Immer mehr Konfessionslose

REGION WIL. Der Anteil Kirchenmitglieder sinkt, die Zahl der Konfessionslosen steigt. Für den Rückgang sind nicht nur Kirchenaustritte verantwortlich, sondern auch die demographische Entwicklung und die Säkularisierung.

Christoph Hunziker
Drucken
Vom Dunkel ins Licht: Es findet ein tiefgreifender Wandel statt. (Bild: Christoph Hunziker)

Vom Dunkel ins Licht: Es findet ein tiefgreifender Wandel statt. (Bild: Christoph Hunziker)

An Ostern waren die Gotteshäuser da und dort wieder einmal voll. Am Tag der Auferstehung Christi gönnen sich die Kirchgemeinden gerne eine Orchestermesse mit Chor, Orgel, Bläsern, Streichern und Gesangssolisten. An gewöhnlichen Sonntagen sieht das anders aus. Die Bänke sind dann meistens lückenhaft besetzt oder stehen ganz leer. Den beiden Hauptkirchen sind die treuen Kirchengänger abhanden gekommen.

Multireligiöser Wandel

Während die Mitgliederzahl der beiden christlichen Grosskirchen sinkt, sind esoterisch-spirituelle Angebote am Boomen. Noch 1970 zählten im Wahlkreis Wil rund 97 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung (Wil: 98 Prozent, Uzwil: 95 Prozent, Oberuzwil: 98 Prozent, Flawil: 95 Prozent) zur römisch- katholischen oder evangelisch-reformierten Kirche, 42 Jahre später waren es noch 70 Prozent (Wil: 66 Prozent, Uzwil: 64 Prozent, Oberuzwil: 73 Prozent, Flawil: 67 Prozent). Nicht nur urbane Zentren wie Zürich, Genf oder Basel-Stadt haben sich in den letzten Jahrzehnten von einem traditionell bikonfessionellen System zu einem multireligiösen gewandelt, sondern auch die Region Wil. Die prozentuale Abnahme an Kirchenmitgliedern hat sich gemäss Bundesamt für Statistik seit 1970 fortgesetzt und verstärkt. Der Wunsch nach Religiosität ist dennoch nicht zu unterschätzen. Beleg dafür sind die wachsenden Freikirchen und die boomenden spirituell-esoterischen Angebote. Andere sagen, sie würden lieber die Gemeinschaft beim Sport erleben als im Gotteshaus.

Von Geburt an konfessionslos

Der Wandlungsprozess der christlichen Konfessionszugehörigkeit habe vor allem mit der religiösen Pluralisierung und dem Trend zur Konfessionslosigkeit sowie mit der Zuwanderung von Personen anderer religiöser Bekenntnisse zu tun, schreibt das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut (SPI) in seiner neusten Medienmitteilung. Es gebe aber auch immer mehr Personen, die bereits von Geburt an keiner Religionsgemeinschaft angehören. Im Jahr 1970 wohnten lediglich 247 Menschen ohne Konfessionszugehörigkeit im Wahlkreis Wil. 30 Jahre später waren es bereits 4050. Während die Bevölkerungszahl von 1970 bis 2000 um 30 Prozent anstieg, wuchs die Zahl der Konfessionslosen um den Faktor 16. Die Konfessionslosigkeit ist dabei nur zum Teil auf die Kirchenaustritte zurückzuführen. Stark ins Gewicht fallen die demographischen Veränderungen. Ein massiver Mitgliederschwund hat in der katholischen Kirche in den vergangenen zehn Jahren aber nicht stattgefunden. Dies sei in erster Linie auf die starke Zuwanderung zurückzuführen, von der die katholische Kirche im Gegensatz zur evangelisch-reformierten stärker profitiere. Mehr als ein Drittel der Migranten seien katholisch, heisst in der Medienmitteilung des SPI.

Unbegründet austreten

Urs Winter-Pfändler, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim SPI in St. Gallen tätig ist, sagt, dass auch der finanzielle Aspekt eine Rolle für den Kirchenaustrittsentscheid spiele. «Besonders viele Personen, rund 40 Prozent, verlassen die Kirche im Alter zwischen 25 und 34 Jahren, in dem viele junge Erwachsene einen eigenen Haushalt gründen und erstmals richtig Steuern bezahlen müssen. Zwischen den beiden Kirchen bestehen dabei nur geringe Unterschiede. Allerdings gibt es bis anhin kaum regional vergleichende Untersuchungen über die Ursachen von Kirchenaustritten.

Die Statistik zeigt auch, dass Konfessionslose bei den Migrantinnen und Migranten überdurchschnittlich vertreten sind. Urs Bachmann, Ratsschreiber der Katholischen Kirchgemeinde Wil, sagt: «Die meisten Leute, die aus der Kirche austreten, begründen ihre Entscheidung nicht.» Einige würden wegen finanzieller Not, despektierlicher Äusserungen aus Rom oder wegen veröffentlichter Missbrauchsskandale austreten, erklärt Bachmann. Das bestätigt auch Niklaus Bayer, Leiter der Galluspfarrei in Oberuzwil. «Wir fragen bei den Austretenden nach, ob ihre Entscheidung mit unserer Pfarrei im Zusammenhang steht.»

Aktuelle Nachrichten