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Interview

«Wir waren Könige»: Zwei pensionierte St.Galler Schulleiter über die Schule früher, heute und morgen

Sie haben ihr Leben lang unterrichtet und Lehrer geführt, nun sind sie pensioniert: Ein Gespräch mit den ehemaligen Schulleitern Bruno Broder und Hanspeter Krüsi über Schule einst, heute und morgen.
Diana Hagmann-Bula
Zwei Lehrer aus Leidenschaft: Bruno Broder (l.) und Hanspeter Krüsi standen beide über 40 Jahre lang im Dienst der Schule. Nun sind sie pensioniert. Bild: Michel Canonica

Zwei Lehrer aus Leidenschaft: Bruno Broder (l.) und Hanspeter Krüsi standen beide über 40 Jahre lang im Dienst der Schule. Nun sind sie pensioniert. Bild: Michel Canonica

Über 40 Jahre lang Lehrer und Schulleiter: Da muss man selber gerne zur Schule gegangen sein …

Hanspeter Krüsi: Bei mir spielten in der Pubertät die Hormone verrückt. Da gab es ein Jahr in der Schule, das war nicht so lustig. Aber sonst gefiel es mir gut.

Bruno Broder: Ich bin gerne zur Schule gegangen. Nur hätte ich damals schon lieber Theater gespielt als gerechnet.

Aber das war nicht möglich?

Broder: Das ist bis heute nicht möglich. Ich würde mir von der Stadt wünschen, nicht nur sportliche und musische Talente zu fördern, sondern auch Kinder mit einer Begabung für das Theater.

Krüsi: Ich hätte in meinem schwierigen Jahr lieber den ganzen Tag Fussball gespielt, als dem Lehrer zuzuhören. Später war ich auf dem Sprung in die erste Mannschaft des FC St.Gallen, habe dann aber den sicheren Weg gewählt.

Broder: Wir sind eben klassische Vertreter unserer Sicherheitsgeneration. Mir hat die Idee gefallen, Menschen auf ihrem Weg zu begleiten. Darum führe ich gerne Theaterregie.

Spielt man als Lehrer eine Rolle?

Broder: Als Lehrer bin ich nicht immer der gewesen, der ich privat bin. Es hat immer geheissen: Der Herr Broder ist ein bisschen böse. Das stimmt nicht. Ich bin vielleicht streng – auch mit mir selber. Meine Karriere hat mit einer Klasse mit 35 Buben begonnen. Da habe ich geglaubt, etwas lauter sein zu müssen, um mich ihnen, den Kollegen und Eltern gegenüber zu beweisen.

Krüsi: Wenn man dich gut kennt, spürt man, dass du eine weiche Seite hast. Wir hatten am Anfang den schrofferen Umgangston als heute. Das gehörte zu dieser Zeit. Der Lehrer war eine Autoritäts­person und die Kinder haben gehorcht.

Heute tun sie das nicht mehr?

Krüsi: Heute sind es andere Kinder. Heute ist auch eine andere Zeit.

Broder: Wir haben uns nicht gerne reinreden lassen.

Wir waren Könige. Heute sind Kinder und Eltern nicht mehr so obrigkeitsgläubig.

Krüsi: Wir haben aber auch keine Unterstützung bekommen. Heute stehen uns ein anderer Lehrer als Götti, eine Heilpädagogin, eine Logopädin, ein Schulsozialarbeiter, der schulpsychologische Dienst und weitere Berater zur Seite.

Welchen Seiten der Schule von einst trauern Sie nach?

Broder: Wir waren spontaner. Wenn wir in den Wald wollten, sind wir einfach losgezogen. Heute muss man sich für Exkursionen mit mehreren Lehrern absprechen, immer zu zweit sein und vorausplanen. Ausserdem gehen viele Kinder nicht mehr gerne in den Wald.

Wie muss sich die Schule in Zukunft entwickeln?

Krüsi: Man darf den Kindern den Stoff nicht mehr weiter an den Kopf werfen. Sie müssen viel Zeit zum Lernen und neue Formen angeboten bekommen. Die heute Vierjährigen stecken Ende dieses Jahrhunderts womöglich noch im Arbeitsleben. Wie sollen wir da wissen, was wir sie lehren sollen? In der Schule von morgen kann es nicht mehr um reine Wissensvermittlung gehen.

Sondern?

Broder:

Sondern darum, die Kinder dazu zu bringen, dass sie gern lernen.

Krüsi: Ziel der Schule muss es künftig sein, dass Kinder neugierig bleiben und erkennen, wo ihre Stärken liegen.

Wird das die Anforderungen an die Lehrer verändern?

Krüsi: Ja, zukünftige Lehrer müssen Kinder gern haben, sie so nehmen, wie sie sind und sie abholen, wo sie stehen. Sie müssen Beziehung leben und spüren, was Kinder zum Lernen brauchen.

Wie haben Sie die Schule geprägt?

Krüsi: Im Schulhaus Heimat-Buchwald haben rund 80 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund. Ich und mein Team haben altersdurchmischtes Arbeiten mit differenziertem Angebot eingeführt. Kinder lernen von Kindern.

Broder: Nicht nur die Leitung prägt die Schule, sondern auch ein Kollegium, das bereit für Neues ist. Meine Stärke ist es, Menschen zu motivieren, sich auf Veränderungen einzulassen.

