«Wie das Virus ins Heim gelangt ist, weiss ich nicht»: 90 Bewohnerinnen und Bewohner des St.Galler Alterszentrums Schäflisberg in Quarantäne – das sagt die Direktorin

Nachdem sich mehrere Angestellte und Betagte mit dem Coronavirus infiziert haben, steht das Alterszentrum Schäflisberg seit Mittwoch unter Quarantäne. Seit Donnerstagabend sind bereits weitere Infizierte dazugekommen. Weitere Testergebnisse stehen noch aus. Ein 97-jähriger Mann ist zudem gestorben. Vielen Erkrankten geht es laut Direktorin Christina Granwehr aber wieder besser. Sie ist überrascht, dass die Symptome bei den meisten eher leicht ausfallen.

Perrine Woodtli
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Das Alterszentrum am Schäflisberg steht seit Mittwoch unter Quarantäne.

Das Alterszentrum am Schäflisberg steht seit Mittwoch unter Quarantäne.

(16. Oktober 2020)

Christina Granwehr hat stressige Tage hinter sich – und weitere noch vor sich. Eigentlich hätte die Direktorin des St.Galler Alterszentrums Schäflisberg Ferien. Doch nun sitzt sie in ihrem Büro, ständig klingelt das Telefon. Der Grund: Mehrere Angestellte sowie Bewohnerinnen und Bewohner haben sich mit dem Coronavirus infiziert. Am Donnerstagabend wurde bekannt, dass das Alters- und Pflegeheim an der Felsenstrasse sowie seine rund 90 Betagten unter Quarantäne stehen.

Sie habe am Dienstag erfahren, dass sich ein Bewohner angesteckt habe, sagt Christina Granwehr. Daraufhin sei sie gleich aus den Ferien zurückgekehrt. Seit Mittwoch gibt es ein Besuchsverbot im Schäflisberg.

Besuch ist verboten.

Besuch ist verboten.

Arthur Gamsa (16. Oktober 2020)

Weitere Testergebnisse stehen noch aus

Seit Dienstag sind weitere Fälle hinzugekommen. War am Donnerstagabend noch von zwei Angestellten und sechs Bewohnern die Rede, spricht Granwehr am Freitagvormittag von drei Angestellten und zehn Bewohnern, bei denen der Coronatest positiv ausgefallen ist. Ein 97-jähriger Mann ist am Donnerstagabend zudem gestorben. Dieser sei schwer krank gewesen und habe seinen Todeswunsch schon lange geäussert, sagt Granwehr.

Christina Granwehr, Direktorin Alterszentrum Schäflisberg.

Christina Granwehr, Direktorin Alterszentrum Schäflisberg.

PD
«Er ist nicht wegen Corona gestorben. Das Virus hat das Ganze aber beschleunigt. Der Bewohner wünschte keine Spitaleinweisung.»

Bezüglich der Anzahl Infizierter betont Granwehr, dass es sich dabei um den jetzigen Stand handelt: Weitere Testergebnisse stehen noch aus.

Ein Infizierter befindet sich im Spital. Er habe dies gleich bei der Diagnose gewünscht, sagt Granwehr. «Er hatte eigentlich keine schweren Symptome. Der Bewohner ist ursprünglich Arzt und ihm war die Verlegung in ein Spital wichtig.»

Die Krankheitsverläufe unter den Infizierten sind laut der Direktorin sehr unterschiedlich. Einige Bewohnerinnen und Bewohner Mitte 80 hätten mit Durchfall, Fieber und Erbrechen gekämpft. Ihnen gehe es inzwischen aber wieder gut. «Sie sind etwas müde.» Ein Mann habe von Zeit zu Zeit Probleme mit dem Atmen. Er werde dann jeweils mit Sauerstoff versorgt. Eine über 90 Jahre alte Frau habe derweil gar keine Symptome.

«Allgemein bin ich erstaunt, dass die Symptome bei den meisten bis jetzt eher leicht sind.»

