Wie riecht St.Gallen? Ein Stadtrundgang der anderen Art

Der kanadische Anthropologe David Howes hat zu einem multisensorischen Spaziergang durch die Stadt geladen. Ein Experiment.

Roger Berhalter
Merken
Drucken
Teilen
Schnüffeln im Dom: Der Sinnesforscher David Howes (Mitte) setzt bei seinem multisensorischen Stadtrundgang auf unkonventionelle Methoden. (Bild: Thomas Hary)

Schnüffeln im Dom: Der Sinnesforscher David Howes (Mitte) setzt bei seinem multisensorischen Stadtrundgang auf unkonventionelle Methoden. (Bild: Thomas Hary)

David Howes tritt nah an den Lämmlerbrunnen heran, hält die flache Hand auf den nassen Stein und lächelt. «Das ist eine Oase», sagt der Kanadier über den Brunnen am Bahnhof. Die glatte Oberfläche des Steins, das Plätschern des Wassers, das Glitzern des Sonnenlichts: Der Lämmlerbrunnen ist für Howes eine multisensorische Erfahrung: «Hier kommen mehrere Sinne zusammen.» Willkommen in der Welt von David Howes.

Der Anthropologe lehrt an der Concordia Universität in Montreal und gilt als einer der führenden Experten, wenn es um die Erforschung der Sinne geht. In Papua Neuguinea hat er beobachtet, wie sich Menschen mit Tierfett einreiben, um gut zu riechen. In Argentinien hat er miterlebt, wie sich Menschen an die erste Rolltreppe vor Ort herantasten. In St.Gallen ist Howes im Rahmen der Soziologie-Konferenz «Unspoken, unseen, unheard of» an der HSG zu Gast. Zum Auftakt hat er zu einer Stadtführung mit allen Sinnen geladen. Sightseeing, das kann jeder. Howes aber kann auch Soundwalk, Smellwalk und Touch Tour.

Kaffeeduft am Bahnhof, kein Abfallgestank

«Was ist der typische Geruch von St.Gallen?», fragt er die Workshop-Teilnehmer, die aus ganz Europa kommen und soeben schweigend, schauend, riechend und tastend durch die Altstadt spaziert sind. Jetzt dürfen sie wieder reden. Sie erwähnen den Kaffeeduft am Bahnhof, die Rauchfahne im Schmittengässlein, den fehlenden Abfallgestank. «Das hier ist eine sehr saubere Stadt», sagt Howes und erzählt, wie in amerikanischen Städten der Wind und der Geruchssinn die Menschen nach Klassen trennen: im Westen die Frischluft und die Reichen, im Osten die stinkenden Fabriken und die Armen.

«Wie tönt St.Gallen?» Nach Motoren und Baustellen, zumindest an diesem Mittwochnachmittag. In der Geräuschkulisse der Altstadt ortet Howes einen «mechanischen Unterton»: «Man wird ständig an die Gegenwart erinnert.» Über ihm dröhnt ein Flugzeug durch den Himmel.

Jede Fläche ist dreidimensional

Weiter geht es in den Dom, wo Seh- und Tastsinn die Hauptrolle spielen. «Hier herrscht ein visuell-taktiles Regime», sagt Howes. Der 61-Jährige streicht mit den Fingern über das geschnitzte Ornament einer Kirchenbank. «Jede Fläche hier ist dreidimensional, alles lädt zum Berühren ein.» Dann startet Howes sein schrägstes Experiment. Der Hühne verschwindet kurz hinter einer Säule, danach baut er sich neben dem Altar auf, breitet die Arme aus und lässt die Soziologen an seinen Händen schnüffeln. Je eine Duftprobe hält er darin verborgen. Man werde ein Stück Heiligkeit riechen, verspricht Howes, und sogar dem Himmel ein Stück näherkommen.

Das ist natürlich übertrieben, alle Workshop-Teilnehmer bleiben am Boden. Dennoch ist Howes’ Experiment geglückt: Nach diesem Nachmittag riecht St.Gallen für alle Beteiligten anders.