85 Jahre für die Schule

Bruno Broder, 65, setzte sich 44 Jahre lang fürs Schulhaus Feldli ein, zuletzt während 26 Jahren als Schulleiter. Als Theaterbegeisterter und ehemaliger Leiter der Kellerbühne gründete er das Lehrercabaret. Den Ruhestand nutzt er dazu, seine Wohnung auf Menorca zu geniessen und sein Spanisch zu verbessern.

Hanspeter Krüsi, 64, begann seine Karriere vor 41 Jahren ebenfalls im Schulhaus Feldli, ehe er als Schulleiter nach Winkeln und nach Arbon wechselte. 1995 kehrte er in die Stadt zurück und arbeitete seither im Schulhaus Heimat-Buchwald. Er macht nun den Fussball zum Beruf und leitet die Akademie des FC St.Gallen.

Sie haben beide in einer Talschule gearbeitet. Wie unterscheidet sie sich von den Bergschulen?

Broder: Die Begriffe Berg- und Talschulen sind für Lehrer Unwörter.

Krüsi: Eltern, die meinen, die Schulen in St.Georgen oder Rotmonten seien besser, irren sich womöglich. Vielleicht bieten wir sogar den besseren Unterricht, weil unsere Schüler weniger heterogen sind und wir stärker auf sie eingehen müssen, um sie vorwärtszubringen. An den Schulen in Rotmonten und St.Georgen ist der Leistungsdruck viel höher. Es geht um Selektion. Bei uns steht die Förderung im Mittelpunkt.

Immer mehr Kinder sprechen am ersten Schultag kaum Deutsch. Braucht es Deutschkurse für Vorschulkinder, wie Politiker fordern?

Krüsi: Nein, es genügt, wenn fremdsprachige Eltern ihre Kinder in die Spielgruppe schicken. Dort machen sie rasch Fortschritte, auch sozial. Lehrer müssten sich über jedes neue Wort freuen, das die Kinder beherrschen, statt nur die Defizite zu sehen.

Broder: Wenn die Eltern Deutsch lernen, imitieren die Kinder das automatisch.

Fremdsprachige und deutschsprachige Kinder gleichmässig auf die Klassen verteilen und die Kinder dazu mit dem Schulbus in ein anderes Quartier fahren: Was halten Sie von diesem Modell?

Broder: Nicht viel, die Kinder sind in der Schule zwar zusammen, in der Freizeit wohnen sie aber weit weg voneinander. Da können keine Freundschaften entstehen.

Krüsi: Für die Integration der Schüler ist es besser, im Quartier zur Schule zu gehen, in dem sie leben. Hier bekommen sie die Unterstützung, die sie benötigen. Sinnvoll ist es, wenn alle Lehrer an den durchmischten Schulen die Ausbildung für Deutsch als Zweitsprache besitzen.

Als Männer sind Sie unterdessen in der Minderheit im Lehrerberuf. Wie bubenfreundlich ist die Schule noch?

Krüsi: Ich habe die ruhigen Mädchen als Lehrer geschätzt. Wenn der Schulvisitator vorbeischaute, konnte ich ihm ihre schönen Hefte präsentieren. Aber ich habe es auch genossen, mich mit den Buben auseinanderzusetzen, wenn sie in der fünften Klasse die ersten Pubertätsanzeichen hatten. Heute fehlt ihnen diese Reibung oft.

Es braucht wieder mehr Männer in der Schule.

Wie gelingt es denn, die Männer zurück ins Schulzimmer zu holen?

Krüsi: Mit einer Ausbildung, die weniger auf dem Methodisch-Didaktischen aufbaut und sich weniger um perfekt aufgebaute Lektionen dreht. Dafür sollte die Lern- und Verhaltenspsychologie stärker gewichtet sein.

Broder: Mit weniger studiertem Wissen und mehr Wissen aus dem Herz.

Und mit mehr Lohn.

Krüsi: Ja, natürlich. Aber auch mit der Überzeugung, dass es in fast keinem anderen Beruf zwölf Wochen gibt, die zwar keine reinen Ferien sind, aber doch eine Zeit, in der man sich die Arbeit einteilen kann. Das ist Freiheit!

Wie stehen Sie zur Digitalisierung?

Broder: Es ergibt Sinn, dass die Schule den Kindern den vernünftigen Umgang mit der Technik beibringt. Auch wenn viele ältere Lehrer weniger vertraut damit sind als die Schüler selber …

Krüsi: Wenn man die Geräte als Lehrer richtig nutzt, wird Zeit frei für die Beziehung zu den Kindern. In Zukunft werden Lernprogramme direkt Aufträge an die Schüler erteilen. Der Lehrer wird nicht mehr Arbeitsblätter kopieren müssen, die Lehrmittel verschwinden. Das Programm wird den Kindern Feedback geben. Die Aufgabe des Lehrers wird dann sein, dieses mit den Schülern zu besprechen. Und sie zu stärken.

Seit ein paar Wochen sind Sie pensioniert. Was vermissen Sie?

Broder: Ich habe am Morgen stets meine Bürotüre offen stehen lassen. So haben sich Gespräche mit den Kollegen ergeben, über die Schule und über anderes. Diese Begegnungen fehlen mir.

Krüsi: Ich habe den Fortschritt der Schule gerne erlebt. Diese Schritte nach vorne werden mir fehlen. Deshalb ist es mir umso wichtiger, selber neugierig wie ein Kind zu bleiben.

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