«Wir müssen jetzt zusammenstehen»: Die Wirte in der Stadt St.Gallen sind im Schockzustand

575 Restaurants und Bars in der Stadt sind wegen der Corona-Krise geschlossen. Nicht alle werden wieder aufmachen können.

Daniel Wirth
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Ausgelassenheit sieht anders aus: Der Vorstand von Gastro Stadt St.Gallen im Krisenmodus im «Bierfalken».

Ausgelassenheit sieht anders aus: Der Vorstand von Gastro Stadt St.Gallen im Krisenmodus im «Bierfalken».

Bild: Urs Bucher

Die Stühle stehen auf den Tischen. Der «Bierfalken» an der Spisergasse ist nach dem Corona-Lockdown, den der Bundesrat verfügte, wie alle anderen 575 patentpflichtigen Restaurants und Bars in der Stadt geschlossen. Vorläufig bis und mit 19. April. Wo sich normalerweise Menschen um diese Zeit zum Feierabendbier oder zur After-Work-Party treffen, versammelt sich am frühen Dienstagabend der Vorstand von Gastro Stadt St.Gallen. Die Stimmung ist alles andere als ausgelassen.

«Wir stehen unter Schock», sagt Astrid Kuhn, Wirtin im «la verità» an der Gallusstrasse. Und Rico Zindel von der Säntis Gastronomie AG, die unter anderem die Restaurants der Olma-Messen führt, sagt:

«Wirtschaftlich ist die Corona-Krise für uns eine Katastrophe.»

Obschon die Beizer am Montagabend die Läden runterlassen mussten, sagt Stefan Schmidhauser, Wirt im «Fondue Beizli» an der Brühlgasse, der Lockdown sei besser als die 50-Personen-Regel, die von Freitag bis Montag galt.

Der Entscheid des Bundesrats, die Beizen landesweit zu schliessen, hält auch Martin Enz, Geschäftsführer von mmg Catering & Gastro Management, für richtig, wie er sagt. Dies, obschon ihn der Lockdown am Freitag komplett auf dem falschen Fuss erwischte.

Weil viele Wirte in der Stadt St.Gallen keinerlei finanzielle Reserven hätten, ist sich der Vorstand von Gastro Stadt St.Gallen einig: Bis zum 19. April werden etliche Lokale auf der Strecke bleiben und nicht wieder aufmachen – trotz tatkräftiger Unterstützung des Verbands, der eine Hotline eingerichtet hat und auf seiner Website (www.gastrostadtsg.ch) sämtlich Formulare und Schreiben bereitstellt, die es rasch auszufüllen und abzuschicken gilt für die Bewilligung für Kurzarbeit oder einen Mietzinserlass.

Längst nicht alle Beizer sind der deutschen Sprache mächtig

René Rechsteiner, Präsident Gastro Stadt St. Gallen

René Rechsteiner, Präsident Gastro Stadt St. Gallen

Bild: PD

«Bierfalken»-Wirt René Rechsteiner ist Präsident von Gastro Stadt St.Gallen. Er sagt, der städtische Wirteverband wolle alle Beizer unterstützen, auch solche, die nicht Mitglied sind im Verband. «Wir müssen jetzt zusammenstehen», sagt er. Die anderen Vorstandsmitglieder pflichten ihm unisono bei.

Längst nicht alle Wirte seien der deutschen Sprache mächtig, sagt Rechsteiner. Auch ihnen wolle der Verband helfen. So solidarisch die Wirte untereinander auch sind, sie bräuchten dringend Hilfe von anderer Seite, betont Rico Zindel. Vom Bund, vom Kanton, von den Banken, den Versicherungen und den Vermietern.

Zindel beispielsweise beschäftigt für Messen und Kongresse rund 380 Frauen und Männer, die für die Säntis Gastronomie AG auf Abruf im Stundenlohn arbeiten. Wie das Amt für Wirtschaft damit umgehe, sei unklar, sagt Zindel. Für die Festangestellten meldete er Kurzarbeit an, schon Ende Februar, als der Bundesrat Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern untersagt hatte.

Die finanziellen Einbussen, die er erleide, seien zwar schmerzlich, sagt er. Doch ihm gehe es vor allen Dingen um seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Für sie sei die Corona-Krise «heavy».

Stefan Schmidhauser kennt Familien aus Sri Lanka, bei denen beide Elternteile in der gleichen Restaurantküche in St.Gallen arbeiten. Sie hätten Kinder und finanzielle Verpflichtungen. Bei Kurzarbeit bekämen sie einen Lohn von 80 Prozent, was im ersten Moment zwar gut klinge, aber eine Einbusse von 40 Prozent des Familieneinkommens darstelle und einschneidend sei.

Vermieter, Banken und Polizei in ersten Reaktionen hilfsbereit

Martin Enz sagt, ihm habe sein Vermieter mitgeteilt, er könne mit den Mietzinsen vorläufig aussetzen. Rico Zindel bekam einen Anruf von seiner Hausbank, wonach er bei Liquiditätsengpässen unkompliziert Hilfe erhalte. «Wir spüren Solidarität», sagt Thomas Riedener, Leiter Restauration und Catering am Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum St.Gallen (GBSSG).

«Viele von uns sind darauf angewiesen», sagt Astrid Kuhn. Sie sagt, das Servicepersonal in Kurzarbeit habe nicht nur 20 Prozent weniger Lohn am Ende des Monats, sondern auch null Trinkgeld, welches das bescheidene Salär aufzubessern helfe.

Der Vorstand von Gastro Stadt St.Gallen hofft, dass die Versicherungen kulant seien, wenn es um die Deckung des Betriebsausfalls gehe und sie nicht darüber diskutierten, ob nun eine Epidemie oder eine Pandemie zum Corona-Lockdown und zur temporären Betriebsschliessung führte.

Die Stadtpolizei hat bereits Solidarität gezeigt gegenüber den arg gebeutelten Wirten. Nach einem Telefonanruf Rechsteiners sei unkompliziert signalisiert worden, den anstehenden Aussand der Rechnungen für Bewilligungen für Aussenrestaurationen aufzuschieben. «Das gibt Luft», sagt der Gastro-Präsident.

Sollte der Bundesrat den Corona-Lockdown in den Sommer hinein verlängern, sehen die Wirte im Gastro-Stadt-St.-Gallen-Vorstand tiefschwarz. Rico Zindel:

«Dann gibt es reihenweise Konkurse in der Branche.»