Wetter

St.Gallen versinkt im Schnee: Chaos auf den Strassen, verständnisvolle Passagiere und lachende Gesichter

Ein Sturm brachte über Nacht und den ganzen Tag Schnee mit sich. Viel Schnee. Dieser wirbelte so einiges durcheinander, löst aber auch Lächeln aus. Eindrücke aus der Gallusstadt.

Diana Hagmann-Bula, Dinah Hauser, Sandro Büchler
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Kaum geräumt, liegt wieder Flaum: Der Schneeräumdienst ist gefordert.

Kaum geräumt, liegt wieder Flaum: Der Schneeräumdienst ist gefordert.

Bild: Ralph Ribi

Reifen drehen beim Anfahren an der Kreuzung durch. Kinder bewerfen sich gegenseitig mit weissen Bällen im Quartier Riethüsli. Ein Lieferwagen montiert vor der St.-Leonhard-Brücke mitten auf der Strasse die Schneeketten. In Rotmonten faszinieren Bäume, deren Äste sich unter dem Gewicht der Massen biegen. Kaum geräumt, liegt schon wieder weisser Flaum auf den Strassen. Kurzum: St.Gallen steht an diesem Donnerstag der Schnee bis zum Hals.

Wer diesen Morgen aus dem Haus will, muss eine grosse Portion Geduld mitbringen; Personen, die mit dem Auto unterwegs sind, brauchen mitunter einen ruhigen Fuss und viel Koordination. Die Autobahn ist zu, also heisst es ab durch die Stadt. Steile Quartierstrassen mit einem kleinen Fahrzeug zu erklimmen, scheint ein Ding der Unmöglichkeit, wie zahlreiche Spuren im Schnee belegen. Beim Blumenbergplatz schafft es ein Lieferwagen nicht die Steigung hinauf. Der Fahrer legt den Rückwärtsgang ein und wendet quer über die Strasse.

Spitex läuft auch bis zur Haustüre

Auch die Autos der Spitex-Mitarbeitenden pflügen sich durch die Schneemassen.

Auch die Autos der Spitex-Mitarbeitenden pflügen sich durch die Schneemassen.

Bild: Sandro Büchler

Ein Spitex-Wagen fährt rückwärts die Wildeggstrasse runter. Weiter vorne ist im Schnee zu sehen, wie die Fahrerin gespult ist, bevor sie sich entschieden hatte, umzukehren. Muss die Klientin jetzt auf ihre Tabletten warten? Auf den Verbandswechsel? «Trotz der widrigen Umstände erreichen wir alle unsere Kundinnen und Kunden», sagt Michael Zellweger, der seit kurzem Geschäftsführer der Spitex St.Gallen ist. Schaffe es das Spitex-Personal wegen der Schneemassen mit dem Auto nicht bis zur Haustüre, laufe man halt ein Stück. Denn gerade jetzt seien die Spitex-Mitarbeitenden teils die einzigen Personen, mit denen die Kundinnen und Kunden wegen der Pandemie noch Kontakt haben.

Es kommt am Donnerstag zu vielen unangenehmen Verkehrssituationen, die meisten enden jedoch glimpflich, wie Dionys Widmer, Mediensprecher der Stadtpolizei St.Gallen, sagt. Bis Mittag werden sechs Unfälle gemeldet, am Nachmittag keine mehr – niemand wird verletzt, nur geringer Sachschaden entsteht. «In den meisten Fällen konnten sich die Involvierten gütlich einigen. Ohne Polizei», sagt Widmer. Wegen des starken Schneefalls und teils vereister Strassen bleiben mehrere Fahrzeuge auf Stadtgebiet stecken und behindern den Verkehr. Am Nachmittag sind es deren 15, wie die Polizei mitteilt. Sie sperrt kurzzeitig Strassen, um grössere Staus zu verhindern.

Auf der St.Leonhardstrasse bleibt ein Lastwagen stecken. Bis die Schneeketten montiert sind, regelt die Polizei den Verkehr.

Auf der St.Leonhardstrasse bleibt ein Lastwagen stecken. Bis die Schneeketten montiert sind, regelt die Polizei den Verkehr.

