«Wir müssen wieder lernen, zu sammeln» – wieso Sie bei ersten Ostschweizer Recyclern für die Karton-Entsorgung bezahlen
Reportage

«Wir müssen wieder lernen, zu sammeln» – wieso Sie bei ersten Ostschweizer Recyclern für die Karton-Entsorgung bezahlen

(Bild: Michel Canonica)

Der Kartonpreis ist im Keller. Erste Recycler verlangen eine Gebühr für die Entsorgung – auch in der Ostschweiz. Ist das Abzocke?

Linda Müntener
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Es ist Freitagnachmittag, Rushhour, Auto um Auto kurvt auf den Platz vor der Firma Zingg an der Grenze von Mörschwil und Tübach. Kofferräume werden aufgeklappt, Kartonverpackungen in die Container geworfen, die Motore wieder gestartet. Schnell und praktisch. Aber: nicht mehr kostenlos. Seit kurzem verlangt das Recyclingunternehmen eine Gebühr für die Entsorgung von Karton. Und stösst damit bei vielen Kundinnen und Kunden auf Unverständnis. Das ist Abzocke, so der Vorwurf.

Bei der Sammelstelle der Firma Zingg in Tübach können auch Privatpersonen Karton entsorgen. Lange war das kostenlos.
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Wegen des Preiszerfalls verlangt das Unternehmen seit kurzem eine Pauschalgebühr. Bis 100 Kilo kostet die Entsorgung 5 Franken.
Grund: Die Altkarton-Anbieter zahlen wegen des Preiszerfalls drauf. Der Aufwand aber bleibt.
Sobald ein Container voll ist, fährt ihn ein Mitarbeitender in die Lagerhalle.
Dort wird der Karton ausgeladen und zwischengelagert.
In den Schachteln findet sich immer wieder Fremdmaterial wie Plastik oder Styropor.
Für die Firma steigen der Lagerbedarf und der Einsatz an Personal und Fahrzeugen.
Wie sich die Preissituation entwickelt, ist ungewiss. Eine solche Situation habe die Schweizer Recyclingbranche noch nie erlebt, sagen Experten.
Für die Firma Zingg ist die Situation mühsam, aber nicht existenzbedrohend – dank des breit abgestützten Angebots.

Bei der Sammelstelle der Firma Zingg in Tübach können auch Privatpersonen Karton entsorgen. Lange war das kostenlos.

(Bild: Michel Canonica)

Zingg ist kein Einzelfall. Weil der Kartonpreis zerfällt, zahlt man in der Ostschweiz beispielsweise auch bei Recyclern in Altstätten und Buchs drauf. Die Höhe variiert. Wer Karton bei Zingg entsorgt, muss derzeit bis 100 Kilogramm pauschal 5 Franken berappen. «Natürlich ist das viel für eine einzige Schachtel», sagt Stefan Müller, Mitglied der Geschäftsleitung. Doch Sinn und Zweck der Entsorgungsstelle seien nicht Kleinstsammlungen, sondern grössere Mengen. Ab 100 Kilo kostet die Tonne 50 Franken, gewogen wird das direkt auf einer befahrbaren Waage. Man wolle die Leute sensibilisieren, sagt Müller. Denn:

«Wenn Sie wegen einer einzigen Kartonschachtel mit dem Auto zu uns fahren, tun Sie damit der Umwelt nichts Gutes. »

Müller beobachtet das immer wieder. Der Klassiker: Verpackungen für Flachbildfernseher. «Das Gerät heben die Leute heraus, Plastik und Styropor-Schutzabdeckungen bleiben in der Schachtel und das alles wird so in den Container geschmissen.» Solches Fremdmaterial wird dem Unternehmen verrechnet. Das ist nicht das einzige Problem.

Stefan Müller, Mitglied der Geschäftsleitung der Zingg AG in Tübach.

Stefan Müller, Mitglied der Geschäftsleitung der Zingg AG in Tübach.

(Bild: Michel Canonica)

Sobald der Sammelcontainer voll ist, fährt ihn ein Mitarbeiter in die Lagerhalle zum Ausladen. Auf einem Kartonberg türmen sich die Verpackungen. Bobby-Car, Fenster-Hockdruckreiniger, Wein – die Schachteln sind unzerkleinert, sperrig. «Das ist wahnsinnig viel Volumen und braucht Platz», sagt Müller. Gerade in der Zeit nach Weihnachten bringen die Leute massenhaft Karton nach Tübach. Es dauert nicht lange, bis der Container draussen gefüllt ist. Die Mitarbeitenden müssen öfter hin und her fahren, der Lagerbedarf steigt. «Das alles kostet».

Der Preis sinkt, die Recycler zahlen drauf

Während der Aufwand steigt, stürzen die Preise für Altkarton ab. Das zeigen Zahlen der «abfallboerse schweiz.ch AG». Ein erster Preiszerfall begann zwischen 2017 und 2018:

Quelle: abfallboerse schweiz.ch AG

Im Januar 2019 erhielten Anbieter für gesammelten Altkarton noch 15 Franken pro Tonne. Im September mussten sie erstmals draufzahlen: 3,70 Franken pro Tonne. Im November waren es bereits 15 Franken, im Dezember rund 25 Franken. Eine solche negative Preisspirale habe die Schweizer Recyclingbranche noch nie erlebt, sagt der Präsident des Schweizer Recycling-Verbands.

