«Wir müssen den Borkenkäfer erwischen, bevor er ausfliegt»: Förster fällen in Mörschwil kranke Bäume

Im Mörschwiler Wald wurden kürzlich Bäume abgeholzt - obwohl die Vögel beim Brüten gestört werden. Schuld ist der Borkenkäfer. Für die Waldbesitzer ist der Schädling aber nicht das einzige Problem.

Melissa Müller
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Das hilft nur noch der Griff zur Motorsäge: Ein vom Borkenkäfer befallenes Waldstück.

Das hilft nur noch der Griff zur Motorsäge: Ein vom Borkenkäfer befallenes Waldstück.

Bild: Urs Flüeler

Eine Leserbriefschreiberin hörte kürzlich den Lärm von Kettensägen im Mörschwiler Wald. Rund 20 Bäume wurden gefällt. Auf dem Waldboden fand sie ein Vogelnest. Die Hundehalterin ärgerte sich: Spaziergänger dürfen die Wege nicht verlassen, weil Brut- und Setzzeit ist, Hunde müssen an die Leine. «Aber Bäume fällen geht?», fragte sie sich.

«Warum werden solche Arbeiten nicht nach der Brutzeit erledigt?»

Die häufigsten Waldvögel sind Buchfink, Kohlmeise, Amsel und Rotkehlchen. «Es ist für keine Vogelbrut gut, wenn jetzt geholzt wird», sagt Biologe Livio Rey von der Vogelwarte Sempach. Diese empfiehlt, auf Holzarbeiten im Wald zwischen April und August zu verzichten. Denn vor allem seltene Arten wie Auerhuhn, Grauspecht und Wespenbussard reagierten empfindlich auf Störungen. Sie geben ihre Bruten dann eher auf oder beginnen gar nicht erst damit.

Das Rotkehlchen gehört zu den Waldvogelarten, die häufig sind.

Das Rotkehlchen gehört zu den Waldvogelarten, die häufig sind.

Fredy Buchmann

Raphael Lüchinger, Regionalförster Waldregion 1, hätte gern auf den Holzschlag im Mörschwiler Wald verzichtet. «Wir planen solche Arbeiten normalerweise in der Wintersaison, in der Vegetationsruhe.» Grund für den Eingriff ist ein Tierchen, klein wie ein Streichholzkopf, aber tödlich für die Fichten in ganz Europa: Der Borkenkäfer.

Der Borkenkäfer: Im Kanton St.Gallen fielen ihm in einem einzigen Jahr 60'000 Bäume zum Opfer.

Der Borkenkäfer: Im Kanton St.Gallen fielen ihm in einem einzigen Jahr 60'000 Bäume zum Opfer.

Bruno Kissling

Er bohrt sich in die Rinde und vermehrt sich rasend schnell. 50 Eier legen die Weibchen ab, oft mehrmals im Jahr. In sechs Wochen sind die Nachkommen geschlechtsreif und flugfähig.

Die einzige Möglichkeit, sie zu vernichten, ist, dass man den Baum fällt. Danach werden sie so schnell als möglich zur Weiterverarbeitung zu einer Sägerei transportiert oder mit einer Entrindungsmaschine entrindet. Dabei werden die Tiere getötet.

Forstingenieur Raphael Lüchinger.

Forstingenieur Raphael Lüchinger.

Michel Canonica

Ein Wettlauf mit der Zeit

Die Forstwarte entdeckten im Wald bei Mörschwil kleine Bohrlöcher in den Fichten und Spuren von Bohrmehl – ein Zeichen für den Käferbefall. Die Männer hatten keine Zeit zu verlieren. «Wir müssen den Käfer erwischen, wenn er im Baum ist, noch bevor er ausfliegt», sagt Lüchinger.

«Sonst vermehrt er sich unkontrolliert und greift auch gesunde, vitale Bäume an.»

Borkenkäferschäden haben stark zugenommen. Von Oktober 2018 bis September 2019 mussten in der Waldregion 1, die sich von Rorschach bis Wil erstreckt, deswegen rund 9000 Bäume gefällt werden.

