In Mörschwil verrät ein Aufräumcoach seine Tipps – die wichtigste Frage: «Was brauche ich überhaupt?»

Selim Tolga ist Aufräumcoach und hat Minimalismus und die Suche nach einem vereinfachten Leben zu seinem Beruf gemacht. Nun hält er einen Vortrag in Mörschwil.

Laura Widmer
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Selim Tolga lebt selber einen minimalistischen Lebensstil, ist aber kein Dogmatiker.

Selim Tolga lebt selber einen minimalistischen Lebensstil, ist aber kein Dogmatiker.

PD

Selim Tolga besitzt zwischen 400 und 600 Gegenstände. Was nach einer stattlichen Summe klingt, ist im Vergleich jedoch sehr bescheiden: «Der durchschnittliche Europäer besitzt rund 10000 Dinge», sagt er. Tolga muss es wissen. Schon als Kind habe er die Stifte in seinem Etui geordnet und Schulkollegen dabei geholfen, erzählt er. Vor zehn Jahren hat er sich als Aufräumcoach selbständig gemacht und berät seither Menschen, die Ordnung in ihr Leben bringen möchten. Tolga ist einer der Ersten in der Schweiz, der Minimalismus und die Suche nach einem vereinfachten Leben zu seinem Beruf gemacht hat. Am nächsten Dienstag kommt er für einen Vortrag nach Mörschwil.

Selim Tolga lebt selber einen minimalistischen Lebensstil, ist aber kein Dogmatiker. Er sagt, es gebe kein allgemeingültiges Rezept für das Aufräumen. Seine Maxime:

«Man soll das behalten, was man braucht und woran man Freude hat.»

Minimalismus könne jeder als Werkzeug einsetzen, um mehr Ordnung, Zeit und Freiheit in sein Leben zu bringen. Häufig wird Minimalismus mit einem bestimmten Stil in Verbindung gebracht: In Hochglanzmagazinen ist häufig eine reduzierte Farbpalette mit viel Weiss, wenig Schnickschnack und hellem Holz zu sehen. Dass das nicht nötig ist, zeigt auch Tolgas eigene Wohnung in Mönchaltorf im Zürcher Oberland. Sie wurde im vergangenen Jahr im «NZZ Folio» porträtiert. Rote Vorhänge und Kissen zieren ein schweres Ledersofa, und über dem Bett hängt ein gemaltes Bild, auf dem Tiger zu sehen sind.

Die grosse Frage ist: Was brauche ich überhaupt?

Die berühmteste «Aufräumerin» weltweit ist wohl Marie Kondo. Die Japanerin hat mit ihrer KonMarie-Methode einen wahren Hype ausgelöst. Ihre Bücher verkauften sich millionenfach. «Does it spark joy?», fragten sich danach viele, wenn sie ihre Wohnung entrümpelten und ihren Besitz drastisch verringerten. Selim Tolga ist kein Fan der KonMarie-Methode. Dies fordert unter anderen, dass man jeden Gegenstand in die Hand nimmt und sich fragt, ob dieser Freude bereitet.

«Viele meiner Kunden haben es damit versucht und sind gescheitert. Sie waren völlig überfordert.»

Stattdessen müsse man sich zu Beginn der Übung fragen: Was brauche ich überhaupt? «Die meisten haben Angst vor der Leere ihrer Wohnung. Wenn sie ein zusätzliches Zimmer hätten, würden sie es ebenfalls füllen», sagt Tolga.  An seine Vorträge kämen vor allem Menschen ab 45 Jahren, sagt der Aufräumcoach. Sie hätten in ihrem Leben vieles angehäuft und wollten sich von diesem Ballast trennen. Es gebe verschiedene Gründe, wieso sie dafür die Hilfe eines Coaches in Anspruch nähmen. «Manche haben etwa Probleme, ein Ordnungssystem zu finden, dass zu ihrem Lebensstil passt», sagt Tolga. Andere wissen gar nicht mehr, was sie besitzen und wollen einen Überblick gewinnen, oder leiden unter Kaufsucht.

Früher wurde Tolga belächelt

Tolga möchte keine Details von Coachings preisgeben, die Privatsphäre seiner Kunden ist ihm sehr wichtig. Er sagt aber: «Meine Erfolgsquote ist hoch.» Eine Beratung klappt trotzdem nicht immer: Wenn jemand nicht aus eigenem Antrieb etwas ändern wolle, sei es schwierig, zu helfen. «Es kommt ab und zu vor, dass jemand seine Eltern anmeldet.» Auch Messies hat Tolga schon geholfen, die Wohnung auszumisten. Das brachte ihn an seine Grenzen: «Ich habe auch schon Ratten gesehen.»

Tolga hat verschiedene Coaching- und Beratungsausbildungen absolviert, unter anderem bei Napo (National Association of Productivity and Organizing Professionals). «Anfangs wurde ich im Bekanntenkreis häufig belächelt und musste um Anerkennung kämpfen», sagt er. Vor zehn Jahren war das Aufräumen noch kein grosser Geschäftszweig, heute kommen häufig Kunden zu Tolga, die ihn bei einer Suche im Internet gefunden haben. Auch die Prioritäten ändern sich: Der digitale Minimalismus ist heute immer mehr gefragt. Tausende von Fotos und Dateien tummeln sich auf Computern und Smartphones. Tolga sagt: «Viele meiner Kunden wollen auch auf dem Computer wieder Herr ihrer Dinge sein.»