Wiborada-Projekt
Das Erinnern geht weiter: Bis 2026 lassen sich jedes Jahr im Mai Freiwillige auf Spuren der heiligen Wiborada einsperren

Das Wiborada-Projekt hat vor einem Jahr schweizweit und darüber hinaus grosse Wellen geworfen. Schnell war den Initiantinnen klar, dass sie das Projekt weiterführen wollen, um St.Gallens vergessene Heilige ins Bewusstsein zu rücken. Am Samstag startet das Projekt in die zweite Runde. Noch vier weitere sind geplant.

Julia Nehmiz
Drucken
Die St.Galler Theologin Hildegard Aepli in der nachgebauten Wiborada-Zelle an der Kirche St.Mangen.

Die St.Galler Theologin Hildegard Aepli in der nachgebauten Wiborada-Zelle an der Kirche St.Mangen.

Bild: Ralph Ribi (2. April 2021)

Die Zelle steht. Eng schmiegt sie sich an die Kirche St.Mangen. Seit über einem Jahr. Jetzt zieht wieder Leben ein. Am Samstag startet das Wiborada-Projekt zum zweiten Mal. Nachdem die Durchführung vor einem Jahr überaus erfolgreich war, beschlossen die Initiantinnen um die St.Galler Theologin Hildegard Aepli, das Projekt weiterzuführen. Jetzt ist sogar klar: «Wir führen das Projekt weiter bis 2026.» Jedes Jahr wird der Mai zum Wiborada-Monat, bis sich 2026 ihr Todestag zum 1100. Mal jährt.

Doch so umfangreich wie bei der ersten Durchführung wird das Projekt nicht mehr. Erstreckte es sich letztes Jahr über zehn Wochen, sind es nun fünf Wochen. Das heisst, dass sich fünf Freiwillige für je eine Woche in die Zelle einschliessen lassen. Der Aufwand wäre sonst nicht mehr zu stemmen, sagt Aepli.

Ähnlich gross wie die historische Zelle der Heiligen, aber mehr Komfort

Am Samstag startet das ökumenische Projekt. Ein Stationenweg in und um die Kirche erinnert an die St.Galler Heilige. Von 10 bis 16 Uhr ist «Tag der offenen Zelle», man kann die Klause besichtigen, in der die fünf Wiboradas auf Zeit leben werden. Mit ihren zwölf Quadratmetern ist die Zelle ähnlich gross wie die damalige Zelle der heiligen Wiborada. Doch natürlich viel komfortabler. Elektrisches Licht, ein Bett, Tisch, Stühle, helles Holz, Vorhänge, Bilder, Bücher, Waschtisch, Toi-Toi-WC – und ein Notfallschlüssel, damit man sich selber befreien könnte.

Am Samstag, am Tag der offenen Zelle, kann man die kleine Klause auch von innen besichtigen.

Am Samstag, am Tag der offenen Zelle, kann man die kleine Klause auch von innen besichtigen.

Bild: Ralph Ribi

Wiborada sei die vergessene Heilige, sagt Hildegard Aepli. Die Theologin hat selber erst vor zehn Jahren von der Heiligen erfahren. Die Geschichtsschreibung stützt sich auf Gallus, Otmar, Vadian. «Die Frauengeschichte, die wir auch in unserer DNA haben, damit wissen wir nichts anzufangen. Das hat in mir ‹Skandal-Energie› geweckt», sagte Aeplivor dem ersten Wiborada-Projekt zum «Tagblatt». Das ökumenische Projekt sei ein Mahnmal für vergessene Frauengeschichte. Die Stadt St.Gallen habe da eine Menge aufzuarbeiten.

Deswegen wird es nun weitergeführt. Es geht nicht nur um die vergessene Heilige, sondern auch um vergessene Frauengeschichte, die Identität der Stadt St.Gallen, Geschichtsausblendung, um Bildung – was wird zu Gallus vermittelt, was zu Wiborada. Das Projekt habe grosses Potenzial, sagt Aepli:

«Wir in der Stadt St.Gallen haben eine Gestalt, die zum Mahnmal werden könnte für vergessene Frauengeschichte.»
Die heilige Wiborada auf einer Darstellung von 1430/1436.

Die heilige Wiborada auf einer Darstellung von 1430/1436.

Bild: Stiftsbibliothek St.Gallen, Cod. Sang. 586

Die heilige Wiborada rettete die St.Galler Bücher

Die heilige Wiborada liess sich im Jahr 916 in einer Zelle bei der damaligen Kirche St.Mangen einmauern. Ein Fenster zur Kirche, damit sie an den Gottesdiensten teilnehmen konnte, eines zur Stadt, durch das ihr Essen gereicht wurde und durch das sie Ratsuchenden Hilfe gab. Am 1. Mai 926 wurde sie von einfallenden Ungarn ermordet. Zuvor hatte sie den Abt des St.Galler Klosters vor dem Einfall der Ungarn gewarnt, er solle die Schätze und die kostbaren Handschriften in Sicherheit bringen – was er dann auch tat. Sie selber wollte in ihrer Klause bleiben. Sie starb als Märtyrerin, wurde 1047 als erste Frau heiliggesprochen. (miz)

Enorme Resonanz: Die Inklusinnen und Inklusen empfingen 810 Besuche

Jetzt wird der Mai wieder zum Wiborada-Monat. Hildegard Aepli hatte sich letztes Jahr als erste Inklusin einsperren lassen. Es sei eine Woche voller paradoxer Erfahrungen gewesen, sagte sie danach: Stille und Stadtleben, eingeschlossen und frei, zurückgezogen und öffentlich, ausgeliefert und trotzdem geborgen sein. 137 Gespräche am offenen Fenster führte alleine sie. Die zehn Wiboradas und Wiborados (letztes Jahr beteiligten sich auch drei Männer am Projekt) empfingen insgesamt 810 Besuche. Sie hörten zu, nahmen Anliegen in ihre Gebete auf, waren da – für alle. Das habe so enorme Resonanz ausgelöst, dass man das wiederholen wolle. sagt Aepli.

In der Kirche St.Mangen gibt es ein kleines Fenster in die Zelle.

In der Kirche St.Mangen gibt es ein kleines Fenster in die Zelle.

Bild: Ralph Ribi

Nächste Woche, am 29. April, zieht die erste Inklusin in die Klause. Hildegard Aepli wird sie als Seelsorgerin jeden Morgen besuchen, wird Brot und Wasser und gute Worte bringen. Sie selber macht nicht wieder mit: Es gab genug Interessentinnen, acht Frauen bewarben sich für die fünf Plätze. Und: Je mehr Personen die Erfahrungen auf Wiboradas Spuren erleben können, desto mehr Kraft gewinne das Projekt, sagt Aepli.

Wiborada-Projekt vom 23. April bis 4. Juni; am 23. April ist von 10 bis 16 Uhr «Tag der offenen Zelle»; um 18 Uhr feiert das Buch «Wiborada von St.Gallen. Neuentdeckung einer Heiligen» Vernissage in der Kirche St.Mangen; am 29. April wird die erste Inklusin um 18.30 Uhr mit einem Ritual in die Zelle eingeschlossen.