Interview

«Wir haben Dankesschreiben erhalten»: Der St.Galler Schuldirektor Markus Buschor äussert sich zur Kritik an seiner Direktion

Ungerechtfertigtes Vorgehen bei Kündigungen, verängstigte Lehrerinnen und Lehrer, der Lehrerverband als Gegner: Die Direktion Bildung und Freizeit steht in der Kritik. Schuldirektor Markus Buschor weist diese dezidiert zurück.

Daniel Wirth
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Schuldirektor Markus Buschor in seinem Büro. (Bild: Michel Canonica)

Schuldirektor Markus Buschor in seinem Büro. (Bild: Michel Canonica)

Die Direktion Bildung und Freizeit und die Dienststelle Schule und Musik durchleben gerade unruhige Zeiten. Von verschiedenen Seiten werden Stadtrat Markus Buschor und Dienststellenleiterin Marlis Angehrn kritisiert. Lehrer trauten sich nicht, ihre Meinung zu sagen. Der kantonale Lehrerverband will die Ursache dafür kennen: Es herrsche ein Klima der Angst. Zuletzt haben drei ehemalige Lehrer zum zweiten Mal die gleiche Aufsichtsbeschwerde gegen die Dienststelle Schule und Musik eingereicht. Grund: Die Stadt hatte gemäss dem kantonalen Verwaltungsgericht zu Unrecht zwei Lehrer fristlos entlassen.

Markus Buschor, woher rührt die Kritik des Verbandes, in der Stadt St.Gallen hätten die Lehrer Angst und kuschten vor der Verwaltung?

Markus Buschor: Wir werden von einer Minderheit kritisiert und das ist alles andere als neu. Schon vor zehn Jahren übte der Verband Kritik, wie Protokolle früherer Hauptversammlungen es belegen. Damals gab es weder den Schuldirektor Markus Buschor noch die Dienststellenleiterin Marlis Angehrn. Ich habe das Ganze auch schon als Kesseltreiben gegen die Dienststelle Schule und Musik und gegen die Direktion Bildung und Freizeit bezeichnet.

Das klingt abenteuerlich, demnach ist die Kritik des Lehrerverbandes an den Haaren herbeigezogen?

Kritik gilt es immer ernst zu nehmen. Das Bild des angeblichen Klimas der Angst wird von einigen seit Jahren bewirtschaftet. Mir ist die Motivation dafür nicht bekannt. Der Lehrerverband versucht damit wohl seiner Rolle als Gewerkschaft gerecht zu werden. Teile des Verbandes lassen auch eine Wunschvorstellung erkennen, wie die Vorgesetzten Lehrerinnen und Lehrer führen sollten.

Wie sieht diese Wunschvorstellung aus?

Vermutlich Vorgesetzte, die nicht führen. Das Gros der Lehrerinnen und Lehrer sieht jedoch die Vorzüge pädagogisch geleiteter Schulen und bring sich engagiert mit kritischer Stimme ein.

Es gibt auch Stadtparlamentarier und Kommissionsmitglieder, die behaupten, die Stimmung zwischen den Lehrern und der Verwaltung sei «hochtoxisch».

Die Ergebnisse, eine Mitarbeitendenbefragung, die wir unlängst durchführten, sprechen deutlich eine andere Sprache. Sie zeigen: Die Lehrerinnen und Lehrer in der Stadt St.Gallen haben eine hohe Arbeitszufriedenheit. Kritisiert wurde die fehlende Nähe der Dienststellenleitung zum Lehrkörper.

Wird diese Kritik ernst genommen?

Ja, die Dienststellenleitung versucht mit viel Einsatz in einem Betrieb mit ungefähr 900 Lehrpersonen mehr Nähe zu schaffen.

Wie?

Mit dem pädagogischen Dialog. Das sind Arbeitsbesuche in den 20 Schulhäusern, die einmal im Jahr durchgeführt werden, und mit Workshops zur Schulentwicklung, die vier Mal im Jahr stattfinden. Wir stehen auch im ständigen Austausch sowohl mit unseren Lehrerinnen und Lehrern, als auch mit dem kleinen Vorstand des städtischen Lehrerverbandes.

Es gibt Lehrer, die trauen sich nicht, in diesem Kreis ihre Meinung kundzutun. Sie befürchten Repressionen.

Ich möchte alle einladen, ihre Meinung kundzutun. Mir ist kein Fall bekannt, wonach eine blosse Meinungskundgabe zu einer Repression geführt hätte. Auch wurde mir noch nie ein konkretes Beispiel genannt von einer Lehrperson, die Angst gehabt haben soll vor der Verwaltung der Schule. Und was mich befremdet an diesen nicht enden wollenden Vorhaltungen: Im Schulhaus Buchental herrschte vor einigen Jahren noch ein Klima der Angst, ausgelöst von Lehrpersonen. Das war mit ein Grund für eine der ausgesprochenen Kündigungen.