Bild: Ralph Ribi

Passagiere haben Verständnis

«Wir sind ausgerüstet, aber der Individualverkehr verstopft die Strassen», sagt denn auch Walter Schwizer, Leiter Betrieb Ost von Postauto. Die Fahrerinnen und Fahrer sind für Schnee ausgebildet, Ketten in jedem Fahrzeug griffbereit. «Wir müssen aber langsamer fahren und können den Fahrplan nicht immer einhalten. Auch Kursausfälle sind nicht zu vermeiden», so Schwizer weiter. Am sogenannten Leitplatz habe er deshalb die Anzahl Mitarbeiter erhöht. Sie überwachen den Postautoverkehr nicht nur wie sonst, sondern lenken ihn.

«Ein Spezialtag. Wir machen das Möglichste möglich. Aber die Sicherheit hat höchste Priorität.»
Postautos fahren mit montierten Schneeketten durch St.Gallen.

Postautos fahren mit montierten Schneeketten durch St.Gallen.

Bild: Arthur Gamsa

Das müssen die Fahrerinnen und Fahrer auch jenen Passagieren kommunizieren, die vergessen, wie ausserordentlich die Strassenverhältnisse gerade sind. Und sich darüber ärgern, den Anschluss allenfalls zu verpassen. «An Tagen wie diesen fahren auch Menschen mit, die sonst wenig mit uns unterwegs sind, sondern meist mit dem Auto pendeln. Gerade bei diesen Personen braucht es die eine und andere Aufklärung unseres Fahrpersonals bezüglich Fahrplaneinhaltung.»

Die Verspätungen sind am Marktplatz besonders sichtbar. Statt der Ziele steht auf den Anzeigen neben der Liniennummer meist «Verspätet». Die Busse stauen sich hier bis zum Schibenertor. Einige Kurse fallen aus oder bedienen nur die halbe Strecke. Einem Passagier werden die Schneemaden am Strassenrand im Quartier zum Verhängnis. Beim Aussteigen sinkt er gut einen halben Meter ein und kippt auf die Seite. Sein junger Begleiter kann ihn gerade noch festhalten, bevor Schlimmeres passiert.

Fahrgastinformation am Bohl: Auf Facebook nannte ein Städter das am Donnerstagmorgen «Schneefahrplan oder Buslotto».

Fahrgastinformation am Bohl: Auf Facebook nannte ein Städter das am Donnerstagmorgen «Schneefahrplan oder Buslotto».

Bild: Reto Voneschen

Das Verständnis bei den Fahrgästen sei jedoch gross, heisst es bei den Verkehrsbetrieben St.Gallen (VBSG). Die Dankbarkeit bei pünktlichem Eintreffen ebenso. «Soeben hat jemand per E-Mail Merci gesagt für die sehr geringe Verspätung am Bahnhof», sagt Ralf Eigenmann, Unternehmensleiter der VBSG. Setzen sich Chauffeurinnen und Chauffeure an Tagen, an denen Schnee fällt und fällt und fällt und Strassen in Eisbahnen verwandeln, nicht mit einem mulmigen Gefühl ans Steuer? Eigenmann: «Schon möglich, aber es gibt auch die anderen. Jene, die es lieben, unter solchen Bedingungen zu fahren.»

In St.Gallen sei man sich Schnee ja gewohnt. Ausserdem hätten die Fahrerinnen und Fahrer erst vor kurzem ein Fahrsicherheitstraining absolviert. «Ein gutes Gefühl, wenn man Tipps und Tricks kennt, mit denen man ein solches Riesentier wieder in den Griff bekommt.»

Gutes Wetter für Geschäft der Taxifahrer

Taxifahrer brauchen ebenfalls mehr Zeit, um ans Ziel zu kommen. Grund zur Freude haben sie dennoch. «Das beste Wetter für unser Geschäft», sagt ein Fahrer und lächelt. Die hauptsächlich ältere Kundschaft wage sich bei der Glätte nicht zu Fuss raus. Ein Anruf beim Taxiunternehmen genügt, um doch Besorgungen machen zu können. Frühmorgens hatte der Mann noch mit einem Schulbus Kinder aus der Region zur Sprachheilschule gebracht. «Sie hatten grosse Freude, mal 30 Minuten zu spät kommen zu dürfen», erzählt er.