Nicht alle halten es im Zimmer aus

Die Bewohnerinnen und Bewohner des Alters- und Pflegeheim müssen nun erst einmal in ihren 1-Zimmer-Wohnungen ausharren. Das Personal bringt ihnen dreimal am Tag das Essen. Nebst der Schutzmaske, die sowieso schon lange Pflicht ist, tragen die Mitarbeitenden bei jenen Personen, die positiv sind, einen Schutzkittel. Eine Aktivierungstherapeutin schaue bei den Bewohnern vorbei und schlägt ihnen beispielsweise vor, ein Kreuzworträtsel zu lösen. Viele würden aber vor allem Musik hören, lesen und Fernseh schauen.

«Wir sperren aber niemanden ein», betont Granwehr. Eine Frau habe sich dagegen gesträubt, im Zimmer zu bleiben. Da sie negativ getestet wurde und keine Symptome zeigte, durfte sie hinaus. Auch andere Bewohner ziehe es manchmal aus dem Zimmer.

«Wir bieten ihnen dann jeweils einen Spaziergang im Gang an.»
Das Schäflisberg befindet sich im Klosterviertel.

Das Schäflisberg befindet sich im Klosterviertel.

Arthur Gamsa (16. Oktober 2020)

Wichtig sei, sagt Granwehr, die Begegnungen so kurz wie möglich zu halten. Die meisten würden das verstehen. Hadern mit dem Besuchsverbot würden hingegen einige Angehörige. Dieses müsse man aber sicher noch bis Anfang nächster Woche aufrechterhalten, um die Ansteckungskette zu unterbrechen. Am Montag werde das weitere Vorgehen besprochen.

Viele Bewohner nehmen es gelassen

Die Stimmung im Schäflisberg sei trotz allem eigentlich gut. «Viele Bewohnerinnen und Bewohner sagen, dass eine Infektion nicht so schlimm wäre. Sie seien schon alt und hätten keine Angst vor dem Sterben», sagt Granwehr.

«Der alte Mensch ist da eher gelassen.»

Viele seien zudem schon lange krank. Auch das Personal mache «unheimlich gut» mit, darüber sei sie sehr froh.

Die Direktorin fühlt sich aber etwas alleine gelassen vom Kanton. Am Mittwoch, als sie das Heim dicht machte, habe sie den ganzen Tag Anweisungen vom Contact-Tracing erhalten. «Seit Donnerstag habe ich gar nichts mehr gehört.» Man sei zwar professionell aufgestellt und habe schon lange Schutzkonzepte, trotzdem sei es eine grosse Umstellung, gleich ein ganzes Heim unter Quarantäne zu stellen.

Eigentlich müsste das Personal in Quarantäne

Christina Granwehr spricht ein anderes Problem an. Das Alterszentrum ist in drei Häuser aufgeteilt. In jedem arbeiten 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Steckt sich jemand vom Personal an, müsste der Rest gemäss Kanton in Quarantäne.

«Das ist aber schlicht nicht möglich, da wir unsere Bewohner pflegen und betreuen müssen und wir nicht über ausreichend Ersatzpersonal verfügen.»

Als sich dieses Jahr schon einmal eine Mitarbeiterin infiziert hatte, liess Granwehr die Angestellten, die Symptome zeigten, testen und beantragte eine Sonderbewilligung beim Kanton, damit das Team trotzdem weiterarbeiten konnte.

«Wie das Virus ins Heim gelangt ist, weiss ich nicht», sagt Christina Granwehr. Ob die Fälle alle von einer Person ausgingen oder ob sich manche gleichzeitig irgendwo angesteckt hätten, sei «sehr schwierig zu sagen». Nachdem sich eine Bewohnerin am 9. Oktober testen liess und danach erfuhr, dass sie positiv war, sei gleich «ein Fall nach dem anderen dazugekommen». Alle seien immer äussert sorgfältig gewesen, sagt Granwehr. So würden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie der Besuch seit März immer Masken tragen und auch der Abstand werde eingehalten.