«Wenn ich das Virus bekomme, kann ich mir gleich den Sarg bestellen»: Wie St.Galler Randständige die Coronapandemie erleben

Die Coronapandemie betrifft alle Bevölkerungsschichten. Ein Obdachloser aus St.Gallen, der zur Risikogruppe gehört, erzählt von seiner Isolation. Ein gesunder Randständiger kann noch normal raus, ist aber auf medizinisches Heroin angewiesen. Beide werden von den zuständigen Institutionen betreut.

Dinah Hauser
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Peter Steiner lebt abgeschottet in der Unterkunft für Obdachlose.

Peter Steiner lebt abgeschottet in der Unterkunft für Obdachlose.

Bild: Urs Bucher

Es herrscht Besuchsverbot in der Unterkunft für Obdachlose (UFO). Peter Steiner (Name geändert) sitzt im Gemeinschaftsraum – alleine. Die warme Nachmittagssonne scheint durchs Fenster. Eigentlich wäre der 72-Jährige zu dieser Tageszeit draussen in der Stadt. Doch Steiner muss in Isolation bleiben. Nicht weil er an Corona erkrankt ist, sondern weil er zur Risikogruppe gehört. Der St.Galler leidet an wiederkehrenden Lungenentzündungen. Fünf hat er in bereits innert kurzer Zeit überstanden. Von Corona und dem Lockdown hat Steiner im Spital nichts mitbekommen. Beim Austritt bekam er Informationen mit Verhaltensregeln ausgehändigt. «Im Prinzip darf ich nicht einmal mehr atmen», sagt er und zeigt auf den Stapel Papier.

Steiner dürfte mit Maske ins Freie, trotzdem unterlässt er es. Er giesst sich Sirup ins Glas, füllt mit Wasser auf. Er habe Angst vor dem Virus, denn er habe Freude am Leben.

«Wenn ich das Virus bekomme, kann ich mir gleich den Sarg bestellen.»

Bezugspersonen des UFO bieten Gespräche an. Mit einer zankt Steiner gerne zum Spass. Auch mit Mitbewohnern tauscht er sich ab und an aus. Aber alles im Abstand von zwei Metern. Eigentlich müssen die Bewohner tagsüber die Unterkunft verlassen. Wegen der Pandemie dürfen sie im Haus bleiben. Alle leben nun in Einzelzimmern und messen täglich die Temperatur. Bisher gab es noch keinen Verdachtsfall. Das Haus steht weiteren Bedürftigen offen.

Berichte zum Coronavirus ignoriert Steiner oft

Steiner spaziert normalerweise durch die Strassen und erkundet andere Städte mit dem GA. Nun bleibt er drinnen, hört Radio oder schaut Fernsehen. Ab und an liest er Zeitung. Nachrichten zum Coronavirus konsumiert Steiner ganz gezielt, um seine mentale Gesundheit zu schützen. «Wenn ein Bericht zum Virus geschaltet wird, höre ich nicht hin.» Höchstens bei der «Tagesschau» passe er auf.

Die Mitarbeiter würden sich gut um ihn kümmern. Das Essen bringen sie aufs Zimmer. In den Gemeinschaftsraum geht Steiner nur, wenn sonst niemand da ist.

«Es ist mir überhaupt nicht recht, dass ich bedient werde.»

Steiner sollte nach seinem Spitalaufenthalt in die Geriatrie überführt werden. Dort hatte es aber keinen Platz. Nun ist er zurück in der Grünhalde, die seit rund zwei Jahren sein Zuhause ist. Er lebt im betreuten Wohnen und besucht verschiedene psychiatrische Therapien sowie die Physiotherapie wegen des Rückens. Normalerweise. Derzeit sind alle Therapien abgesagt.

Als Verdingbub beim Bauer

Einsam fühlt sich Steiner nicht, er könne mit der Isolation umgehen. Doch das Aufstehen falle ihm schwerer als anderen. Als Kind musste er als Verdingbub bei einem Bauer 100 Kilogramm schwere Kornsäcke schleppen. Seit er 17 war schmerzt der Rücken, später verunfallte er mehrmals.

Steiner hat Mühe, seinen Mitmenschen zu vertrauen. Das liegt an seiner Vergangenheit. Die Mutter schlug ihn regelmässig. Als Verdingbub schuftete er den grössten Teil seiner Schulzeit. Mit Schnaps betäubt er den Schmerz. «Wenigstens die Hühner haben mir zugehört.» Mit den Katzen hingegen kam er nicht gut aus, denn er musste die Jungen jeweils töten. Steiner erzählt ruhig von den Erlebnissen. Ab und an bricht seine Stimme, die Füsse zittern. Mit der Vergangenheit hat er noch nicht abgeschlossen.

Eigentlich hatte er die Sekprüfung bestanden, doch der Bauer zerriss das Dokument mit den Worten: «Du bist hier, um zu arbeiten, nicht um zur Schule zu gehen.» Nach einer gescheiterten Zwangsehe ging es immer weiter abwärts. Steiner schlief unter Brücken oder in Gartenhäuschen. Schliesslich landete er in einer Geriatrie, wo er – nicht zu seiner Freude – eine Beiständin bekam. Heute lobt er sie, denn dank ihr hat er einen Platz in der Grünhalde. «Ich bin froh, dass ich wieder hier sein darf. Hier fühle ich mich wohl.»

