Eine Hecke in Wittenbach ist die schönste im ganzen Kanton: Hier wohnen Mäuse, Vögel und Blindschleichen

WWF, Pro Natura und Bauernverband kürten die Hecke von Lucia und Marcel Neff in Wittenbach zur wertvollsten im ganzen Kanton St.Gallen. Die 175 Meter lange Siegerhecke ist schon 40 Jahre alt und bietet seltenen Tieren Unterschlupf.

Marion Loher
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Die schönste Hecke im Kanton wurde von Pro Natura, WWF und Bauernverband gekürt. Sie steht am Sonnenhügel in Wittenbach auf Land von Wendelin Aeppli, das von Familie Lucia und Marcel Neff bewirtschaftet. (Bild: Urs Bucher)

Die schönste Hecke im Kanton wurde von Pro Natura, WWF und Bauernverband gekürt. Sie steht am Sonnenhügel in Wittenbach auf Land von Wendelin Aeppli, das von Familie Lucia und Marcel Neff bewirtschaftet. (Bild: Urs Bucher)

Pia Hollenstein macht es spannend. Die ehemalige Nationalrätin der Grünen und das heutige Vorstandsmitglied von Pro Natura St.Gallen-Appenzell hat die Aufgabe gefasst, den Sieger oder die Siegerin der ersten St. Galler Heckenmeisterschaft in Gossau zu verkünden. Doch bevor sie das tut, sagt sie:

«Es ist eine wunderschöne Hecke, die nicht nur viel zur Biodiversität beiträgt, sondern auch herrlich zum Anschauen ist. Man sieht, dass in dieser Hecke ein jahrelanges Hegen und Pflegen steckt.»

Die Bäuerinnen und Bauern im Gossauer Hofstadl rätseln, auch Lucia und Marcel Neff aus Lömmenschwil ahnen zu diesem Zeitpunkt nichts. Umso grösser ist die Überraschung, als kurz darauf ihr Name fällt. «Wir haben wirklich nicht mit dem Sieg gerechnet», wird Marcel Neff später sagen. Auch Wendelin Aeple freut sich. Er ist der Eigentümer der Sieger-Hecke, auf seinem Grundstück in Wittenbach steht sie. Das junge Bauern-Paar, das einen Bio-Betrieb in Lömmenschwil führt, hat das Land nahe am Sitterufer gepachtet und kümmert sich auch um die artenreiche Hecke.

Beitrag an biologische Vielfalt

Hecken sind wichtige Natur­elemente. Viele Tier- und Pflanzenarten finden darin einen idealen Lebensraum. Hecken bremsen aber auch den Wind ab, verhindern Erosion und mildern die Extreme des Lokal­klimas. Zudem sind sie sehr gute Bienenweiden.

Die Zahl der Hecken hat in den vergangenen Jahren stark abgenommen, mittlerweile wird ihr Wert wieder mehr geschätzt.

Viele Landwirtinnen und Landwirte pflanzen und pflegen heute artenreiche Hecken und leisten damit einen wichtigen Beitrag für die biologische Vielfalt. Um die Bemühungen der Landwirtschaft zu Gunsten von Ökologie und Landschaftsbild zu würdigen, hat der WWF zusammen mit Pro Natura, dem St. Galler Bauernverband, dem Landwirtschaftlichen Zentrum und dem kantonalen Amt für Jagd und Fischerei die erste Heckenmeisterschaft im Kanton St.Gallen durchgeführt.

49 Hecken angemeldet

Am Samstag fand im Gossauer Hofstadl die Preisverleihung statt. Gemäss WWF-Vorstandsmitglied Alfred Brülisauer hatten 30 Betriebe – vorwiegend aus der Region Fürstenland – insgesamt 49 Hecken für den Wettkampf angemeldet. Alle Hecken wurden daraufhin von einem Expertenteam besucht und nach Kriterien wie Länge, Breite, Lage, Arten- und Strukturvielfalt bewertet. Die sechs schönsten und wertvollsten Hecken kamen in eine zweite Runde, woraus schliesslich der Gewinner erkoren wurde.

Haselsträucher und ­Blindschleichen

«Die Sieger-Hecke ist ein wahres Bijou», schwärmt Brülisauer. «Mit ihren 175 Metern ist sie eine relativ lange Hecke. Sie ist sehr artenreich, enthält viele Dornensträucher und trägt mit ihrer Lage am Sitterufer viel zur Vernetzung von Lebensräumen bei.» Teile der Hecke sind schon über 40 Jahre alt. Es wachsen beispielsweise Haselsträucher, Weissdorn, Schwarzer Holunder und Brombeeren sowie Traubenkirschen, Weiden, Bergahorn und Eschen. Die Hecke, die von einer zwei Hektar grossen Wildblumenwiese umgeben ist, bietet vielen, auch selten gewordenen Vögeln wie etwa dem Rotrückenwürger Nist- und Brutplatz. Aber auch Blindschleichen, Kröten, Feldmäuse und Füchse fühlen sich wohl im Gehölz.

Flug mit Heissluftballon gewonnen

Wendelin Aepli hat die Hecke in all den Jahren mit grossem Engagement gepflegt und aufgewertet, bis er sie vor gut vier Jahren Lucia und Marcel Neff verpachtete. Ein Glücksfall, sagt er, denn die junge Bauernfamilie habe dasselbe Verständnis von biologischer Vielfalt wie er. Für Marcel Neff ist denn auch klar, dass der Besitzer ebenfalls in den Genuss des ersten Preises, einer Fahrt mit dem Heissluftballon, kommen werde. Die Hecke einmal aus der Luft zu sehen, dürfte beiden gefallen.