«Mediterrane Nächte sind ein Bedürfnis»: Die St.Galler Gartenbeizen sollen im Sommer bis um Mitternacht geöffnet haben dürfen 

Gartenbeizen sollen im Sommer bis Mitternacht öffnen dürfen. Das fordert ein Grossteil des Stadtparlaments mit einem zweijährigen Pilotversuch.

Marlen Hämmerli und Diana Hagmann
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Leere Gartenbeizen ab 22 Uhr – das soll sich in St.Gallen mit einem Pilotversuch ändern.

Leere Gartenbeizen ab 22 Uhr – das soll sich in St.Gallen mit einem Pilotversuch ändern.

Bild: Hanspeter Schiess (10. Oktober 2019)

An einem lauen Sommerabend um Mitternacht draussen im Restaurant sitzen, ein kühles Bier in der Hand, die Hitze des Tages noch auf der Haut: Dieses mediterrane Gefühl kann man nicht nur in Genua auskosten, sondern auch in Thun, in Basel oder in Bern. In St.Gallen aber nicht. Bisher war hier (mit Ausnahme der Lokale um den Marktplatz) um 22 Uhr Schluss mit dem Bier unter freiem Himmel. Das soll sich ändern. In einer dringlichen Interpellation fordern 50 von 63 Stadtparlamentarierinnen und Stadtparlamentariern einen zweijährigen Pilotversuch, der Gastrobetrieben erlaubt, im Sommer draussen länger offen zu halten – sogenannte mediterrane Wochen.

Fünf von sechs Fraktionen unterstützen den Vorstoss, nur die Grünen sind nicht dabei.

Innenstadt muss für die Grünen trotz Ausgehszene bewohnbar bleiben

Als einzige Fraktion haben Grüne und Junge Grüne die dringliche Interpellation für verlängerte Öffnungszeiten in Gartenbeizen nicht unterzeichnet. Dies, weil die Forderung nach längeren Öffnungszeiten für Gartenbeizen eine klassische Frage für bürgerliche Wirtschaftsparteien, aber sicher kein grünes Kernthema sei, sagt Fraktionspräsident Clemens Müller. Im Gegensatz zum Klimawandel: In der Klimapolitik müsse es um ernsthaftere Massnahmen gehen als um die Verlängerung von Öffnungszeiten von Gartenbeizen. Gegen die Öffnungszeiten bis Mitternacht werden die Grünen aber keine Opposition machen. Anders war dies bei der ersten Version des Vorstosses. Eine von «Gastro Stadt St.Gallen» und «Nachtgallen» initiierte Motion war so formuliert, dass einzelne Gartenbeizen bis drei Uhr morgens hätten öffnen können. Das wäre für die Grünen nicht akzeptabel gewesen. Müller erinnert an bestehende Belastungen für Bewohnerinnen und Bewohner der Innenstadt. Ein gewisses Mass davon müsse man in Kauf nehmen, wenn man zentral wohne. Die Innenstadt müsse aber bewohnbar bleiben; sie dürfe nicht zum schrankenlosen Rummelplatz werden. Bewohnerinnen und Bewohner trügen nämlich nachhaltiger zur Belebung bei als Nachtschwärmer, die nur am Freitag und Samstag kämen. (vre)

Die Interpellanten verlangen, dass Gastronomen von Anfang Juni bis Ende August auf dem ganzen Stadtgebiet ihre Aussenplätze am Freitag- und Samstagabend zwei Stunden länger bewirten dürfen. Vorerst solle nicht der Beginn der Nachtzeit auf 24 Uhr verschoben, sondern nur eine Ausnahmeregelung geschaffen werden, die den Pilotversuch erlaube, heisst es im Vorstoss.

Patrik Angehrn, Präsident der CVP/EVP-Fraktion im Stadtparlament

Patrik Angehrn, Präsident der CVP/EVP-Fraktion im Stadtparlament

Bild: PD

«Jeder Sommer, den wir zuwarten, ist verloren»

«Unser Ziel ist es, ganz St.Gallen und insbesondere die Innenstadt zu beleben», sagt Patrik Angehrn, Präsident der CVP/EVP-Fraktion. «Wir erhoffen uns, dass Leute hier in ein Restaurant gehen, wenn sie länger draussen sitzen können – und nicht an den See fahren.»