Anzahl gefangener Borkenkäfer 1994-2019

in Millionen
198419851986198719881989199019911992199319941995199619971998199920002001200220032004200520062007200820092010201120122013201420152016201720182019Jahr0123450,7767980,7767981,6572951,6572954,28784,2878

Der Käfer ist auf die Fichte spezialisiert. Er bohrt sich ins Kambium, jene Schicht zwischen Rinde und Holz, wo der Wasserfluss des Baums ist.

Der Kambiumring liegt direkt unter der Rinde. Durch ihn werden Wasser und Nährstoffe von den Wurzeln in die Blätter des Baums transportiert.

Der Kambiumring liegt direkt unter der Rinde. Durch ihn werden Wasser und Nährstoffe von den Wurzeln in die Blätter des Baums transportiert.

Manfred Ruckszio

«Dort unterbricht er den Saftstrom», sagt Lüchinger und erklärt, wie sich der Baum ernährt: Die Wurzeln nehmen Wasser und Mineralstoffe aus dem Boden auf. Die Nährstoffe werden über den Stamm in die Zweige und Blätter oder Nadeln geleitet. So entsteht ein stetiger Wasserstrom von den Wurzeln in die Blätter. Wenn der Käfer diesen Saftstrom anzapft, vertrocknen die Nadeln. Die Krone färbt sich rotbraun, der Baum stirbt ab.

Starke Stürme und trockene Sommer setzen den Fichten zu

Es sei typisch, dass die Käfer nach starken Stürmen wie Vivian, Lothar, Burglind oder Sabine verstärkt auftreten und über die geschwächten Bäume herfallen. Und solche Stürme kommen vermehrt vor. Lüchinger sagt:

«Umgestürzte Bäume sind ideales Brutmaterial für den Borkenkäfer.»

Auch trockene Sommer sind häufiger, wodurch die Käferpopulation wächst. Ist es trocken und heiss, werden die Bäume zusätzlich geschwächt. «Ein gefundenes Fressen für den Borkenkäfer», sagt Lüchinger. «Wir vom Forstdienst sind darauf angewiesen, dass uns die Waldeigentümer bei der Käferbekämpfung unterstützen, indem sie ihre Wälder jetzt im Sommer regelmässig kontrollieren und uns beobachtete Schäden möglichst rasch melden.»

Spuren in der Rinde: Sie stammen vom Borkenkäfer, auch Buchdrucker genannt.

Spuren in der Rinde: Sie stammen vom Borkenkäfer, auch Buchdrucker genannt.

Nana do Carmo

Schlechte Aussichten für Waldbesitzer

Für die Waldeigentümer eine schwierige Lage. Einerseits müssen sie das Käferholz beseitigen. Andererseits bleiben sie auf tonnenweise Nadelholz sitzen, das üblicherweise als Bauholz dient. Ein Minusgeschäft. «Die Waldbesitzer müssen draufzahlen, um das Holz wegzuräumen» sagt Lüchinger. Das bestätigt Urban Hettich, Leiter Forst und Liegenschaft bei der Ortsbürgergemeinde St.Gallen. Diese besitzt rund 1 200 Hektaren Waldfläche in zwölf Gemeinden. Hettich sagt:

«Käferholz kann man nicht kostendeckend ernten.»

Der Holzmarkt sei übersättigt, die Preise im Keller. Die Ortsbürgergemeinde habe das Glück, dass sie für ihr ganzes Holzlager Käufer hat. «Aber die Aussichten sind sehr schlecht», sagt Hettich. «Unsere Lieferkontingente sind bis Oktober ausgeschöpft. Wenn jetzt noch Käferholz kommt, haben wir ein Problem. Dann wissen wir nicht wohin damit.»

Die Förster sind froh über den Regen, der zurzeit fällt. So können die Bäume auftanken. Ausserdem mag der Borkenkäfer die Nässe nicht. «Viel Niederschlag hilft, dass die Käferschäden in der Waldregion 1 nicht noch grösser werden», sagt Lüchinger.