Es heisst, die Dienststelle Schule und Musik mahne ihre Lehrer bei einem Fehlverhalten sehr schnell ab.

Die Stadt St.Gallen beschäftigt rund 900 Lehrerinnen und Lehrer. Es kommt in einem Jahr im Durchschnitt zu weniger als fünf Fällen, bei denen eine Schulleitung an die Dienststelle gelangt, um das Fehlverhalten einer Lehrperson zu besprechen. Zu einer tatsächlichen Verwarnung kommt es längst nicht in jedem dieser ohnehin schon seltenen Fälle.

Im «Fall Buchental» kam es zu einer fristlosen Kündigung ohne vorherige Verwarnung. Dafür wurden Sie vom Verwaltungsgericht gerügt. Gibt es auch Lehrer, die Verständnis haben, dass die Stadt zwei ihrer Kollegen fristlos entliess? Öffentlich wurde jedenfalls nur laute Kritik.

Wir haben Dutzende von Dankesschreiben erhalten, von Lehrpersonen und Schulleitern. Sie dankten uns dafür, dass wir genau hinschauen und für unsere Entscheide danach auch hinstehen.

Beim Lehrerverband steht die Stadt St.Gallen im Ruf, unzimperlich mit Lehrern umzugehen. Die Folge davon: Der Lehrermangel sei in der Stadt ausgeprägter als andernorts.

Die Statistik zeigt ein etwas anderes Bild. Die Stadt St. Gallen ist unter den grösseren Schulgemeinden im Kanton diejenige mit der geringsten Fluktuation. Im vergangenen Jahr gaben gerade einmal zwei Lehrkräfte an, sie gingen wegen der Arbeitgeberin. Der Lehrermangel ist in der Stadt erst in Ansätzen spürbar. Der Lehrermangel ist gemäss Angaben des Schweizerischen Lehrerverbandes eine Herausforderung in der ganzen Schweiz.

Gibt es Lehrer, die sich als kleine Könige im Schulzimmer verstehen?

Die gibt es. Ich würde aber nicht von Königen sprechen, sondern von Einzelkämpferinnen und -kämpfern. Es sind wenige, die an sich selbst den Anspruch stellen, die grossen Herausforderungen nach wie vor alleine und nicht im geleiteten Team anzugehen. Dabei hat dieser Wandel nicht erst gestern eingesetzt.

Wie hat sich die Kultur in den Schulen der Stadt St.Gallen gewandelt?

Ich erinnere mich noch gut an Zeiten, da konnte folgendes geschehen: Wenn ein Kind daheim erzählte, die Lehrperson habe ihm eins an die Ohren gegeben, gab es zu Hause nochmals eins drauf. Diese Zeiten sind vorbei. Zum Glück sind sie vorbei. Heute sind Respekt und Wertschätzung Teil der Schulkultur. Wertschätzung gegenüber Schülerinnen und Schülern, den Eltern, den Kolleginnen und Kollegen sowie den Vorgesetzten.

Mangelnde Wertschätzung, das reklamiert auch der Lehrerverband. Und die Lehrer meinen damit ganz konkret Marlis Angehrn, die seit rund fünf Jahren die Leiterin der Dienststelle Schule und Musik ist.

Für einen Betrieb mit rund 1000 Mitarbeitenden ist es für die oberste Leitung nicht einfach, die Wertschätzung über mehrere Führungsstufen hinweg wirkungsvoll zu vermitteln. In den wenigen Fällen von Fehlverhalten braucht es aber auch eine klare Linie.

Über ihre wichtigste Mitarbeiterin lassen Sie offenbar nichts kommen.

Marlis Angehrn ist eine erfahrene, kompetente und korrekte Dienststellenleiterin. Sie verfolgt die Weiterentwicklung der Schulen unter Einbezug der Basis konsequent und aufmerksam. Aufgrund ihrer bisherigen Arbeit würde ich sie als Geschenk für die Schulen der Stadt bezeichnen. Ich habe Marlis Angehrn angestellt, weil sie Führungsverantwortung wahrnimmt und hinschaut, obwohl Hinschauen ein anspruchsvoller Weg ist.

Zur Person

(dwi) Markus Buschor ist in Goldach aufgewachsen. Er wurde bei den Gesamterneuerungswahlen im Herbst 2012 als Aussenseiter in den St.Galler Stadtrat gewählt. Seit sechseinhalb Jahren steht der parteilose Exekutivpolitiker der Direktion Bildung und Freizeit vor. Davor hatte der heute 57-Jährige ein eigenes Architekturbüro in der Stadt geführt. Ob er im nächsten Jahr als Stadtpräsident kandidiert, ist offen. Er hat sich noch nicht dazu geäussert. Ambitionen werden ihm von Politbeobachtern nachgesagt. Markus Buschor ist verheiratet und Vater von drei Töchtern.

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