SCHICKSAL: Enttäuschte Hoffnung

Fana Asefaw behandelt unbegleitete, minderjährige Asylsuchende, die an einem Trauma leiden. Die Fachärztin mit Wurzeln in Eritrea spricht von kulturellen Missverständnissen und Traumata, die teilweise erst in der Schweiz entstehen.

Thomas Riesen
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«Die Flüchtlinge können ihren Verwandten nicht sagen, wie das Leben hier wirklich ist, denn sie würden ihr Gesicht verlieren. Sie entstammen einer Schamkultur», sagt Ärztin Fana Asefaw. (Bild: Thomas Riesen)

«Die Flüchtlinge können ihren Verwandten nicht sagen, wie das Leben hier wirklich ist, denn sie würden ihr Gesicht verlieren. Sie entstammen einer Schamkultur», sagt Ärztin Fana Asefaw. (Bild: Thomas Riesen)

Thomas Riesen

redaktion@wilerzeitung.ch

«Ich bin in verschiedenen Ländern aufgewachsen, ich bin eine Weltbürgerin», sagt Fana Asefaw, die bis Ende 2016 in Littenheid als Oberärztin auf der Kinderstation tätig war. Nun arbeitet sie im ambulanten Clienia-Standort Winterthur. Dort leitet sie die Migrations- und Traumasprechstunde für minderjährige Asylbewerber. Diese Menschen sind teilweise schwer traumatisiert.

Aktuell betreut Fana Asefaw rund 30 Einzelpatienten. Ihre jüngste unbegleitete minderjährige Asylbewerberin (UMA, siehe Kasten) ist 14 Jahre jung. Sie war in Libyen mit elf Jahren durch Schlepper entführt worden, um vergewaltigt zu werden. Die Vergewaltigung wurde zwar verhindert, aber jetzt sei sie hier und ihre Mutter in Israel.

Fluchterlebnis und enttäuschte Hoffnung

«Das Mädchen ist 14 Jahre alt und ein psychisches Wrack», fasst die Ärztin zusammen, die mit neun Jahren nach Deutschland kam und dort studiert hat. Sie könnte viele Geschichten dieser Art erzählen. Vor diesem Hintergrund lässt sie keine Zweifel offen: «Ich habe grossen Respekt vor dieser Leidensfähigkeit.»

Die Vermutung liegt nahe, dass die meisten der UMA traumatisiert ankommen. Doch weit gefehlt. «Sie stehen wieder auf und sind voller Hoffnung, weil sie widerstandsfähig sind. Überleben war ihr Ziel.» Aber diese Hoffnung wird häufig zum Pro­blem, denn sie sind zwar in Sicherheit, aber nicht im Paradies. Zu den Fluchterlebnissen gesellt sich nun Enttäuschung. So suchen viele ihrer Patientinnen und Patienten weniger ärztliche Betreuung, sondern einen sicheren Asylstatus, eine jugendgerechte Wohnsituation und eine schulische sowie berufliche Perspektive. Doch in der Schweiz gibt es all das nicht, weil sie F-Status haben oder es Jahre dauert, bis ihr Gesuch behandelt wird. «Selbst die stärksten Kinder und Jugendlichen zerbrechen an der Tatenlosigkeit. Es fehlt die kindgerechte Alltagsstruktur.» Immer wieder spricht die Ärztin von postmigratorischen Faktoren, welche als Krankheitsursache überwiegen.

Lügen aus Scham

Angesichts dieser schwierigen Ausgangslage drängt sich die Frage auf: Warum sagen die Kinder und Jugendlichen ihren Verwandten nicht die Wahrheit? Der Grund ist einfach: Sie dürften ihnen nicht sagen, wie das Leben hier wirklich ist, denn sie würden ihr Gesicht verlieren. Sie entstammen einer Schamkultur. «Immerhin mussten die Familien viele Tiere oder gar ihr Haus verkaufen, um die Flucht zu finanzieren.» Deshalb gaukeln ihnen die UMA über Social Media eine glückliche Scheinwelt vor. Wenn die Ärztin eine 16-Jährige endlich davon überzeugt, ihrer 12-jährigen Schwester die Wahrheit zu sagen, macht sie das nur widerwillig und unter Tränen. Selbst das nützt im aktuellen Fall nichts: Die Schwester ist entschlossen, über Libyen einzureisen.

Alltagsstruktur und Sensibilisierung

Die Arbeit von Fana Asefaw ist anspruchsvoll. Komplexe Belastungsfaktoren wie die fehlende Alltagsstruktur, Perspektivlosigkeit oder Angst vor Abschiebung kann sie nicht sofort lösen. Doch sie unterstützt die UMA bei der Entwicklung von Strategien, um eine Alltagsstruktur aufzubauen. Ihre Kontakte nutzt sie, um Bestände und Fachpersonen darauf hinzuweisen, warum Kinder und Jugendliche verhaltensauffällig werden. «Ich kann das Umfeld sensibilisieren», fasst die Ärztin zusammen. Ihre Erwartungen bezeichnet sie aber als «bescheiden». Sie wird auch mit Faktoren konfrontiert, die beinahe unvorstellbar sind. Sie weiss, wie gering die Chancen auf Asyl sind und was die Rückkehr nicht selten bedeutet – Selbstmord wegen der Scham. Sie kennt solche Fälle. Doch aufgeben ist keine Option. Sie plädiert für eine Gesellschaft die begreift, dass Integration in der Nachbarschaft, auf dem Weg zur Schule, im Supermarkt beginnt – also im Alltag und generationenübergreifend.