Daniel Kehl, Präsident der SP/Juso/PFG-Fraktion, kennt die Situation aus eigener Erfahrung.

«Es hat 20 Grad, man sitzt in einer Gartenbeiz und dann kommt der Wirt und fordert einen auf, nach drinnen zu wechseln. Und dort hat es natürlich keinen Platz.»
SP-Stadtparlamentarier Daniel Kehl

SP-Stadtparlamentarier Daniel Kehl

Bild: Urs Bucher

Aber natürlich sei auch der Schutz der Anwohner ein Thema. Kehl wohnt am Rand der Innenstadt und kennt diese Seite ebenfalls, wie er sagt. «Die Frage ist, ob es besser ist, wenn die Leute auf der Gasse stehen und lärmen. Aber es braucht sicher eine Sensibilisierung.» Auch Angehrn sagt: «Wir erwarten, dass sich die Gäste entsprechend der späten Uhrzeit verhalten. Es darf gesellig sein, aber alles hat Grenzen.» Schwierig werde es in der Zeit zwischen ein und fünf Uhr nachts, sagt Kehl. «Man muss das Recht auf Nachtruhe ernstnehmen.» Deshalb sei die Fraktion nicht einverstanden gewesen mit dem ersten Entwurf des Vorstosses. Dieser sah vor, dass Beizer, die ihre Aussenfläche bis ein Uhr bewirtschaften, dies bis drei Uhr dürfen.

Gefordert wird nun ein Pilotversuch und noch keine definitive Einführung der mediterranen Wochen, wie beide Stadtparlamentarier betonen. Ausserdem sei die Verlängerung der Öffnungszeiten beschränkt auf Freitag- und Samstagabende. «Das muss möglich sein», sagt Angehrn.

«Es geht ums Ausprobieren.»

Start soll bereits im Juni sein. «Jeder Sommer, den wir zuwarten, ist ein verlorener Sommer», sagt Angehrn. «Es liegt nun am Stadtrat, das möglich zu machen.» Dieser wird an der Stadtparlamentssitzung vom 24. März Stellung nehmen zur Interpellation.

Die Idee existiert schon lange, nun wurde sie lanciert

Lukas Hofstetter, Vorstandsmitglied von Nachtgallen und Eventveranstalter

Lukas Hofstetter, Vorstandsmitglied von Nachtgallen und Eventveranstalter

Bild: Adriana Ortiz Cardozo

In den Köpfen der Gastronomen spriesst der Gedanke von Mittelmeerflair in St.Gallen schon lange, doch erst vor vier Wochen habe man die Idee lanciert, sagt Lukas Hofstetter von Nachtgallen, dem Verein, der das städtische Nachtleben bereichern will. «Die politische Unterstützung hatten wir rasch. Das zeigt: Mediterrane Nächte sind ein Bedürfnis», sagt der Eventveranstalter. Viele Städte hätten bereits längere Restaurantöffnungszeiten, andere würden sie testen. In Thun etwa dürfen Lokale während einer bestimmten Zeit im Sommer bis halb zwei Uhr nachts bedienen. In Bern kann man in Teilen der Stadt bis zwei Uhr nachts unter freiem Himmel etwas trinken. In Basel gelten je nach Quartier lockerere Regeln für das Nachtleben. Zürich probt das Mittelmeer-Leben diesen Sommer: Versuchsweise dürfen Gartenbeizen in bestimmten Stadtgebieten bis zwei Uhr nachts geöffnet haben statt bis Mitternacht. Nur in St.Gallen müsse man sich damit begnügen, von «Abenden wie während der Ferien in der Toscana» zu träumen, sagt Hofstetter.

