«Wir sind nicht mehr einfach die Bösen für die Jugendlichen»: Polizist aus Waldkirch wacht neu über Gossau

Christof Wirth leitet neu den Polizeiposten Gossau. Die Aufgaben dort haben sich zuletzt stark verändert.

Johannes Wey
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Christof Wirth auf dem Parkplatz des Gossauer Polizeipostens.

Christof Wirth auf dem Parkplatz des Gossauer Polizeipostens.

Bild: Michel Canonica (26. Februar 2020)

Manchmal macht sich der jahrelange Schichtbetrieb noch immer bemerkbar. Wenn der Körper nachts partout nicht schlafen will oder mittags müde wird. Christof Wirth hat 14 Jahre lang in der kantonalen Notrufzentrale gearbeitet, neun davon als Schichtführer. Auch das letzte halbe Jahr, in dem der 47-Jährige ein Praktikum absolviert hat, brachte den Schlafrhythmus noch nicht wieder in Ordnung.

Bis 2017 war Wirths Chef in der Notrufzentrale der heutige Waldkircher Gemeindepräsident Aurelio Zaccari, mit dem er auch heute zusammenarbeitet – als Mitglied im Gemeinderat und ab nächster Woche auch als Leiter des Gossauer Polizeipostens. Die Zusammenarbeit mit den Partnern, wie Wirth Gemeinden, Staatsanwaltschaft, Blaulichtorganisationen und viele andere nennt, nimmt auf dem Posten Gossau seit 2019 einen noch grösseren Stellenwert ein. «Kantonspolizei der Zukunft» nennt sich das Konzept, in Zuge dessen Aufgaben, die ein schnelles Handeln erfordern, der mobilen Polizei übertragen worden sind. Für Gossau und Umgebung ist der Stützpunkt Oberbüren zuständig.

Untersuchungshäftlinge im obersten Stock

Mit der Neuorganisation sind auch 400 Stellenprozente von Gossau nach Oberbüren verlagert worden, der Polizeiposten Abtwil wurde geschlossen. Wirth ist trotzdem ein Verfechter des neuen Modells:

«Es sind mehr Polizistinnen und Polizisten auf der Strasse.» Mit Smartphones
und Drohnen verfüge man zudem
über ganz neue Mittel.

Einsätze werden von Gossau aus zwar kaum mehr gefahren, trotzdem seien seine Leute oft unterwegs. «Community Policing» heisst das auf Neudeutsch, wenn die Beamten auf Tuchfühlung mit Bevölkerung und Gemeindebehörden gehen. Viel zu tun geben auch Anzeigen, die direkt auf dem Posten gemacht werden und Aufträge der Partner, etwa die Zustellung von Zahlungsbefehlen.

Auf dem Posten Gossau hat man mit der Staatsanwaltschaft mehr Berührungspunkte als anderswo. Schliesslich befindet sich im obersten Stock ein Untersuchungsgefängnis mit neun Plätzen und das Untersuchungsamt ist im Nachbarhaus. Sieben Tage die Woche kümmert sich ein Gefangenenwart, unterstützt durch eine weitere Polizistin oder einen Polizisten, um die Gefangenen. Die Haushälterin, die im Polizeigebäude wohnt, kocht für die Insassen. Auch Wirths Vorgänger Remo Breitenmoser arbeitet weiterhin mit Untersuchungshäftlingen, er leitet künftig das Gefängnis in St.Gallen.

Obwohl Wirth sich nur um seine 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmert und selber in der Regel keine Einsätze ausführt, sitzt er jeden Tag mit Uniform und Waffe am Schreibtisch. «Weil ich ein Vorbild sein will. Und damit ich im Notfall auch vor Ort einen gefährlichen Einsatz leiten kann», sagt er.

Laut Klagen über laute Jugendliche

Der Polizeiposten Gossau ist auch zuständig für die Dörfer Andwil, Arnegg, Abtwil, Engelburg und Waldkirch. Im Waldkircher Gemeinderat führt Christof Wirth das Ressort Sicherheit und Verkehr. «Die Gemeinde profitiert von dieser Doppelrolle», glaubt er. Als Delegierter im Sicherheitsverbund werde er aber hin und wieder in Ausstand treten müssen.

Gemeindepräsident Aurelio Zaccari thematisierte zuletzt im Mitteilungsblatt wiederholt Probleme mit alkoholisierten Jugendlichen, die lärmen und Abfall liegen lassen würden. «Die Kantonspolizei steht in engem Kontakt mit der Gemeinde», sagt Wirth dazu. Heute könnten eben schon kleine Boxen grosse Lärmbelästigungen zur Folge haben. Die Polizei habe aber einen guten Draht zu den Waldkircher Jugendlichen aufbauen können.

«Wir sind nicht mehr einfach die Bösen.»

Dass Nachtruhestörungen die Polizei beschäftigen, verwundert nicht. Sie spüre den Wandel zur 24-Stunden-Gesellschaft stark, sagt Wirth. «Früher arbeitete praktisch nur die Polizei nachts.» Abgesehen davon habe sich die Polizeiarbeit im Gegensatz zu seinem Berufseinstieg vor 22 Jahren nur wenig verändert. Ein Unterschied kommt Wirth aber noch in den Sinn: Auch wenn das Risiko, in eine Schlägerei zu geraten, nicht gestiegen sei, habe sich eines geändert: «Für eine Schlägerei braucht es nicht mehr zwei.» Dass man ohne eigenes Zutun Opfer von Gewalt werde, sei häufiger geworden.

POLIZEICHEF: Ein neuer Sheriff in der Stadt

Seit Anfang Mai ist Remo Breitenmoser der neue Polizeichef von Gossau. Er will eine Polizei, mit der die Bevölkerung gerne zusammenarbeitet. Sein Weg dahin führt über Austausch und Präsenz im öffentlichen Raum.
Nina Rudnicki