Ausstieg aus der Sucht während der Coronapandemie

Thomas Meier sucht täglich die Stiftung Suchthilfe auf. Dort bezieht er seine Medikamente.

Thomas Meier sucht täglich die Stiftung Suchthilfe auf. Dort bezieht er seine Medikamente.

Bild: Nik Roth

Ein anderer Randständiger darf sich frei bewegen. Als Thomas Meier (Name geändert) die Fachstelle für aufsuchende Sozialarbeit am Unteren Graben der Stadt St.Gallen betritt, wäscht er sich als erstes die Hände. Dann tritt er zur Kaffeemaschine. «Der Kaffee ist gut hier», sagt der Mittvierziger, bevor er sich setzt. Derzeit stehen jeweils zwei Tische zwischen den Stühlen, damit der Zwei-Meter-Abstand eingehalten werden kann.

Meier konsumiert täglich medizinisches Heroin unter Aufsicht der Stiftung Suchthilfe. Dies ermöglicht ihm einen langsamen Ausstieg aus der Droge. Wegen der Coronavorschriften darf nur eine Person das Medikament im dafür vorgesehenen Raum konsumieren, dadurch entstehen Wartezeiten. Entzügig fühlt er sich nicht. «Warteschlangen sind nirgends gerne gesehen. Ich bin aber gut eingestellt und alle verhalten sich ruhig beim Anstehen», sagt Meier. Dem Lockdown gewinnt er etwas Gutes ab: die Entkommerzialisierung.

«Sonst sind alle immer im Kaufrausch. Jetzt sieht man, es geht auch anders.»

Stiftung garantiert medizinische Versorgung

Der gelernte Handwerker hat vor Jahren seinen Führerschein und dadurch seinen Job verloren. Eine Neuanstellung fand er nicht und so rutschte er ab in die Sucht. Vor fünf Jahren kam Meier durch die Stiftung Suchthilfe zu einer Anstellung auf dem zweiten Arbeitsmarkt und trat später ins Ausstiegsprogramm ein.

«Ich bin froh, dass ich mich während der Pandemie nicht um die Beschaffung kümmern muss.»

Wegen der geschlossenen Grenzen sinkt die Qualität der Drogen und die Preise steigen. Die Stiftung garantiert die medizinische Betreuung auch im Fall einer Ausgangssperre und liefert die Medikamente den Klienten in Quarantäne oder Selbstisolation.

Zusätzlichen Halt gibt Meier die Arbeit, die er während der Krise weiterführen kann – wenn auch mit Maske und Handschuhen. «Geht das wegen Allergien oder psychischen Problemen nicht, wird eine andere Lösung gesucht.» Er selbst komme damit aber gut klar. Sein Alltag hat sich seit Beginn der Coronakrise nicht gross verändert: «Das Kribbeln im Bauch ist da, aber ich nehme es, wie es kommt.»

Die Coronaregeln würden in Meiers Bekanntenkreis gut aufgenommen. Er lobt den Bundesrat für den Mut, mit solch einschneidenden Massnahmen die Bevölkerung zu schützen. «Nach dem Atomunfall in Tschernobyl hat es nur geheissen, man soll kein Gemüse aus dem Tessin essen.» Einzig die Zuverlässigkeit der Massnahmen verunsichert ihn ein wenig. «Bei AIDS oder Hepatitis habe ich eine 100-prozentige Sicherheit, dass ich mich nicht anstecke, wenn ich mich an die Regeln halte. Bei Corona wird derzeit noch von einer ‹hohen Wahrscheinlichkeit› gesprochen.»

Regelmässig trifft sich Meier mit Bekannten im Kantipark – mit dem nötigen Abstand. Den sozialen Kontakt will er nicht missen, zumal einige kein Handy hätten. Die Stiftung hat dort die Stühle angekettet, damit sie nicht näher als zwei Meter beisammen stehen. «Das ist zwar eine clevere Lösung», sagt Meier, «aber man verhindert so keine Treffen.» Zudem patrouillieren im 30-Minuten-Takt Polizisten durch die städtischen Pärke.

Hart umkämpfte Bushaltestellen

Weiter hat Meier festgestellt, dass Menschen aggressiver sind. Vor allem die Bushaltestellen seien hart umkämpft. «Wenn man beim Warten jemandem zu nahe kommt, reagieren einige sehr rabiat.» Er wünscht sich, dass man einander freundlich auf den Abstand hinweist. In seinem Umfeld klappe das gut. Meier geht gar so weit, zu sagen, Randständige nähmen die Coronaregeln besser auf als der Rest der Bevölkerung. «Vielleicht liegt es daran, dass wir durch den Drogenkonsum Vorkenntnisse haben, wie man sich vor übertragbaren Viruserkrankungen schützt.»

Eine eventuelle Ausgangssperre könne er gut überstehen. «Klar stören die Säcke mit Recyclinggut mit der Zeit. Aber wenn es dem Wohl aller dient, mache ich mit.» Auch das Aufrechterhalten einer Tagesstruktur wäre für ihn kein Problem. «Bekannte in anderen Wohnverhältnissen kämen da wahrscheinlich weniger gut zurecht», sagt Meier. Wenn die Krise vorbei ist, will Meier als Erstes seine Mutter umarmen. «Sie lebt in einem Pflegeheim und ich habe nur noch sporadisch per Telefon Kontakt.» Auf das Familientreffen freut sich Meier schon jetzt.