die Zukunft des «Ochsen». Es ist die letzte gutbürgerliche Dorfbeiz.

Melissa Müller
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«Wir sind Workaholics»: Wirtin Rosmarie Egger mit ihrem Mann Sepp im «Ochsen» in Lömmenschwil.

«Wir sind Workaholics»: Wirtin Rosmarie Egger mit ihrem Mann Sepp im «Ochsen» in Lömmenschwil.

Bild: Ralph Ribi

Rosmarie Egger hat schlaflose Nächte. Die Wirtin des «Ochsens» in Lömmenschwil sucht seit Monaten einen Koch. Doch gute Fachkräfte sind rar. «Es ist in der Schweiz einfacher, einen Astronauten zu finden», meint die 62-Jährige. Sie hatte lange eine gute Köchin, die dann an Krebs erkrankt sei. Danach stellte sie einen Koch ein, der psychisch angeschlagen gewesen sei. Das ging nicht lange gut. Jetzt hilft ihr ein 21-jähriger Häggenschwiler aus, der seine Kochlehre in der «Seelust» in Egnach absolviert hat. Er wandert aber bald nach England aus.

Rosmarie Egger musste phasenweisen alles allein stemmen, putzen, kochen, servieren, die Tischtücher waschen, den Keller aufräumen, Fleisch und Gemüse bestellen. «Ich stand oft 16 Stunden am Tag im Restaurant.» Morgens um 9 Uhr kommen die Arbeiter, die zum Znüni Kaffee mit Wienerli bestellen, nachts um 23 Uhr trudelt oft noch ein Verein in die gepflegte Stube mit den getäferten dunkelgrünen Wänden und den Biedermeierstühlen.

Ehemann bittet alle Damen zum Tanz

Rosmarie Egger kennt drei pensionierte Küchenchefs, die bei Notfällen einspringen. Auch ihr Mann Sepp unterstützt sie. Der pensionierte Landwirt löst seine Frau abends im Restaurant ab. «Früher war er der Chef, jetzt muss er machen, was ich sage», sagt Rosmarie Egger.

«Wir sind beide Workaholics.
Mit einem Glas Wein herum zu sitzen, passt nicht zu uns.»

Sepp sei ein guter Tänzer. Jeden dritten Dienstag im Monat, wenn im «Ochsen» eine «Stobete» stattfindet, holt er die Damen zum Tanz, die einen tanzfaulen Mann haben.

Ein Bauernhof, vier Kinder - und als Hobby ging sie servieren

Rosmarie Egger hat stets einen lustigen Spruch auf den Lippen, das Wirten liegt ihr im Blut. «Früher habe ich nebst dem Bauernhof und den vier Kindern am Sonntag serviert. Das war mein Hobby.» Als die Bäuerin vor fünf Jahren erfuhr, dass die Gemeinde Häggenschwil den «Ochsen» kauft, bewarb sie sich. Ihr Mann lachte sie aus. «Die wollen doch nicht so eine alte Babe», meinte er. Gemeindepräsident Hans-Peter Eisenring erklärte ihr dann auch, dass er ein junges Wirtepaar bevorzugen würde. Da sich keines meldete, erhielt Rosmarie Egger den Zuschlag. «Damit ging für mich ein Traum in Erfüllung», sagt sie.

Keine Pommes und ein Alkoholproblem

Ihre Vorgänger hatten viel falsch gemacht. Der eine wollte keine Pommes frites servieren. («Das darf man auf dem Land nicht machen!») Ein anderer hatte ein Alkoholproblem und scharte in der Beiz seine Suffbrüder um sich. Die neue Wirtin brachte die heruntergewirtschaftete Dorfbeiz schnell wieder auf Vordermann. Dabei dürfe man das Geld nicht in den Vordergrund stellen, sagt Rosmarie Egger. Vom Bauernhof her sei sie es gewohnt, viel zu arbeiten.

«Ausserdem weiss ich, wie die Leute auf dem Land ticken, vom Sozialfall bis zum Millionär.»

So kommt es, dass der «Ochsen» mit seinen 80 Sitzplätzen, inklusive kleinem Säli, oft voll ist. Ein 92-Jähriger, der als wandelndes Dorflexikon gilt, unterhält täglich den Stammtisch.

Alles wäre gut – wenn nur ein Koch oder eine Köchin die Gäste verwöhnen würde. Die Küche sei kein einfaches Pflaster, ist sich die Wirtin bewusst. Man hat unregelmässige Arbeitszeiten, muss rechnen und planen können. Das Mittagsmenu kostet nur 15 Franken, inklusive Salat und Suppe. Es gebe stets ein ordentliches Stück Fleisch. «Dazu servieren wir immer frisches Gemüse», sagt Rosmarie Egger, die auch die französische Salatsauce selber zubereitet. Spezialität des Hauses ist das «Ochsen-Cordon-Bleu» mit Speck und Appenzellerkäse. «Manchmal läuft nichts, und dann kommen 40 Bestellungen aufs Mal», sagt die Gastgeberin.

«Häggenschwil hat schon genug teure Lokale»

Gemeindepräsident Hans-Peter Eisenring bangt um das letzte gutbürgerliche Lokal im Dorf. «Gault Millau»-Lokale gebe es mit der «Neuen Blumenau» und dem «Ruggisberg» in Häggenschwil schon genug, gemessen an der Einwohnerzahl von 1377 Bewohnern.

Es wäre schade um den «Ochsen», gibt es ihn doch schon seit über 400 Jahren. Chauffeure, Staplerfahrer und Pensionierte verpflegen sich im Lokal an der alten Konstanzerstrasse. Schon um 1830 ruhten sich Reisende mit ihren Pferdefuhrwerken im Haus mit der roten Fassade aus. «Auch das Wirtepaar sollte man unter Denkmalschutz stellen», sagt Eisenring. Rosmarie Egger lacht. Ihre Fröhlichkeit täuscht aber nicht darüber hinweg, dass sie sich in einer ernsten Lage befindet. «Ohne Koch geht es hier nicht weiter», sagt sie. «Ich stosse an meine Grenzen.»