Kampf gegen vernachlässigte Kinder

Im Gespräch mit Kulturagent Urs Heinz Aerni berichtete Michelle Halbheer, Autorin des Bestsellers «Platzspitzbaby», über ihr Leben und ihre Absicht, Kinder vor dem Drogenmilieu zu schützen.

Kathrin Meier-Gross
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Aufmerksame Zuhörerin: Michelle Halbheer im Gespräch mit einem Gast. (Bild: Kathrin Meier-Gross)

Aufmerksame Zuhörerin: Michelle Halbheer im Gespräch mit einem Gast. (Bild: Kathrin Meier-Gross)

UZWIL. Das Bibliotheksteam unter Leitung von Jolanda Erismann hat ein Gespür für packende und aktuelle Themen. Ende 2013 ist das Buch «Platzspitzbaby» herausgekommen. Am Mittwoch erzählte die Autorin von ihrem Leben als Tochter einer drogensüchtigen Frau.

Kinderelend übersehen

Warum sie sich 2008 für die Sendung «Music Star» angemeldet habe, wollte Aerni als erstes wissen. Michelle Halbheer, die damals von 2300 Bewerbern den zehnten Platz erreicht hatte, erklärte, dass Musik ihr viel bedeute. Damals habe der Rapper Sido zu ihr gesagt: «Hör auf zu jammern und beweg dich.» Dieser Spruch habe sie motiviert, mit der Journalistin Franziska Müller ihr Leben in einem Buch zusammenzufassen. Nein, es sei keine Abrechnung, vielmehr ein Verarbeiten ihrer Vergangenheit. Ausschlaggebend seien Medienberichte über Kinderschicksale im Drogenmilieu gewesen. Sie erachte es als ihre Aufgabe, über die Drogenproblematik zu informieren. Michelle Halbheer, 1985 geboren, hatte schon als Kleinkind ihre Mutter auf den Platzspitz zu begleiten. Als sie zehn war, liessen sich die Eltern scheiden, sie wurde der Mutter zugesprochen. Behörden, Ärzte, Polizei und involvierte Erwachsene blieben angesichts der offensichtlichen Verwahrlosung untätig. Der Vater wurde nicht angehört. Als Teenager lebte sie drei Jahre in einer Pflegefamilie, danach nahm sie ihr Leben selber in die Hand. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Dentalassistentin – und ist suchtfrei geblieben.

Über Drogen sprechen

Allmählich stelle sich ein befreiendes Gefühl ein, allerdings traue sie dem noch nicht ganz, gestand Michelle Halbheer. Als Kind habe sie sich für die Mutter verantwortlich gefühlt. Jetzt wisse sie, dass sie keine Schuldgefühle haben müsse. Ihre Mutter habe anfänglich positiv auf das Buch reagiert, jetzt habe sie den Kontakt zur Tochter abgebrochen. Dafür sei die Beziehung zum Vater stark. Während ihrer Kindheit habe es viele stille Mitwisser gegeben. Das System sei überfordert und vielleicht wegen der Ereignisse um die Kinder der Landstrasse gelähmt gewesen. Die Autorin erzählte von Müttern, die ihre Kinder nicht mit ihr spielen liessen. Vom Arzt, welcher der Mutter diskussionslos Medikamente abgegeben, aber nicht auf ihr Untergewicht reagiert habe. Als Insel bezeichnete sie die Schule mit einem verständnisvollen Lehrer. Den anwesenden Schülern legte sie nahe, nicht zu mobben oder auszugrenzen, sondern Mitgefühl zu zeigen und Erwachsene auf Problemkinder anzusprechen. «Seid Freund oder Freundin und stellt Fragen.» In der Schweiz gebe es 4000 Kinder mit drogenabhängigen Eltern. Die Gesellschaft erkenne erst nach und nach die Problematik und müsse vermehrt das Kindswohl ins Zentrum rücken. Mit Kindern solle schon früh über Drogen gesprochen und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden.