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«Winter-Olma»: Zu viele Glühweinstände schaden dem Weihnachtsmarkt

Weihnachtszeit ist Glühwein-Zeit. Allzu viel von dem alkoholischen Heissgetränk trägt aber weder zur besinnlichen Stimmung bei noch tut es dem lokalen Gastgewerbe gut. Auf dem St.Galler Weihnachtsmarkt ist deshalb die Zahl der Glühwein-Stände reglementiert.
Roger Berhalter
Beliebter Treffpunkt nach Feierabend: Einer von vier Glühwein-Ständen am St.Galler Weihnachtsmarkt. (Bild: Ralph Ribi)

Beliebter Treffpunkt nach Feierabend: Einer von vier Glühwein-Ständen am St.Galler Weihnachtsmarkt. (Bild: Ralph Ribi)

Es dampft aus zwei grossen Kupferkesseln. Von einem Holzfässchen an der Decke tropft Rum auf grosse Zuckerstücke. Es zischt, der Schnaps fängt Feuer und tröpfelt samt Karamellaroma in den Glühwein-Kessel hinunter. Fertig ist die flambierte «Feuerzangenbowle», wie die Spezialität des grössten Glühweinstands am St.Galler Weihnachtsmarkt heisst. Glühwein mit Schuss, dafür ohne aufdringliche Gewürze. Hinter den Kesseln stehen zwei Mitarbeiterinnen mit Samichlausmütze und Kellen bereit.

Brigitte Maier reicht Tassen über den Tresen. Seit 2006 führt sie zusammen mit ihrem Mann das «Maiersäss» beim Vadiandenkmal. Damit gehören sie sozusagen zum Inventar des Weihnachtsmarkts, der seit 13 Jahren nicht mehr nur im Erdgeschoss des Waaghauses stattfindet, sondern sich auf die Altstadtgassen ausgedehnt hat. Vor drei Jahren haben die Maiers ihr «Maiersäss» rundumerneuert, um den Betrieb hinter den Kulissen zu vereinfachen. Die Kunden dürften davon wenig bemerkt haben, denn der Alphütten-Stil ist geblieben: «Es muss ein Holzhüttli sein», sagt Brigitte Maier.

Nur an 4 von 53 Ständen erhältlich

Das «Maiersäss» ist einer von 53 Ständen am St.Galler Weihnachtsmarkt und einer von vier, an denen Glühwein erhältlich ist. Als erster stellte René Lips vor mehr als einem Vierteljahrhundert einen Glühweinstand auf, und am Bohl tut er dies bis heute. Das «Chlausbeizli» in der Neugasse gibt es seit 13 Jahren. Dort ist Glühwein in vier Varianten erhältlich: pur, mit Amaretto («Nussknacker»), mit Maraschino («Lady’s Dream») oder mit einer «Überraschung» (derzeit Röteli). Auch in der Hütte des Restaurants National auf dem Bärenplatz ist das Heissgetränk zu haben.

4 von 53 Ständen: Mehr dürfen es nicht sein, denn eine Auflage der städtischen Gewerbepolizei schreibt für den Weihnachtsmarkt einen Maximalanteil an Glühwein-Ständen vor. Zum einen soll dies verhindern, dass der Markt in der besinnlichen Jahreszeit zur alkoholgetränkten «Winter-Olma» verkommt. Der Mix aus Verpflegungs- und Warenständen muss stimmen. Zum anderen sollen die umliegenden Restaurants nicht allzu viel Konkurrenz erhalten.

«Zu viele Glühweinstände wären für den Markt nicht förderlich», sagt auch Marktchef Bernhard Steffen. Als Betreiber des «Chlausbeizli» in der Neugasse zählt er selber zu den vier Glühwein-Ausschenkern. «Glühwein gehört zum Weihnachtsmarkt», sagt Steffen. Diese Stände seien in den vergangenen Jahren zum Treffpunkt geworden, vor allem nach Feierabend. Viele Gäste würden auch vor einem Weihnachtsessen bei ihm vorbeischauen und sich sozusagen mit einem Vorglühwein für den Firmenabend aufwärmen. Das Geschäft mit dem Glühwein läuft, und noch mehr Anbieter würden gerne davon profitieren. Steffen hat etwa 20 interessierte Standbetreiber auf der Warteliste. «Darunter sind mehrere Glühwein-Anbieter.»