Ursprung für den Preiszerfalls sind die Importreduzierungen von China. Noch im Jahr 2017 hatte China 29 Millionen Tonnen Altpapier und Altkarton importiert. 2019 ist es noch knapp ein Drittel. Die Folge: In Europa stapelt sich der Karton. Und mit Paket-Bestellungen aus dem Ausland kommt massenweise «fremder Karton» dazu. Rund 1,3 Millionen Tonnen Papier und Karton werden in der Schweiz jährlich gesammelt. Das sind 150 Kilogramm pro Kopf. Stefan Müller betont, dass nicht der Konsument alleine für diese Entwicklung verantwortlich sei. «Das ist nur ein Bruchteil. Den grösseren Teil macht die Industrie aus.»

Die wenigsten Kundinnen und Kunden zerkleinern den Karton, bevor sie ihn in Tübach abladen.

Die wenigsten Kundinnen und Kunden zerkleinern den Karton, bevor sie ihn in Tübach abladen.

(Bild: Michel Canonica)

Industrie und Gewerbe zahlen für die Entsorgung grosser Kartonmengen schon lange. «In guten Zeiten haben sie dafür auch Geld bekommen», sagt Reto Schnider, Geschäftsleiter der Schnider AG in Engelburg. Privatpersonen können bei der Sammelstelle in Engelburg ihren Altkarton trotz Preiskampf kostenlos abgeben. Ob sich das demnächst ändert, kann Reto Schnider derzeit nicht sagen. «Wir beobachten die Marktsituation laufend.» Preisschwankungen habe es immer gegeben, momentan wisse man in der Branche aber nicht, wo der Preis hingehe. Sollte die Schnider AG ebenfalls reagieren müssen, strebt Reto Schnider eine andere Lösung als eine Pauschalgebühr an. «Eine Möglichkeit wäre beispielsweise ein Kässeli für einen freiwilligen Beitrag. Dies prüfen wir zur Zeit.»

Die öffentliche Hand fängt Preisschwankungen auf

Wer seinen Karton gebündelt vor die Haustüre stellt, kann das weiterhin «kostenlos» tun. In der Stadt St.Gallen kann man Karton ausserhalb der Sammeltage zudem entweder im Entsorgungsfachmarkt in Winkeln oder im Entsorgungscenter OST der Max Müller AG abgeben.

Ersterer gehört zur Solenthaler Holding AG mit Sitz in Gossau, die einen Konzessionsvertrag mit der Stadt St.Gallen hat. Daher muss beim Entsorgungsfachmarkt in Winkeln niemand Geld für die Kartonentsorgung ins Kässeli werfen. «Abgerechnet wird – in guten und in schlechten Zeiten – über die Stadt», sagt Verwaltungsratspräsident Christoph Solenthaler. Und zwar über die Grundgebühr von 45 Franken, die jeder Haushalt jährlich zahlt. «Damit können wir die Logistikkosten tragen und Preisschwankungen auffangen», sagt Marco Sonderegger, Unternehmensleiter der Entsorgung St.Gallen. Wertstoffpreise seien wie Aktien, mal fallen, mal steigen sie. Das Recycling steht an erster Stelle, auch wenn die ganze Abfallthematik kostspielig ist. Sonderegger sagt:

«Die öffentliche Hand glättet die Preisschwankungen und spielt nicht mit der Marktsituation.»

Ein funktionierendes Recyclingsystem sei wesentlich, damit Ressourcen geschont werden. Dieses dürfe nicht durch äussere Markteinflüsse verhindert werden.

Rund 1,3 Millionen Tonnen Papier und Karton werden in der Schweiz jährlich gesammelt. Das sind 150 Kilogramm pro Kopf.

Rund 1,3 Millionen Tonnen Papier und Karton werden in der Schweiz jährlich gesammelt. Das sind 150 Kilogramm pro Kopf.

(Bild: Michel Canonica)

Die Situation ist nicht existenzbedrohend

Auch Stefan Müller macht darauf aufmerksam, dass Kunden ihren Karton nach wie vor von der Stadt abholen lassen können. Er wohnt in Stein AR, dort kommt die öffentliche Papierabfuhr drei Mal im Jahr vorbei. Das funktioniere. Man müsse eben wieder lernen, zu sammeln. Karton zerschneiden, bündeln, lagern. Und erst bei grossen Mengen zu einer Recyclingstation fahren.

Für die Zingg AG ist das Recycling von Kartonsammlungen nur ein kleiner Teil des Geschäfts und in erster Linie eine Dienstleistung für die Region. Die Firma wird von der öffentlichen Hand nicht subventioniert. «Wir sind direkt dem Markt ausgesetzt», sagt Müller. Die aktuelle Situation sei mühsam, «aber aufgrund unseres breit abgestützten Angebots nicht existenzbedrohend».

Dass sich die Schweizerinnen und Schweizer aufgrund der schwierigen Preissituation vom Recycling-Gedanken verabschieden und ihren Karton anderweitig loswerden, glaubt keiner der Befragten. «Wir sind hierzulande gut erzogen worden.»

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