«Wir wollen Frauen einen Platz in der Zeitgeschichte einräumen»: Gossauerinnen sind auf den Spuren starker Frauen

20 Spurensucherinnen haben 50 Lebensgeschichten von Gossauer Frauen aufgeschrieben.

Marion Loher
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Marlene Noser, Brigitte Hollenstein und Anita Egger (von links nach rechts) mit ihren gesammelten Schätzen.

Marlene Noser, Brigitte Hollenstein und Anita Egger (von links nach rechts) mit ihren gesammelten Schätzen.

Bild: Michel Canonica

Brigitte Hollenstein hat die vergangenen Wochen und Monate viel Zeit mit Archivieren verbracht. Immer wieder sind Geschichten, Nachrufe und Zeitungsartikel von Gossauer Frauen aus dem 20. Jahrhundert bei ihr eingetroffen. «Wir sind überrascht, wie viel spannendes Material zusammengekommen ist», sagt sie. Die ehemalige Präsidentin des Frauennetzes Gossau leitet das Projekt «Gossauer Frauengeschichten im 20. Jahrhundert», welches das Frauennetz im Januar 2019 gestartet hat.

Die Idee und Motivation dahinter ist: Lebensgeschichten, Zeitdokumente, Anekdoten und Fotos zu sammeln, die das Leben und Wirken von Gossauer Frauen dokumentieren. «Frauen kommen in unserer Geschichte wenig bis gar nicht vor», sagt Hollenstein. Mit dem Projekt soll sich dies ändern.

«Wir wollen Frauen einen Platz in der Zeitgeschichte einräumen.»

Die erste Gossauer Gemeinderätin

Anfang Jahr riefen die Projektverantwortlichen die Bevölkerung auf, sie bei ihrer Suche nach starken Frauen in der Gossauer Geschichte zu unterstützen. Das Echo war positiv. Daraufhin machten sich 20 Frauen auf Spurensuche – und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die Spurensucherinnen schrieben 50 Lebensgeschichten auf, digitalisierten über 300 Nachrufe aus verschiedenen Zeitungen, sichteten unzählige Broschüren und fassten zahlreiche Artikel zusammen.

Darunter sind Frauen wie Helena Mauchle als erste Gemeinderätin von Gossau und Schwester Marie Krucker, die in den 1930er-Jahren im «Lindenhof» ein Pflegeheim für Kinder aufbaute.

Zum gesammelten Material gehören unter anderem Beiträge über die Kriegs- und Nachkriegszeit, über multikulturelle Verbindungen und Grenzerfahrungen. Über 200 Artikel kommen aus dem Fundus der Autorin Barbara Saladin. Sie hat sich in ihrer Zeit als freischaffende Journalistin intensiv mit dem Thema Frauen beschäftigt. «Es ist eine grossartige Sammlung an lokalen Frauengeschichten, die viel zur Substanz unserer Dokumentation beiträgt», sagt Brigitte Hollenstein. Im Weiteren sind zwei Filmdokumentationen entstanden, welche die Erzählungen von zwei Zeitzeuginnen festhalten.

Vereine waren männerdominiert

Die Spurensucherinnen hätten grossartige Arbeit geleistet, sagt Hollenstein. Zwei dieser Frauen sind Anita Egger und Marlene Noser. Letztere hat in den vergangenen Wochen viele Stunden im Rara-Lesezimmer der Kantonsbibliothek Vadiana verbracht und alte Zeitungen durchgeblättert. «Ich habe einige interessante Nachrufe gefunden», erzählt sie.

Erstaunt war sie vor allem darüber, wie viele Artikel es über Vereine gab, die von Männern dominiert wurden, wie Turn- oder Schützenvereine.

«Von Frauen wurde in der Vereinsberichterstattung praktisch nichts geschrieben.»

Anita Egger hat für das Projekt vier Lebensgeschichten aufgeschrieben. Dabei sprach sie zum einen mit den Frauen selber, zum anderen mit deren Nachkommen. «Besonders beeindruckt hat mich die Lebensgeschichte einer bald 100-jährigen Gossauerin. Sie ist trotz widrigster Umstände ihrem Herzen gefolgt und hat ihren Mann in London geheiratet.»

Geschichten sollen sichtbar gemacht werden

Abgeschlossen ist die Dokumentation nicht. «Das wird sie nie sein. Aber der erste Schritt ist nun getan», sagt Brigitte Hollenstein. Die Projektverantwortliche ist überzeugt, dass es noch viele unentdeckte Frauen mit beeindruckenden Lebenserfahrungen gibt.

«Wenn diese Geschichten nicht aufgeschrieben und archiviert werden, verblassen die Erinnerungen – bis sie irgendwann verloren sind. Das wäre sehr schade, da wir sehr viel daraus lernen können.»

Nebst der Suche nach weiteren Geschichten geht es im nächsten Jahr auch darum, Möglichkeiten zu finden, die Gossauer Frauengeschichten für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen. «Es stehen verschiedene Ideen im Raum, noch aber ist nichts spruchreif.»

Als Erstes wird das Projekt auf eigene Beine gestellt und aus Mangel an zeitlichen Ressourcen vom Vorstand des Frauennetzes gelöst. Geleitet wird es weiterhin von Brigitte Hollenstein.

Hinweis: Weitere Frauengeschichten an b.hollenstein@praxisnah.ch