(Bild: Ralph Ribi)

(Bild: Ralph Ribi)

Höhere Standgebühren sind fällig

Mit Glühwein lässt sich leichter Kasse machen als mit Teelichtern, Kerzen aus Bienenwachs, Trockenfrüchten oder Gewürzen. «Sicher macht man mit Glühwein mehr Geschäft. Damit müssen wir leben», sagt eine Verkäuferin am St.Galler Weihnachtsmarkt gegenüber der «Ostschweiz am Sonntag». Handkehrum müssen die Glühwein-Ausschenker auch hohe Standgebühren zahlen, ein Mehrfaches im Vergleich zu den Warenständen. «Das ist gerechtfertigt», sagt Marktchef Steffen. Das sei gängige Praxis und nicht nur in St.Gallen so.

Steffen schätzt, dass er mit seinem «Chlausbeizli» wieder etwa gleich viel Umsatz wie in den vergangenen Jahren machen wird. Wobei ihm die hohen Temperaturen der kommenden Tage etwas zu denken geben. «Die Leute trinken dann weniger Glühwein, sondern lieber Bier.»

Willkommen auf der Alp Gallen!

Die Naz-Hütte auf dem Bärenplatz ist jeweils im Advent ein temporärer hölzerner Trabant des traditionsreichen Restaurants Zum goldenen Leuen. Sie gehört genau so wie das «Maiersäss» beim Vadiandenkmal zum St.Galler Weihnachtsmarkt, der sich vom Bohl bis zur Marktgasse erstreckt. Naz-Hütte und Maiersäss sind aber längst nicht die einzigen, die im Stadthochtal auf heile Bergwelt machen: Willkommen auf der Alp Gallen!

Schon seit einigen Jahren lockt der Club Alpenchique (vormals Casablanca) am Unteren Graben zum Abtanzen, und an der Katharinengasse lädt das Restaurant Chalet seit gut einem Jahr mit seiner Berghütten-Atmosphäre zu Fondue und Cordon-Bleu-Spezialitäten. Zum zweiten Mal hat in diesem Jahr das Restaurant «In & Out» an der Neugasse in seinem Garten hin zum Oberen Graben ein Châlet aufgebaut: die Fondue-Alp. «Wir wollen den Garten auch im Winter nutzen», sagt Geschäftsführerin Carmen Schirmer. Das Geschäft mit geschmolzenem Käse und Weisswein laufe gut. Schirmers Holzhaus mitten im Asphaltdschungel wurde vom Lifestyle-Magazin «Falstaff» zu einer der gemütlichsten Fondue-Hütten in der ganzen Schweiz gekürt. Die «Falstaff»-Bewertung zeigt: Der Holzhütten-Trend ist kein St.Galler Phänomen – auch in Zürich, Basel, Bern und Winterthur sind Holzbuden gegenwärtig en vogue.

Dennoch: In diesem Advent ist der Châlet-Bezirk in der Gallusstadt augenfällig gewachsen: Nur einen Steinwurf von der Fondue-Alp entfernt hat die Süd-Bar in ihrem Garten am Oberen Graben ein Holzhaus zusammengezimmert. Glühwein und Raclette werden feilgeboten. In der Gartenwirtschaft des Restaurants Kolosseum an der Bahnhofstrasse serviert Wirt Ernesto Nicastro seinen Gästen in einem schmucken Châlet mit 30 Plätzen Ossobuco (Kalbshaxen) und Brasato (Schmorbraten). «Ich werde das nächstes Jahr wieder machen», sagt Nicastro, der ein temporäres Châlet bauen liess, weil er am Freitag und Samstag im Advent keine Leute mehr abweisen möchte. «Wir Wirte müssen uns etwas einfallen lassen», sagt der Kolosseum-Chef. Der Konkurrenzdruck werde je länger, je grösser in der Stadt.

Enrico Himmelberger, Inhaber des Restaurants «In & Out» und weiterer gastronomischer Betriebe in der Stadt, ist mit der Fondue-Alp am Oberen Graben quasi der lokale Holzhütten-Pionier abseits des Weihnachtsmarktes. Dass andere Wirte ebenfalls auf das Châlet-Business setzen, stört ihn nicht, wie er sagt. Die grösste Konkurrenz sei auf der Kreuzbleiche, reklamiert Himmelberger. Wer ihm zuhört, merkt: Die heile Welt oder der Bergfrieden ist an einem anderen Ort, nur nicht hier. Dass Radio FM1, das wie das «Tagblatt» zu «CH Media» gehört, in einem Alp-Chalet mit 220 Plätzen zwei Monate lang Fondue rührt, lupft bei Himmelberger den Rechauddeckel: «Der Anlass zieht Leute aus der Altstadt ab.» Der Wettbewerb werde verzerrt, weil für den «Eiszauber» vom Sender selbst und vom «Tagblatt» grosszügig Werbung gemacht werde. (dwi)

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