«Wir werden das gesteckte Ziel verfehlen»: Trotz Boom steigen St.Galler Automobilisten nicht auf Elektroautos um

Bis Ende 2020 will die Stadt 1000 Elektrofahrzeuge in St.Gallen. Die Zwischenbilanz fällt ernüchternd aus.

Sandro Büchler
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In der Stadt können aktuell an 19 Standorten mit insgesamt 48 Steckdosen Elektrofahrzeuge aufgeladen werden.

In der Stadt können aktuell an 19 Standorten mit insgesamt 48 Steckdosen Elektrofahrzeuge aufgeladen werden.

Bild: Urs Bucher

320 reine Elektro- und 96 Hybrid-Fahrzeuge: So viele Autos fahren auf den Strassen der Stadt St.Gallen mit Strom aus der Steckdose. Insgesamt also 416 städtische Fahrzeugbesitzer bewegen sich Ende November mit einem Elektromobil fort.

Die Zahl der Elektroautos ist in den vergangenen Jahren zwar gewachsen. Doch dies nicht genug. Denn bis Ende 2020 sollen 1000 Elektro- und Hybrid-Fahrzeuge in der Stadt unterwegs sein. Dieses Ziel hatte der Stadtrat 2016 formuliert und ist Teil des Energiekonzepts 2050 der Stadt St.Gallen.

«Wir werden das gesteckte Ziel ziemlich sicher verfehlen», sagt Harry Künzle, Leiter der Dienststelle Umwelt und Energie und überdies Energiebeauftragter der Stadt. Zwar nehme der Absatz von Elektroautos immer mehr zu und die Kurve zeige nach oben. Doch um die stadträtliche Vorgabe zu erreichen, müssten sich im kommenden Jahr mehr als 500 Stadtsanktgallerinnen und -sanktgaller für einen Umstieg auf Elektromobilität entscheiden.

Die Fördergelder sind gern gesehen

Die Messlatte von 1000 E-Fahrzeugen im Energiekonzept sei ehrgeizig formuliert, sagt Künzle.

«Doch Ziele sollen immer etwas höher gesteckt werden.»
Harry Künzle, Leiter der Dienststelle Umwelt und Energie der Stadt St.Gallen

Harry Künzle, Leiter der Dienststelle Umwelt und Energie der Stadt St.Gallen

Urs Jaudas

Um das Ziel zu erreichen, hat die Stadt aber auch finanzielle Anreize geschaffen. Private, die ein Elektromobil kaufen, erhalten bis zu 5000 Franken Förderung aus dem Energiefonds. Doch bei Fahrzeugen mit einem Neuwert von über 60'000 Franken verzichtet die Stadt auf eine Förderung. «Wir wollen keine Ferraris, BMW-Luxusmodelle und Teslas unterstützen, die zu gross sind für den Stadtverkehr.» Wer sich aber einen Tesla 3 – der in der Grundausstattung für 50'000 Franken zu haben ist – anschaffe, profitiere von Fördergeldern. «Der Zustupf wird häufig in Anspruch genommen», sagt Künzle. Er schätzt, dass bei der Neuanschaffung eines Autos in zwei von drei Fällen Fördergelder fliessen. Dies stimme ihn zuversichtlich und zeige, dass ein Umdenken stattfinde.

Das habe auch Auswirkungen auf die Fahrzeugflotte der Stadtverwaltung. «Musste man früher die Mehrkosten beim Anschaffen eines Elektrofahrzeugs begründen, ist es heute umgekehrt.» Von den neuen Fahrzeugen der Stadt hätten laut Künzle rund 80 Prozent einen Elektroantrieb. «Doch noch immer haben einige Berührungsängste.»

Wildwuchs bei den Ladestationen

Aus dem Energiefonds fördert die Stadt aber auch Stromladesäulen auf dem Stadtgebiet. Aktuell betreiben die Stadtwerke 48 Ladepunkte, sprich 48 Steckdosen an 19 Standorten. Hinzu kommen drei Schnellladestationen, die sich beim TCS-Gebäude im Westen der Stadt, bei der Empa und beim Hauptsitz der Helvetia Versicherung neben der HSG befinden. «Noch herrscht aber Wildwuchs bei den Anbietern», sagt Künzle. Das Abrechnungssystem für die Ladesäulen sei überall unterschiedlich.

«Für jeden Betreiber braucht es heute noch eine eigene Karte.»

Dies sei ein Problem und schrecke einige Umsteigewillige ab. Die aktuelle Situation sei vergleichbar mit dem Aufkommen von Benzinautos. Damals habe es auch noch kein voll ausgebautes Tankstellennetz gegeben.

«Das Benzin musste man erst mit einer grossen Glasflasche in der Apotheke holen.»

Und Künzle, fährt er vorbildlich ein Elektroauto? «Nein, ich fahre ein 15 Jahre altes Auto.» In der Stadt sei er aber ohnehin meist mit dem ÖV oder mit dem Velo unterwegs. In seinem Fünf-Personen-Haushalt sei aber seit jeher nur ein Fahrzeug in der Garage gestanden. Künzle sagt, er sei «voll begeistert» von der Zukunft mit Elektromobilität. Seine Frau sei kritischer. Doch das nächste Auto in seinem Haushalt werde ein Elektrofahrzeug sein, sagt Künzle.