Verändertes Ausgehverhalten: Gäste kommen später

René Rechsteiner, Präsident Gastro Stadt St.Gallen

René Rechsteiner, Präsident Gastro Stadt St.Gallen

Bild: PD

«Das Ausgehverhalten hat sich verändert, die Sommernächte werden immer wärmer. Die Gäste kommen später und wollen länger bleiben. Die Reglemente sind einfach nicht mehr zeitgemäss», sagt René Rechsteiner von Gastro Stadt St.Gallen. Er spricht von der Konkurrenz im nahen Ausland, von Bregenz und Konstanz etwa, wo man im Sommer noch lange ein kühles Bier auf der Restaurantterrasse bestellen könne, wenn hier «schon lange alles tot ist». Rechsteiner: «Wir brauchen gleich lange Spiesse.» Den Wirten gehe es doch nur darum, mehr zu verdienen, werden Kritiker monieren. «Es geht uns in erster Linie darum, die Stadt zu beleben. Wenn die höhere Frequenz mehr Einnahmen bringt, haben wir natürlich nichts dagegen», sagt Rechsteiner. Und gibt ein Beispiel: Auf dem Klosterplatz geht gerade eine Vorstellung der St.Galler Festspiele zu Ende, es ist 30 Grad warm, eine wunderschöne Sommernacht.

«Die Besucher wollen den Abend bei einem Drink unter freiem Himmel ausklingen lassen, doch die Gastrobetriebe in dem Stadtteil müssen den Aussenbetrieb um 23 Uhr einstellen. Das versteht doch keiner!»

Und: «Wie erklären Sie einem Touristen aus Spanien, dass er ab 22 Uhr draussen vor fast keinem Lokal mehr ein Bier erhält? Der kommt nie wieder.» Dabei seien Touristen wichtig für die Stadt und deren Belebung. Man müsse sich entscheiden, was man wolle, sagt Lukas Hofstetter: «Eine ruhige Schlafstadt, die zum Museum verkommt, kaum ist Ladenschluss. Oder eine lebendige Stadt, die pulsiert und in der es halt auch mal laut ist.» Rechsteiner sieht es gleich. Es werde immer «ein paar schwarze Schafe» geben, die über den Durst trinken und zu laut werden, sagt er. «Dann ist es Aufgabe des Wirts, den Gast darauf hinzuweisen, auf die Anwohner Rücksicht zu nehmen. Und ihn zu warnen: Sonst wird der Pilotversuch abgebrochen, das wäre schade.»

So handhabt es übrigens auch Thun, klein zwar, aber Vorbild in Sachen Gartenbeizen. Ende Jahr treffen sich dort Behörden und Gastronomen jeweils, um zurückzublicken – und voraus. Sie entscheiden dann, ob die mediterranen Nächte wieder durchgeführt werden. Die Gäste haben nicht nur das Bier, sondern auch die Fortsetzung in der Hand.

Am Montag wird diskutiert

In der Süd-Bar findet diesen Montag, 19 Uhr, eine Podiumsdiskussion zum Thema «Mediterrane Wochen für St.Gallen» statt. Sollen St.Galler Restaurants, Cafés und Beizen mit Aussenflächen diese bis Mitternacht bewirtschaften dürfen? Über diese Frage diskutieren am Montagabend folgende Personen: die zuständige Stadträtin Sonja Lüthi, Marc Weber vom Verein Nachtgallen, René Rechsteiner, Präsident von Gastro Stadt St.Gallen, sowie der SVP-Stadtparlamentarier Donat Kuratli und SP-Stadtparlamentarierin Alexandra Akeret. Richi Küttel von der Ostschweizer Kulturvermittlungsplattform kklick wird die Diskussion moderieren. Der Verein Nachtgallen und Gastro Stadt St.Gallen organisieren den Anlass. Interessierte sind eingeladen, mitzudiskutieren. (mha)

Die Detailhändler bekommen Freilauf: Die St.Galler Innenstadt soll lebendiger werden

Der St. Galler Stadtrat liberalisiert seine Bewilligungspraxis. Der öffentliche Raum darf ab 2020 breiter genutzt werden – auch kommerziell. Per 1. Januar 2020 wird daher ein zweijähriger Pilotversuch gestartet. Die neue Bewilligungspraxis ermöglicht kommerzielle Aktivitäten vor Läden und Gastronomiebetrieben sowie auf bestimmten Plätzen.
Daniel Wirth