Der letzte Abend im Nachtcafé

Über 50 treue Besucherinnen und Besucher sowie viele Künstlerinnen und Künstler kamen, um der Flawiler Kulturinstitution die letzte Ehre zu erweisen. Nach 20jährigem Bestehen und rund 100 Veranstaltungen fiel der Abschied nicht leicht.

Christoph Oklé
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Helga S. Giger verabschiedet sich vom Nachtcafé-Team mit Susanne Brefin, Werner Angst und Christof Hotz. (Bild: Christoph Oklé)

Helga S. Giger verabschiedet sich vom Nachtcafé-Team mit Susanne Brefin, Werner Angst und Christof Hotz. (Bild: Christoph Oklé)

FLAWIL. Vor genau 20 Jahren hatten die beiden Geschäftsfrauen Helga S. Giger und Barbara Saladin die Idee, Kultur nach Flawil zu holen. Nach rund 100 Veranstaltungen fiel am Mittwochabend der letzte Vorhang. Über 50 treue Besucherinnen und Besucher waren im Kulturkeller des Restaurants Park erschienen, um ihrem Nachtcafé die letzte Ehre zu erweisen. Zur Abschiedsfeier eingeladen waren auch Künstlerinnen und Künstler, die im Verlauf der vergangenen zwei Jahrzehnte im Nachtcafé aufgetreten waren. Mit Ausnahme von Slam-Poet Richi Küttel, der krankheitshalber verhindert war, waren alle dem Ruf des Flawiler Kulturquartetts gefolgt.

Höhepunkte und Tiefschläge

Barbara Saladin, eine der beiden Nachtcafé-Mütter, berichtete über die Kinderjahre der Flawiler Kulturinstitution, die ihre Anfänge im Café Giger im Habis-Areal hatte. Ursprünglich durch Veranstaltungen mit Politikerinnen und Unternehmerinnen und etwa der Appenzeller Hebamme Ottilie Grubenmann auf Frauen ausgerichtet, wurde das Angebot stetig ausgeweitet bis hin zur Flawiler Poetry Night. Triebfeder war Pablo Picassos Aussage «Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele». In ihrem Rückblick erinnerte Barbara Saladin an die zahlreichen Höhepunkte, verschwieg dabei auch gelegentliche Tiefpunkte nicht. So kam es vor, dass das Publikumsinteresse bei einigen Veranstaltungen sehr bescheiden war. Doch die Betreiberinnen und Betreiber des Nachtcafés liessen sich von Misserfolgen nicht entmutigen.

Cornelia Buder, Stephanie Angst, Richi Widmer, Andrea Martina Graf, Brigitte Meyer, Stephan Herzer, Christoph Ackermann, Ursula Höhn und die Autorengruppe Ohrenhöhe mit René Oberholzer, Eva Philipp und Helen Knöpfel: In Form einer mit «Munzlis» gefüllten Urne erhielten die Künstlerinnen und Künstler ihre Abendgage. Verdankt wurde auch die Bereitschaft von Hanife und Qashif Ismaili vom Restaurant Park, die dem Nachtcafé nach seinem Auszug aus dem Zentrum Feld in ihrem Kulturkeller Gastrecht geboten hatten.

Jetzt heisst es loslassen

Den Schlusspunkt der Abdankung setzte Helga S. Giger mit dem Chanson über ihren immer wieder zurückkehrenden Reisealbtraum. Nun beherzigt sie das Rezept der Psychologin Katrin Wiederkehr, die vor Jahren einen Auftritt mit Publikumsrekord im Nachtcafé hatte: «Wer loslässt, hat die Hände frei», heisst der Titel ihres Buchs für Frauen, die noch viel vorhaben. Sie reist nun mit einem schweren Koffer weniger in die Zukunft.

Mit dem Abbrennen von Wunderkerzen dankte das Publikum Helga S. Giger für ihr 20jähriges Engagement.