KORREKTUR: Eine Stadt ohne Regeln

Die Rechtschreibung scheint die Wilerinnen und Wiler nicht zu kümmern. Gleich mehrere eigenwillige Schreibweisen finden sich im Sprachgebrauch der Stadt. Einer davon wurde nun zumindest zeitweise behoben.

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Heisst es nun Weier oder Weiher? Als Bewohner der Stadt Wil kann einem diese Frage schon einmal Kopfzerbrechen bereiten. Der Duden lässt nicht viel Interpre­tationsspielraum. Gemäss dem Wörterbuch ist nur Weiher mit h korrekt. Im Falle des Wiler Stadtweiers scheinen die Wegweiser der Stadt, Strassennamen, die das Gewässer im Namen tragen, und das Internet eine alternative Rechtschreibung zu propagieren.

Das h wird schlichtweg weggelassen, wenn vom Wiler Weier die Rede ist. Diesem kleinen Makel Abhilfe zu schaffen war das Ziel der Toggenburger Künstlerin Sonja Rüegg. «Man sagt immer, Kunst soll Fragen aufwerfen und irritieren. Was mich jedoch irritiert hat, war die Schreibweise des Stadtweiers», erklärt sie.

Stadtweier erhält ein künstlerisches h

Besonders bei Wegweisern sei ihr das fehlende h immer wieder aufgefallen. Ausserdem sei es auf dem Computer aufgrund der Autokorrektur sehr mühsam, Stadtweier ohne h zu schreiben. Deshalb habe sie sich dazu entschlossen, dem Wiler Binnengewässer im Rahmen der Ausstellung Kunst am Weier endlich zum h zu verhelfen. Seit einer Woche steht ein weisses h aus Holz im Stadtweier. «Jetzt steht es der Wiler Bevölkerung frei, wie sie Weiher schreibt. Für die nächsten zwei Jahre besitzt der Stadtweiher ohnehin ein h», sagt Sonja Rüegg lachend. So lange wird ihre Skulptur an ihrem jetzigen Standort sein. Stadtpräsidentin Susanne Hartmann zeigt sich erfreut über die künstlerisch-humoristische Korrektur der Wiler Rechtschreibung. «Irgendwie hat der Stadtweier die Gelegenheit, sich ein h zuzulegen, verpasst», sagt sie. Sonja Rüegg habe ihm nun mit der Skulptur doch noch zu einem orthografisch korrekten Dasein verholfen.

Doch ist dem wirklich so? Ruedi Schär vom Info-Center Wil widerspricht. «Für den Stadtweier ist einzig die Schreibweise ohne h zutreffend», sagt er. Es handle sich um einen Flurnamen, also um eine Bezeichnung für Berge, Wälder oder Gewässer. Bei diesen sei oft die Mundart-Schreibweise in den offiziellen Sprachgebrauch übernommen worden. Habe man früher in der Schule Weiher ohne h geschrieben, sei das bei den Lehrern aber trotzdem nicht gut angekommen.

Geografisch muss man in Wil nicht weit suchen, um eine weitere sprachliche Besonderheit zu finden. Der Chrebsbach, der nur wenige Meter neben dem Stadtweier durchfliesst, hat seine aus dem Mundart stammende Rechtschreibung ebenfalls bis heute behalten. Auch die Fasnacht werde in Wil anders geschrieben als in grossen Teilen der Schweiz, nämlich mit einem t, sagt Schär. Auch im südlichen Deutschland wird von der Fastnacht geschrieben. Haben sich die Wiler beim Wort Fastnacht also der hochdeutschen Rechtschreibung angepasst, hielten sie beim Weier an der eigenen Schreibweise fest. Liegen die Wiler nun doppelt falsch oder doch als einzige richtig? Dank Sonja Rüeggs Skulptur ist mindestens die Frage um die Schreibweise des Weihers für die nächsten zwei Jahre geklärt.

Gianni Amstutz

gianni.amstutz@wilerzeitung.ch