Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Reportage

«Wie ein Tagebuch auf der Haut»: St.Galler Tätowierer stechen zu

In der Gallusstadt gibt es mit über 42 Studios relativ viele Tattooshops. Zwei Tätowierer erzählen von ihrer Arbeit.
Rossella Blattmann
Der St.Galler Tätowierer Dax Natoli arbeitet hochkonzentriert. (Bilder: Adriana Ortiz Cardozo (St.Gallen, 29. Juli 2019))

Der St.Galler Tätowierer Dax Natoli arbeitet hochkonzentriert. (Bilder: Adriana Ortiz Cardozo (St.Gallen, 29. Juli 2019))

Die Hitzewelle hat St.Gallen fest im Griff. Es ist noch nicht einmal Mittag, doch der Schweiss perlt einem bereits am Vormittag die Stirn hinunter. Entsprechend zeigen Stadtsanktgallerinnen und -sanktgaller Haut – und ihre Tattoos.

Doch an diesem heissen Tag Ende Juli ist die St.Galler Altstadt menschenleer. Die Stadt macht Pause, aber an der Goliathgasse läuft bei Tätowierer Pele Brunner und seinem Team von Skin Deep Art das Geschäft weiter.

Pele Brunner ist einer der dienstältesten Tätowierer der Stadt.

Pele Brunner ist einer der dienstältesten Tätowierer der Stadt.

Sommer ist Hochsaison, aber das Geschäft schwierig

Pele Brunner sitzt in seinem hellen Geschäft auf einem braunen Sofa. In der Luft liegt der beissende Geruch nach Desinfektionsmittel. «Sommer ist Hochsaison für Tattoos», sagt er. «Doch für Tätowierer ist der Sommer schwierig, wie für andere Geschäfte in der Stadt auch.» Während des Sommers betreten weniger Kunden das Tattoostudio als im Frühling oder Herbst. Das liege daran, dass viele potenzielle Kunden in den Ferien seien. «Zudem darf man sich frisch tätowiert nicht in die Sonne legen», ergänzt Brunner. Und niemand wolle im Sommer mit langen Hosen und Ärmeln herumlaufen.

Brunner arbeitet seit rund 25 Jahren als Tätowierer in St.Gallen.

«Ich bin der dienstälteste Tätowierer in der Stadt. Als ich 1993 angefangen habe, gab es nur drei, vier, Tattoostudios.»

Heute seien es deutlich mehr. Tattoos sind laut dem Tätowierer immer im Trend, doch der Status habe sich geändert. «Durch Digitalisierung und soziale Medien sind Tattoos heute viel präsenter.» Somit sei auch der Wunsch der St.Gallerinnen und St.Galler nach einem Tattoo gewachsen.

Früher wurde die Nase gerümpft

«Wer tätowiert war, fiel vor 25 Jahren noch auf», sagt Brunner. Heute seien Tattoos akzeptiert. Das sei auch wegen des Fussballs so: «Die Menschen sehen einen tätowierten Fussballer und denken: ‹Wow, das Tattoo will ich auch haben!›» Früher hätte man noch die Nase gerümpft.

Gibt es ein bestimmtes Sujet, das in St.Gallen besonders beliebt ist? Brunner überlegt, während er den Knopf der Kaffeemaschine drückt. «Das» Trendmotiv gebe es zwar nicht. Doch die Kunden seien mutiger geworden, und liessen sich auch mal ein ganzes Bein mit mehreren, teils sehr persönlichen Motiven, tätowieren. «Tattoos sind wie ein modernes Tagebuch auf der Haut», sagt Brunner.

Ob der göttliche Beistand von oben auch gegen Schmerzen und Angst vor Nadeln hilft?

Ob der göttliche Beistand von oben auch gegen Schmerzen und Angst vor Nadeln hilft?