Auch Postboten haben mit den Schneemassen zu kämpfen. Ein Bote parkiert seinen Lieferwagen am Strassenrand und lehnt sich gefährlich weit über die Schneemade, um an die Pakete zu kommen, die er ausliefern soll. Kurz nach elf Uhr fährt ein anderer Postbote in St.Georgen mit dem Elektrotöff vor. Auf dem Anhänger liegt Schnee, vom Hut des Mannes tropft Schmelzwasser. Er nimmt das Wetter gelassen hin. Könne man ja nicht ändern, sagt er.

«Nur das Anfahren am Berg funktioniert nicht so gut wie üblich.»
Eine Postbotin beim Austragen der Post. Viele Briefkästen werden am Donnerstag mit Verspätung gefüttert.

Eine Postbotin beim Austragen der Post. Viele Briefkästen werden am Donnerstag mit Verspätung gefüttert.

Bild: Ralph Ribi

Die Post liegt deshalb eine Stunde später im Briefkasten. Reklamationen? Bisher keine. Wer nicht arbeitet, ist wohl ohnehin mit Schneeschaufeln beschäftigt. Oder er geniesst die schönen Seiten der weissen Pracht. Ein Spaziergang durch die Ruhe. Denn der Winter kann auch anders, als Verkehrschaos und Verspätungen anzurichten. Er dämpft den Lärm, die Hektik. Das Stillsein ist sein Glück. Hat schon Schriftsteller Robert Walser geschrieben.

In den verwinkelten Strassen der Altstadt sind kaum Menschen zu sehen, auf dem Klosterplatz herrscht Stille, man hört fast das Aufschlagen der Schneeflocken. Einzig bei den Laternen der Erinnerung ist ein Mann anzutreffen. Er richtet die Tannenzweige, welche von den Schneemassen nach unten gedrückt werden.

So viel der Schnee auch durcheinandergewirbelt hat, so freuen sich auch einige über die weisse Pracht. Eine Mutter steigt mit Töchterchen und Schlitten aus dem Bus. Es kann sich kaum halten, so sehr freut es sich, auf dem Schlitten zu sitzen. So kommt man auch die Strasse hinunter.

Besonders Kinder haben Freude an dem vielen Schnee. In einigen Quartieren sind Schneeballschlachten zu beobachten.

Besonders Kinder haben Freude an dem vielen Schnee. In einigen Quartieren sind Schneeballschlachten zu beobachten.

Bild: Ralph Ribi

Skiliftbetreiber freuen sich über den Schnee

Der grosse Schnee dürfte die Betreiber der städtischen Skilifte freuen. Besonders nachdem die vergangene Saison ins Wasser fiel. Mit entsprechenden Schutzkonzepten dürfen sie die Lifte laufen lassen. Marcel Hurter vom Skilift Beckenhalde sagt:

«Es ist ein Hochgefühl, wenn Schnee in diesen Massen fällt.»

Seit Dezember verzeichnet der Lift neun Betriebstage. Allerdings läuft der Lift momentan nicht wegen einer defekten Bremse. Diese sollte am Freitag geliefert werden. «Läuft alles gut, dann können wir am Samstag den Lift wieder in Betrieb nehmen», sagt Hurter. Als Vorbereitung würden am Donnerstagabend die Pisten präpariert und der Schnee angepresst für eine gute Unterlage.

Der Skilift Vögelinsegg verzeichnet derzeit viele Anfragen von Schulen und privaten Gruppen, wie Präsident Christof Chapuis sagt. Bisher verzeichnet der Lift zehn Betriebstage.

«Wir sind dankbar, dürfen wir offen haben bei so schönem Schnee. Und die Gäste freut es, doch noch etwas unternehmen zu können.»

Die Stimmung sei allgemein gut. Jedoch sei Unsicherheit im Team da, dass Skilifte doch noch schliessen müssen.

Der Skilift am Schlösslihang konnte am Donnerstag nicht öffnen, weil es wegen des starken Schneefalls nicht möglich war, die Piste zu präparieren. «Am Freitag werden wir wieder aufmachen», sagt Stevan Dronjak, technischer Leiter des Skilifts. Bisher verzeichnet der Skilift rund zehn halbe Betriebstage. Die Gäste hielten sich an das Schutzkonzept. «Es ist uns ein Anliegen, dass wir den Skilift in Betrieb halten können.» Wegen der Coronamassnahmen stünden allerdings weniger Parkplätze zur Verfügung.