Vom Big Apple in die Gallusstadt

Eine Wand voller Skizzen, bunte Retroposter, und eine Maria-Statue: Beim Tattookollektiv Noble Blood an der Linsebühlstrasse gibt es viel zu entdecken. An einem grossen, dunklen Holztisch sitzt Dax Natoli. Der Amerikaner ist neben Etienne Geyer und Simon Schwinger einer von drei Tätowierern bei Noble Blood. Seit neun Jahren lebt und tätowiert er in St.Gallen, seit sechs Jahren an der Linsebühlstrasse.

Die Liebe habe ihn damals von New York nach St.Gallen geführt, sagt Natoli. Bevor er im Linsebühl-Quartier zu tätowieren begann, arbeitete er im Tattoostudio Skin Deep Art: «In St.Gallen habe ich als Gasttätowierer bei Pele Brunner angefangen.» Wie sich die Tattooszene in der Stadt über die Jahre hinweg entwickelt hat, könne er nicht sagen. Doch als er vor knapp zehn Jahren nach St.Gallen gekommen sei, habe er sich über die vielen Tattooshops in der Stadt gewundert. «Bereits damals gab es hier sicher schon zehn, zwölf, Tattooshops.» Das sei für eine Stadt der Grösse viel.

Ist der Sommer Hochsaison für Tattoos? «Ja und Nein», sagt Natoli. Das Geschäft laufe einfach anders. Im Sommer tätowiere er weniger grossflächige Tattoos, sondern mehr kleine, feine Motive.

«Mit einem frischen Tattoo – egal welcher Grösse – sollte man mindestens zwei Wochen warten, bis man in die Sonne oder ins Wasser geht.»

Bei grösseren Tattoos brauche es mehrere Termine, um das Motiv zu vervollständigen. Nach jedem dieser Termine müsse man zwei bis vier Wochen warten, bis man in die Sonne, ins Solarium oder baden gehe. «Es kann also einen ganzen Sommer dauern, bis ein grösseres Tattoo fertig ist, und das heisst einen ganzen Sommer Verzicht auf Sonne und Badi.»

Ein Motiv nimmt langsam Form an.

Ein Motiv nimmt langsam Form an.

Tätowiermaschinen kann jeder bestellen

Eine Ausbildung zum Tätowierer gibt es in der Schweiz nicht. Wer wolle, der könne sich im Internet eine Tätowiermaschine zulegen, und Zuhause mit dem Tätowieren loslegen, sagt Natoli. «Das ist crazy.» Tätowiershops müssen sich hingegen bei den kantonalen Kontrollbehörden anmelden (siehe Text unten). Zu Noble Blood würden immer wieder Kunden mit misslungenen Tattoos kommen, ergänzt er. Oft seien diese für wenig Geld in den Ferien gestochen worden. «Mit einem Cover-up ein misslungenes Tattoo zu retten, und so den Kunden wieder glücklich zu machen, ist eine schöne Aufgabe für uns.»

Doch: «Tätowierer sind auch Geschäftsleute», sagt der Wahlsanktgaller Dax Natoli. Das sei auch in St.Gallen so. Trotz der wachsenden Konkurrenz sagt er: «Es gibt viele Kollegen in der Stadt, die ich nicht kenne. Ich wünsche mir einen grösseren Zusammenhalt.»

Kanton kontrolliert Studios

Gemäss Bundesgesetz über Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände müssten sich Tätowiershops bei den kantonalen Kontrollbehörden melden, sagt Pius Kölbener, Kantonschemiker beim Kanton St. Gallen. «Im Kanton St. Gallen ist dies das Amt für Verbraucherschutz und Veterinärwesen (AVSV).» Lebensmittelinspektoren inspizierten die Tattoostudios, und im kantonalen Labor werden die Hygiene und die verwendeten Farben untersucht. Kölbener ergänzt: «Bei uns sind 42 Tätowierstudios aus der Stadt St. Gallen gemeldet.» Es dürften aber mehr sein, «da nicht alle Tätowierer wissen, dass sie sich bei uns melden müssen». Immer wieder stosse das AVSV auf Tattoostudios, die nicht gemeldet seien. (bro)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.